"Heute marschieren wir in die Geschichte"

22. März 2010, 19:28

Jubel und Zorn über historischen Erfolg für Barack Obama

Mit dem Votum des US-Repräsentantenhauses hat Präsident Obama die entscheidende Schlacht um die Reform des Gesundheitssystems gewonnen. Das Triumphgeschrei überlässt er aber lieber anderen. Die Republikaner sprechen von einem Irrweg.

***

Es ist exakt 75 Minuten vor Mitternacht, als auf der schlichten Anzeigetafel die Zahl aufblinkt, auf die alle gewartet haben. Die 216 unter dem "Aye" - also "Ja". Die magische Zahl bedeutet eine Mehrheit für die Gesundheitsreform. Dass die Jastimmen noch auf 219 klettern, während die Nays bei 212 verharren, interessiert keinen mehr.

Wie eine Traube ausgelassener Teenager tanzen demokratische Abgeordnete durch den Saal, liegen sich in den Armen, bilden einen jubelnden Kreis um die elegante Dame im maßgeschneiderten Kostüm, die so etwas ist wie die Heldin des Dramas. Nancy Pelosi, Madame Speaker, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, von Freund wie Feind voller Respekt die Eiserne Lady genannt. "Yes, we can", skandieren die Feiernden und klatschen rhythmisch in die Hände. Wahlkampfstimmung. Alles, was die letzten Monate an Rückschlägen, Frust und Zittereinlagen zu bieten hatten, löst sich in einem Gefühl der Erleichterung auf.

Ob im Weißen Haus zur gleichen Zeit die Sektkorken knallen, wissen nur die Beteiligten. Nach außen bemüht sich Barack Obama um staatsmännische Würde. In der Stunde des Triumphs unterlässt er alles, was als triumphale Geste gedeutet werden könnte. Zehn Minuten vor Mitternacht steht er im Kronleuchterambiente des East Room, flankiert von Joe Biden, seinem Vize. Es sei keine leichte Abstimmung gewesen, sagt der Präsident. Doch es sei die richtige Entscheidung gewesen. "Das ist keine radikale Reform, aber es ist eine bedeutende Reform. Dieses Gesetz wird nicht alles geradebiegen, woran unser Gesundheitswesen krankt. Aber es bringt uns in die richtige Richtung. So sieht Wandel aus."

Roosevelt versus Reagan

Vorausgegangen ist eine Nervenschlacht, bei der alle Zeitpläne schnell über den Haufen geworfen werden. Zehn lange Stunden debattierten die Abgeordneten im Repräsentantenhaus. Dabei wurde deutlich: Es geht nicht bloß um eine Gesundheitsnovelle, sondern um grundlegende Differenzen in der Gesellschaftsphilosophie. Mehr Staat oder weniger Staat, Roosevelt oder Reagan: Es geht um einen Richtungswechsel, wie er in Amerika nur alle paar Jahrzehnte passiert.

Von einer historischen Stunde spricht Nancy Pelosi, und stellt die Reform auf eine Stufe mit den letzten großen sozialpolitischen Initiativen, beschlossen in den sechziger Jahren, als der Vietnamkrieg eskalierte und Lyndon B. Johnson im Oval Office regierte. Feierlich zitiert sie Ted Kennedy, den im August verstorbenen Senator: "Gesundheitsfürsorge ist ein Recht und kein Privileg". John Lewis, einst Weggefährte Martin Luther Kings, bricht fast die Stimme vor aufwallender Emotion. Es ist 45 Jahre her, da marschierte der Bürgerrechtler durch Alabama, gegen den Zorn der Rassisten, gegen Polizeiknüppel und kläffende Hunde. "Heute marschieren wir wieder", sagt Lewis. "Heute marschieren wir in die Geschichte."

