"Deutsch ist für uns eine Fremdsprache"

22. März 2010, 18:26
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Ein Modellversuch soll gehörlosen Studierenden den Zugang zum Studium erleichtern

Wien - Gehörlose kämpfen beim Zugang zu Bildung mit großen Hürden: in Österreich gibt es nur 20 bis 40 gehörlose Studierende. Das soll sich nun mit dem Modellversuch Gehörlose Studierende (Gestu) an der Technischen Universität Wien ändern. Ziel des Projekts ist es, Gehörlosen den Zugang zum Studium zu erleichtern und ihnen ein Absolvieren innerhalb der gleichen Zeit wie Hörende zu ermöglichen. Das Projekt wurde letzte Woche vom Wissenschaftsministerium bewilligt, was die Grünen-Politikerin und erste gehörlose Nationalratsabgeordnete Österreichs, Helene Jarmer, die das Projekt unterstützt, sehr überrascht: "Im Jänner hat es noch geheißen, es gibt keine finanziellen Mittel", meint sie beim Pressegespräch mit dem Standard.

Gehörlose können ohne Dolmetscher auf der Universität kaum zurecht kommen. Einfach Mitschriften zu organisieren und Skripten zu lernen funktioniert nicht: "Deutsch ist eine Fremdsprache, unsere Muttersprache ist die österreichische Gebärdensprache", sagt Barbara Hager, Vorsitzende des Vereins Österreichischer Gehörloser Studierender. Probleme gebe es auch mit Professoren, "viele akzeptieren keine Dolmetscher und wollen uns nicht mündlich prüfen", sagt sie.

Eine weitere Hürde ist der finanzielle Aufwand, ein Dolmetscher kostet pro Stunde 80 Euro. Unterstützung bekommen Gehörlose kaum, die Rechtslage sieht in Österreich - anders als in Deutschland - keine Kostenübernahme vor. Wird ein Antrag bewilligt, gibt es 450 Euro monatlich, damit ist eine Vorlesung im Semester gedeckt. "Mit der jetzigen Regelung brauche ich 20 Jahre für mein Studium", erzählt Ilona Seifert Mitarbeiterin bei Gestu.

Vorbild für Gestu ist die Servicestelle für gehörlose Studierende an der Universität Hamburg, die seit drei Jahren erfolgreich existiert: "Ich kann mein Studium in der gleichen Zeit absolvieren wie hörende Studierende", erzählt Lutz Pepping, Vorsitzender der "interessengemeinschaft der Deaf studentInnen", stolz. Allein in Hamburg studieren mittlerweile mehr als 50 Gehörlose. (Astrid-Madeleine Schlesier, DER STANDARD, Printausgabe, 23.3.2010)

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