Feuchte Sommer förderten Pest-Ausbreitung

22. März 2010, 17:40
27 Postings

Wissenschafter analysieren Sommertrockenheit vom Hochmittelalter bis in die Gegenwart anhand von Jahresringen

Mainz - Die Pestwellen waren für Europa derart prägende Abschnitte der Geschichte, dass sie zu einem aus verschiedensten Blickwinkeln beforschten Thema wurden - und auch immer wieder Anlass zu Spekulationen boten. Vor einigen Jahren kam sogar die - inzwischen wieder verworfene - These auf, dass es sich beim "Schwarzen Tod" nicht immer um die eigentliche Pest - übertragen vom Bakterium Yersinia pestis - gehandelt habe, sondern eventuell um ein hämorrhagisches Fieber ähnlich Ebola.

Weniger spektakulär, aber dafür plausibler der Ansatz von deutschen und Schweizer Forschern, die sich für die klimatischen Rahmenbedingungen der Pestwellen interessierten. Zwei markante Feuchtperioden im 13. und 14. Jahrhundert kennzeichnen das späte Mittelalter in Zentraleuropa, unterbrochen von trockenem Sommerwetter zwischen etwa 1300 und 1340. "Auffallend ist der erhöhte Sommerniederschlag zwischen 1350 und 1370, also genau zu der Zeit, als die Pest ausgebrochen ist und sich über den ganzen europäischen Kontinent verbreitet hat", konstatiert Ulf Büntgen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im schweizerischen Birmensdorf.

Was Jahresringe zu erzählen haben

Wie sich das Klima entwickelt hat, können Wissenschafter heute anhand von Jahresringen historischer Eichenhölzer rekonstruieren. Für ihre Studie haben die Wissenschafter 953 unterschiedliche Eichenhölzer untersucht, teils von lebenden Bäumen für die jüngere Vergangenheit, teils von altem Bauholz aus Fachwerkhäusern, Schlössern und Kirchen für die letzten rund 1.000 Jahre. Indikator ist die Breite: Feuchte Sommer führen zu gutem Wachstum und damit zu breiteren Jahresringen.

Alle Proben stammen von Nordhessen und Südniedersachsen, die lebenden Hölzer aus der Region Nationalpark Kellerwald-Edersee. "Die Eichen reagieren hier besonders sensitiv auf Klimaveränderungen", erklärt Büntgen die Standortauswahl. Die älteste Holzprobe, welche in der vorliegenden Studie berücksichtigt wurde, datiert bis ins Jahr 996 zurück, eine Zeit, als sich gerade das Heilige Römische Reich deutscher Nation auszubilden begann. 135.000 einzelne Jahresringbreiten-Messungen ergeben ein detailliertes Bild vom Mittelalterlichen Klimaoptimum (feucht-warm) über die Kleine Eiszeit (trocken-kalt) bis zur Industriellen Erwärmung (trocken-warm).

"Wir denken, dass unsere Ergebnisse auch für die Geschichtswissenschaft hilfreich sind, wenn es darum geht, Trockenheit mit Hungersnöten und vielleicht sogar Völkerwanderungen in Verbindung zu bringen", sind sich die Klimaforscher Büntgen und Jan Esper von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz einig. In weiteren Untersuchungen wollen sie sich weiter mit den europäischen Pestwellen befassen. (red)

  • Die Sommertrockenheit im Deutschland der vergangenen 1.000 Jahre
    abb.: dr. ulf büntgen

    Die Sommertrockenheit im Deutschland der vergangenen 1.000 Jahre

Share if you care.