Die Republikaner dagegen warnen vor dem Irrweg in den Megaschuldenstaat. Das Volk wolle kein neues Milliardenpaket, das es sich nicht leisten könne, betont John Boehner, der konservative Fraktionschef. Indem die Demokraten es durchboxten, ignorierten sie den Willen des Volkes. "Schämen Sie sich!", wettert Boehner und kündigt mit düsterem Blick die Rache des Souveräns an - bei der Parlamentswahl im November.

Draußen, auf der Südseite des hell erleuchteten Kapitols, harren die Anhänger des Tea Party aus, jene Rebellen, die einen schlanken Staat und niedrige Steuern fordern und nostalgisch von Verhältnissen wie 1776, im Gründungsjahr der Republik, träumen. Mittags waren es noch hunderte gewesen, spätabends sind es noch höchstens fünf Dutzend. "Kill the bill", rufen sie in Sprechchören. Jemand stimmt die Nationalhymne an.

Das Gesetz sei unamerikanisch, schimpft Nikki Remler, eine Hausfrau aus Savannah. Allein der Kapitalismus werde das Problem lösen, Uncle Sam könne es nicht. Man solle einfach die Konkurrenz beleben, regionale Monopole von Krankenkassen brechen, dann würden die Prämien schon sinken.

So hoch die Emotionen kochen, die Würfel sind schon vorher gefallen, abseits des Debattensaals. Gegen 16 Uhr stellt sich Bart Stupak, ein demokratischer Hinterbänkler, in einem Raum in gleißendes Scheinwerferlicht und verkündet seine Kehrtwende. Wochenlang hatte sich der Katholik, Wortführer einer kleinen Sonderfraktion, gegen die Reform gesträubt. Stupak ist Abtreibungsgegner. Die Senatsvorlage, die nun auch von der größeren Kammer abgesegnet werden sollte, gefiel ihm nicht. Sie schien ein Hintertürchen offen zu lassen, durch die Bundeszuschüsse in die Finanzierung von Abtreibungen fließen könnten. Obama garantierte ihm, das Schlupfloch zu schließen.

Am Sonntag kündigt Stupak an, nun doch mit Ja zu stimmen, genau wie einige gleich gesinnte Parteifreunde - "wir haben einen Deal". Stunden später, als er sich im Parlament zu Wort meldet, lässt ihn ein Republikaner seinen Zorn spüren. "Babykiller!", schallt es von den Bänken der Opposition. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 23.3.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 50
1 2
divis
 
03
23.3.2010, 09:50
Was mich amüsiert:

Das der "Babykiller"-Ruf von einem Betonschädel namens Neugebauer kam.

MT1
01
23.3.2010, 09:16
Was sieht man in der Zulkunft?

Man sieht einen Staat der Bankrott ist und der sich nur durch Kriege erhalten lässt!
Wer wird als nächstes angegriffen?
Wer ist die nächste Supermacht?
Krankenversicherung JA
Staatsbankrott NEIN
Da gibt es sicher genung Leute die davon im hintergrund Profitieren werden sonst hätte es ja nicht geklappt.
Im vergleich zum Irakkrieg der 200 Mio. kostet, sind die 500 Milliarden eh ein klax.
Alles gute für die Zukunft.

der Zacharias
03
23.3.2010, 09:09
Die Reps wettern auch nur dann gegen Schulden, wenn das Geld nicht ins Militär fließt,

oder in irgendwelche korrupten Firmen, die das Militär beliefern.

Scheinheilige Bande!

Der Alte vom Berge
20
23.3.2010, 09:05
Und ?

Was geht das Europa an ?

Völlig unangemessen aufgeblasene Berichterstattung.
^^

pagat ultimo
00
24.3.2010, 10:56

die chancen auf eine 2. amtszeit von obama sind mit der unterzeichung sprunghaft angestiegen - ja, ich finde das wichtig.

Der Alte vom Berge
00
26.3.2010, 10:27
Die Chance...

