Stirbt Russland aus?

22. März 2010, 17:50

Zur weltweit einzigartigen Bevölkerungsentwicklung im Osten von UN-Europa

Ohne Zuwanderung gäbe es 12 Millionen Russen weniger in 14 Jahren: Russland (wie auch die Ukraine) schrumpft in einer Größenordnung, um die Ägypten, die Türkei, der Iran, Vietnam oder die Philippinen und andere Mittelmächte wachsen - von Bevölkerungsexpansionen in Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Bangladesh, Indonesien, Mexiko, Brasilien, Äthiopien oder Kongo oder den neuen Großmächten von China bis Indien gar nicht zu reden. Stirbt Russland, immer noch eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde, mittel- bis längerfristig aus?

Der Westen und Japan altern bei rasch zunehmender Lebenserwartung und weit verbreiteter Langlebigkeit: immer mehr immer ältere Menschen bleiben immer "jünger" und sterben immer später. Mütterchen Russland, ganz im Gegensatz, altert ohne überhaupt alt zu werden - es stirbt jünger, doch das mittlere Alter steigt trotz sinkender Lebenserwartung!

Kollektiv Älter werden und Altern, ohne alt zu werden und ohne je individuell länger zu leben: Russland gehört zu den ganz wenigen Ländern weltweit, in dem die Lebenserwartung niedriger ist als vor einem Jahrzehnt - und sogar niedriger als vor einem halben Jahrhundert!

Eine katastrophale Welle vorzeitiger Sterblichkeit rafft vor allem Männer mittleren Alters hinweg: Nicht einmal jeder zweite erreicht auch nur das Pensionsalter. Dementsprechend ist die Lebenserwartung bei Geburt für Männer heute auf 58,9 Jahre abgesunken (noch ohne bis zu 50 Prozent "under-reporting" der Säuglingssterblichkeit einzurechnen) und bewegt sich damit unter dem Niveau sehr viel ärmerer Länder wie Bangladesch, Nepal, aber auch Pakistan oder China. Im Distrikt Koryak sank die Lebenserwartung auf 46 Jahre, vergleichbar Nigeria, der Elfenbeinküste oder dem zentralafrikanischen Malawi; in der Altersgruppe über 55 unterscheidet sich Russland nicht mehr von Sierra Leone.

Während 1964, in der Ära Chruschtschow/Kennedy, die Lebenserwartung der Männer der UdSSR nur noch 1,9 Jahre unter den USA lag, sind es heute 16 Jahre, noch mehr hinter EU-Europa. Russland ist 2005 wo die USA 1933 und Österreich um 1945 war. In den späten 1980er Jahren war die UdSSR bereits weit zurückgefallen, aber noch vor Asien und Lateinamerika. Doch allein 1987 bis 1993 sank die Lebenserwartung um sechs Jahre, so viel wie in der gesamten Periode 1964 bis 2005.

Gleichzeitig hat sich die jährliche Geburtenzahl von rund drei Millionen 1950 auf 1,5 Millionen verringert, mit der Erwartung eines weiteren Absinkens auf unter eine Million nach 2020. Diese für Europa gar nicht unübliche Geburtenschwäche (12 EU-Länder haben derzeit eine noch niedrigere Fertilität als Russland) führt jedoch im Zusammenwirken mit der Mortalitätskrise bei Männern auch zu dramatischem Bevölkerungsschwund: 1992 bis 2006 gab es einen natürlichen Bevölkerungsverlust, d.h. einen Überhang von Todesfällen über Geburten von 12 Millionen Menschen. Von den 290 Millionen Sowjetbürgern und 148 Millionen Russen zum Zeitpunkt des Zerfalls der Sowjetunion 1991 sind gerade einmal 142 Millionen übrig, die sich bei konstanter Sterblichkeit/Fruchtbarkeit bis 2050 auf 100 Millionen, bis zum Jahr 2100 auf bloß noch 34,7 Millionen (Bandbreite 23,8 bis 46,6 Millionen) Bürger reduzieren würden.  (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 23.3.2010)

  • Alle bisherigen Kolumnen von Bernd Marin finden Sie auf der Website www.euro.centre.org

  • 27.5.2011
    • "LIFE" is Life? [80]

      Einfach unglaublich, wie ältere Mitarbeiter in der privatisierten ehemaligen Staatsindustrie behandelt werden. Noch können sie in die Frühpension flüchten

  • 25.5.2011
    • Neue Arbeitszeit-Zeiten [22]

      Im Ideenwettbewerb um Lebensqualität, humaneres und wertschöpfenderes Arbeiten haben wir eine Welt zu gewinnen. Durch sozialpartnerschaftliche Win-Win-Innovationen, statt Dialogblockaden.

  • 30.4.2011
    • "Des Ano": Unglück durch Wohlfühlpolitik [149]

      Frühpensionen sind überwiegend weder unvermeidlich, noch unfreiwillig, noch erhöhen sie Wohlfahrt und Wohlbefinden. Sie sind vielmehr sündteuer subventioniertes Unglück.