...das Mr.Obama das Schicksal Mr. L.B.Jonsons, ereilen wird ist Gestiegen.

Das Bürgerrechtsgesetz hat ihn schliesslich sein Amt gekostet, so Dankbar waren ihm die Americaner.

1964 Lässt Grüssen.

Fals er das Ende seiner ersten Amtszeit Erlebt.

^^

Der Alte vom Berge
00
27.3.2010, 23:16
Beinahe...

...sein Amt gekostet Hätte.

Um fair zu Bleiben.


Der Nachfolger musste es Ausbaden.


,)

Topfenbaby
05
23.3.2010, 08:22
Ich hoffe, dass die Amis sich gscheiter anstellen

als die korrupten Mostschädeln in Österreich, wo im Machtdreieck zwischen Krankenkassen, Ärztekammer und Pharmaindustrie die Patienten zerrieben werden.

Das, was man der Schulmedizin ankreidet, wie mangelnde inviduelle Behandlung und Massenabfertigung von Patienten ist eine direkte Folge des hiesigen Honorarsystems, das von den Krankenkassen vorgegeben und von der Ärztekammer approbiert wird.

Ich wünsche den Amerikanern alles Gute zur Reform. Mögen sie von den hier gängigen Auswüchsen verschont bleiben.

flint stone
02
23.3.2010, 09:57
sicko

Schau dir den Film von Michael Moore an. Das einzige, was sich jetzt ändern wird. ist, dass mehr Menschen versichert sind und sie nicht wie früher von der Versicherung abgelehnt werden können. Aber sonst wird - wie bisher - bei den Leistungen gespart werden, weil da das meiste Geld zu holen ist und die Privatversicherungen eine Rendite von 20% erwarten. Auf Österreich umgelegt hieße dass: Leistungskürzungen um 15%!!!

ERP
 
02
23.3.2010, 09:24
Danke für diesen Beitrag !

Sosehr es wünschenswert ist, daß jeder, unabhängig von seiner finanziellen Lage, Zugang zur medizinischen Versorgung hat, haben wir in Österreich trotz der erzwungenen Beitragszahlung für alle, erst wieder nur ein Zweiklassensystem:

Ärzte und Spitäler reißen sich in ihrer Geldgier um Privatpatienten und Zusatzversicherte. Gesetzlich Versicherte erhalten zwar theoretisch dieselbe Behandlung, wie etwa bei Operationen aber erst am Nimmerleinstag, wo es oft schon zu spät ist.

Tun wir daher nicht so, als hätten wir keine Zweiklassenmedizin.

silverfinger
00
23.3.2010, 09:12

äh ... die amis haben niemals so ein system gehabt .. kein machtdreieck ... keine richtige krankenkassa etc.

da drüben hat' geheißen: Arbeit weg - Versicherung weg ... ach ja und Zahnarzt zB kostet sowieso extra

Anna Aichinger91
 
11
23.3.2010, 07:27
Change...

ist also doch möglich. Wer Sicko von Michael Moore gesehen hat wie ich, ist doch froh über diesen positiven Wandel.

Andreas Ilger
32
23.3.2010, 07:22
Wieso zahlt sich nicht jeder seine Versicherungsprämien selbst? Typisch angewandter Sozialismus.

Noch dazu wo das Programm nun vor allem Leute des Mittelstandes verpflichtet, sich zwangsweise zu versichern.

ente,ente,ente,ente,ente,ente,ente,...
00
26.3.2010, 12:51

würden sie sich etwa nicht versichern? egal ob zwangsweise oder nicht?

je mehr dabei sind, desto billiger. wenn man sich erst versichert, wenn man schon alt und kränklich ist, geht jedes gesundheitssystem in die knie...

pagat ultimo
00
24.3.2010, 10:58

eine frage der kosteneffizienz.

der anteil der gesundheitskosten am bip ist in ländern mit beitrags- bzw. steuerfinanzierten sozialen systemen wesentlich niedriger als in den usa.