  • 2.4.2011
  • 31.3.2011
  • 26.2.2011
    • Aktive Senioren [200]

      "Eines ist unbestritten: Wenn wir so weitermachen, geht es in den Abgrund", weiß sogar der Seniorenbundobmann. Doch was folgt daraus für wen?

  • 15.2.2011
    • SOS Quotenmänner! [299]

      Diese Kolumne ist reine "Männersache", nicht für Frauen. Hoch an der Zeit, unter uns Klartext zu reden.

  • 1.2.2011
    • Rating-Meinungshandel [17]

      Schon im Jänner 2009 wurde die Rolle der "großen drei" Ratingagenturen im globalen Finanzcrash als Hehler statt als Marktgendarmen angesprochen*. Seither wissen wir noch mehr über ihre Fehlurteile und Korruption. Doch nichts geschieht, Regulierungsversuche des Binnenmarktkommissars waren ebenso erfolglos wie der US Securities and Exchange Commission (SEC). Der nächste Kollaps wird vorbereitet - und damit Unruhen in Europa?

  • 18.1.2011
    • Klassekanzler Kreisky [67]

      Volkskanzler wird man durch den Respekt und die Zuneigung der Menschen, die natürliche Autorität und kluge, für sie vorteilhafte Staatskunst verspüren. Worin Kreisky Recht hatte, und wovon wir bis heute zehren. Worin Staatsmacht (Kanzler)Klasse zeigt. Warum er uns fehlt - und wem nicht.

  • 4.1.2011
    • Märchenonkel [60]

      Zu den langlebigen Ursprungs-Mythen der Zweiten Republik gehört die angebliche Drittel/Drittel/Drittel-Regel. Doch es gibt sie gar nicht - weder als Verfassungs- noch als einfaches Gesetz. Auch diese chronische Unwahrheit eine „Tochter der Zeit“.

Kommentar posten
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Dark Funeral
 
00
28.3.2010, 12:50
Dafür drängen die Chinesen nach Norden....

D.S.1
00
24.3.2010, 17:47
"Im Distrikt Koryak sank die Lebenserwartung auf 46 Jahre, vergleichbar Nigeria..."

Kein Wunder, dort gab es 2006 ja auch ein Erdbeben, weshalb viele weggezogen sind.

agarthianer
00
24.3.2010, 13:37
Verkehrsunfälle - LuKOIL vs. Ärztinnen

andere Länder - andere Sitten / Gesetze /Bräuche
http://techpresident.com/blog-entr... ent-elites
http://en.rian.ru/russia/20... 76018.html

Mike _
11
24.3.2010, 10:15

Die Geburtenrate ist ein alle Europäisches Problem,
nicht nur Russische Problem

Doch ist so:
http://www.health.gov.au/internet/... lcohol-2.1

Per capita consumption of alcohol by country and rank

Rank Country Per capita consumption

1 Luxembourg 15.56
2 Ireland 13.69
7 Germany 11.99
8 UK 11.75
10 Spain 11.68
14 France 11.43
20 RUSSIAN FEDERATION 10.32 !!!!

buff flyer
22
24.3.2010, 17:32
nona

der schwarzgebrannte und das haarwasser kommen in der statistik nicht vor.

D.S.1
10
24.3.2010, 18:03

bei uns auch nicht..

D.S.1
11
24.3.2010, 16:42

Das heißt, die "vornehmen" Briten, die "kultivierten" Franzosen und sogar die "fleißigen" Deutschen sind ärgere Säufer als die wegen Alkoholkonsum so vielkritisierten Russen? Wer hätte das gedacht?
Manche Poster müßten sich jetzt schämen!

tempa
00
24.3.2010, 09:05
II)Dazu kommt ein grundsätzlicher Wandel:

Eine bisherige wirtschaftliche Stütze der russischen Industrie, die Waffenindustrie erodiert.Dieser High-Tech-Sektor leidet unter überalterung im Bereich Facharbeiter/Maschinenpark, der auch recht offen in der russischen Presse angesprochen wird.Gleichzeitig entwickeln Nationen wie Indien, China,Brasilien, der Iran im zunehmenden Masse eigene Waffen(export)industrien.Junge russische Kräfte strömen ohnehin in die Rohstoffindustrie.Dieser ist dann im wesentlichen die einzige Stütze der russischen Wirtschaft, eine verherrende Entwicklung.Blosse Zuwanderung ohne Berücksichtung der Integrationsmöglichkeiten wird die Spannungen innerhalb der russischen Gesellschaft bis zu einem Punkt treiben, wo diese wahrscheinlich eskalieren werden.

tempa
02
24.3.2010, 08:58
I)"Ohne Zuwanderung gäbe es 12 Millionen Russen weniger in 14 Jahren"

Tja,wenn man sich nüchtern die Zahlen ansieht:
Die Geburten-Sterbe-Quote in Russland ist höchst unterschiedlich.Eine Moskauerin bringt etwa durchschnittlich 1.4 Kinder zur Welt,Frauen in Dagestan 4.9.Unterschiede zwischen hauptsächlich slawisch/christlichen sowie nichtrussischen (meist muslimischen) Minderheiten sind beträchtlich.
Dazu kommt:zB Tschetschenen haben die höchste Geburtenrate,aber gleichzeitig wird der Haushalt Tschetscheniens,Dagestans und Inguschetiens zu mehr als 85% durch Zuschüsse aus Moskau finanziert,der Haushalt von Kabardino-Balkarien mit über 60%.Weiteres Problem:Arbeitslosigkeitsraten zwischen 20% (Kabardino-Balkarien) und 70% (Tschetschenien).

buff flyer
00
24.3.2010, 08:28
könnte es sein

dass die sterbetafeln zumindest bis in die breschnew-zeit ganz einfach getürkt waren und der rückgang der lebenserwartung in wirklichkeit die sukzessive anpassung der fälschung an die realität ist?

Simplicius Simplicissimus
04
24.3.2010, 07:11
Stirbt nicht aus, ...

... Russen findet man vermehrt in Kärnten und Grinzing.

Die zwölf Gebote
 
00
24.3.2010, 07:59
RUSSLAND!!!

nicht Russen!!!

Simplicius Simplicissimus
00
24.3.2010, 08:12
Wir sind ...

... Russland.

buff flyer
00
24.3.2010, 09:14

besser als papst allemal.

angehender Medientechniker
 
00
24.3.2010, 06:42
Jeder zweite Stirbt vor Pensionsantrittsalter?

Ich denke die Russen haben im Moment keine Diskussion wegen eines Anheben dieses Alters.

brrrrrr
15
23.3.2010, 21:38
Statistik Hallo?

Iran, Türkei und China da in einem Atemzug mit dem Kongo zu nennen ist aber schon sehr fragwürdig.
Die erstgenannten Länder wachsen noch aufgrund kinderreicher(erer) Generationen von früher und werden sich in absehbarer Zeit stabilisieren.
Bei den kinderarmen europäischen Staaten wird sich aber auch langsam das darwinistische Prinzip durchsetzen (Menschen die nicht auf eine Familie mit Kindern verzichten möchten geben diese Werte und Gene weiter, die andern sterben aus) und nach einer Phase des Schrumpfens (exkl. Migration) hält sich der Populationsstand. Pulverfass wird weiterhin Afrika sein wo jeder Fortschritt vom rasanten Bevölkerungswachstum vernichtet wird, da sind Kriege vorprogrammiert.

ravenna
01
24.3.2010, 09:23
Mexiko sehe ich ähnlich

Ich habe zwar keine statistischen Daten, aber nach meiner Erfahrung in Mexiko muss sich das Wachstum massiv eingebremst haben. Jeder meiner Mitarbeiter (ca. 20-40) hatte mindestens 3 Geschwister. Es gab jedoch nur einen der mehr als 2 Kinder hatte.

MiNeum71
 
22
23.3.2010, 18:31


Ich habe nicht die Daten der anderen Länder überprüft, aber bei Iran weiß ich, daß die Geburtenrate bereits unter zwei/Frau liegt.

agarthianer
01
23.3.2010, 17:53
"der Sprung nach Süden "

angeregt durch W.Wolfowitsch Schirinowski
http://www.spiegel.de/politik/a... 94,00.html ----------------------
sollten etwa nicht nur russische Stiefel im Indischen Ozean gewaschen werden - wie aktuell in Goa -
so würden die neugeborenen Eurasier das russische
Bevölkerungsproblem in Zukunft lösen

Gerda Soros
02
23.3.2010, 17:42
Wäre interessant gewesen, auch Gründe dafür anzuführen

Marin ist ein durchaus ernstzunehmender Sozialwissenschaftler. Dementsprechend ist es enttäuschend, wenn er nur die Zahlen aufzählt, aber keinerlei Ursachendiskussion für den Rückgang der Lebenserwartung betreibt.
Schade.

Frankensteins Fekternich
02
24.3.2010, 09:17

Alk und filterlose Zigaretten, Verkehrsunfälle, Kriminalität.

Markus M.
33
23.3.2010, 23:47
Da brauchen Sie nur Russen fragen:

die Maenner dort saufen sich halt zu Tode.

Markus M.
02
24.3.2010, 03:23
Warum gibt es fuer die Wahrheit rot??

Dass Russland ein immenses Alkoholproblem hat, das sich direkt auf die Mortalitaetsrate und Demographie, insbesondere unter Maennern juengeren und mittleren Alters, auswirkt, ist wissenschaftlich und journalistisch schon laengst beschrieben:

http://alcalc.oxfordjournals.org/cgi/conte... l/34/6/824
http://www.nytimes.com/2009/11/0... cohol.html
http://www.forbes.com/2009/07/2... ytica.html

ravenna
02
24.3.2010, 09:24
Sie haben völlig Recht

Und zum Saufen kommen noch Tod durch Kriminalität, Selbstmord und Verkehrsunfälle. Auch dabei sind die Männer nämlich massiv "vor" den Frauen.

D.S.1
11
24.3.2010, 00:00

Und warum gerade so sehr zu Beginn der auch so wunderbar demokratischen Jelzin-Zeit? Warum wohl??

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