Functio Laesa
01
23.3.2010, 09:47
Na selbst zahlen werden sie das eh müssen

die bekommen das ja nicht geschenkt aber es wird wohl darauf rauslaufen dass es sich die Menschen auch leisten können. Und für die Härtefälle springt halt die Gemeinschaft ein. Die Krankenversicherung strebt ja grundsätzlich nach maximalem Profit und minimalen Leistungen. Das ist keine soziale Einrichtung auch wenns manche glauben sondern dort soll Geld produziert werden. Und dem stehen die Kranken dann im Weg. Bei uns ist das anders. Da wärs schon schön wenn die Krankenkasse nur einfach kostendeckend wäre.

Alphysiker
20
23.3.2010, 06:03
Die Versicherungsfirmen haben viel zu Jubeln. Dia amerikanische Leute werden noch mehr ausgeraubt....

Gigerius
35
23.3.2010, 01:50
Irgendwie sehr bewegend...

Man denkt sich, dort wurde jetzt etwas wirklich enorm wichtiges entschieden, etwas mit historischem Gewicht. Eine Entscheidung, die nicht einfach war und viele Gegner hatte... worum ging es nochmal?? ..,daß jeder das Recht auf eine Gesundheitsvorsorge, also garantierte Krankenbehandlung hat... ....aber sollte das nicht klar sein? Sollte daß nicht jeder denken? Wollen wir unsere Mitmenschen also krepieren lassen, weil sie sich geschnitten haben und sich die Impfung gegen die Blutvergiftung nicht leisten können?? Oh, der Mann verblutet grad, naja, selbst schuld, er hätte sich ja Versichern können, ...oder nicht? Wie tief muß man sinken ...

Andres Wood
19
23.3.2010, 01:23
Die positive Meldung des Tages...

Zwar ist die Reform meilenweit von der Absicherung per Krankenversicherung entfernt, die wir hier in Europa genießen, aber dennoch wird Obama und Nancy Pelosi gaaaanz lange meine Hochachtung genießen!!

Nicht, daß ich mit den USA so stark verknüpft wäre, daß mich US-Innenpolitik direkt betrifft, aber ich denke an die Millionen AmerikanerInnen, die endlich ein Grundrecht auf Gesundheitsversorgung bekommen.

Ein sonniger Tag für Millionen Menschen!

Schade, daß das Ted Kennedy nicht mehr erleben durfte... (Er setzte sich über Jahrzehnte dafür ein.)

John D'oh
01
22.3.2010, 23:57

Der Abgeordnete, der "Babykiller" gerufen hat, heißt Neugebauer. Wieder was gelernt.
http://www.cnn.com/2010/POLI... tml?hpt=T1

rudi rednose
04
22.3.2010, 21:51
Ich hatte ja schon an ihm gezweifelt - aber er hat mich

nun eines Besseren belehrt.

Schwindlers List
103
22.3.2010, 21:41

Uii, Ist ja fast wie im Kino. Ein bissl sportlich und lässig, ein paar coole Sprüche in english ""yeah, we can", schwarz is er und was solls, den Nobelpreis hat er ja auch...

Obama, du bist soo geil, wir folgen dir bis nach Afghanistan, mindestens!!!

Andreas Ilger
00
23.3.2010, 09:51

ja kohlrabenschwarz isser. wow!

joergipoergi
11
23.3.2010, 07:45

ujeh, passt die ihnen die Reform nicht in ihr Konzept, der Ami wird sowieso nix ändern, weil, ja weil Ami is halt Ami und bleibt auch Ami und überhaupt, die Amis sind die Bösen!!!

dude 303
18
23.3.2010, 00:43

afghanistan (und nebenbei den irak auch noch) hat uns aber ein garnichtschwarzer, garnichtcooler typ eingebrockt!

ich glaube bush hiess der nicht wahr!

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