Biogas – Grüne Energie aus Organismen

23. März 2010, 21:01
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"Substrate“ wie Sonnenblumen, Gräser, Gülle, Molke, Speisereste oder Schlachtabfälle erfahren in der Biogasanlage eine Metamorphose

Ein großer Schlachthof im Innviertel gewinnt aus Blut, Magen-, Darm- und Panseninhalten saubere Energie. Auch wenn das nicht appetitlich klingen mag - Schlachtabfälle in Ökostrom umzuwandeln, anstatt sie energie- und kostenintensiv verbrennen zu lassen, macht Sinn. In der Innviertler Biogasanlage gewinnt man jährlich 4,2 Mio. kWh Ökostrom und 3,6 Mio. kWh Abwärme und spart damit jährlich 1.800 Tonnen CO2 ein. Doch die Erzeugung von Biogas aus Schlachtabfällen ist nicht die Norm. Zu den vielen sogenannten "Substraten", die als Biomasse in einer Anlage landen, zählen unter anderem Mais, Sonnenblumen, Gräser, Gülle, Speisereste, Gemüse- oder Obstabfälle.

Strom, Wärme, Sprit

"Das Erste, das wir mit Biogas gemacht haben, war die Wärmenutzung", erzählt Franz Kirchmeyr, Projektleiter der Initiative "klima: aktiv biogas" von den Anfängen. "Dann sind wir draufgekommen: Die Energie ist so hochwertig, dass man auch Strom daraus gewinnen kann." Die dritte Schiene der Biogasnutzung ist die Produktion von Kraftstoff. Die Motoren seien jetzt hoch entwickelt, am Ausbau der Tankstellen werde gearbeitet. Aufbereitetes Biogas hat dieselbe chemische Zusammensetzung wie Erdgas und ist neben der Speicherwasserkraft der einzige speicherbare erneuerbare Energieträger. Kirchmeyr sieht Biogas nicht als Allein- sondern als Ausgleichs-Energiebringer. "Da es 24 Stunden am Tag verfügbar ist, kann es die Spitzen abdecken, wenn andere Energieformen auslassen oder nicht ausreichen."

Eine Erschließung des Biogas-Potenzials bis 2020 würde neun Prozent des österreichweiten Stromverbrauchs, 22 Prozent des Gasverbrauchs und 23 Prozent des Kraftstoffverbrauchs decken. "Das Schöne an der Biogas-Produktion ist aber seine CO2-Neutralität", schwärmt Kirchmeyer von der Tatsache, dass Pflanzen aus 1,4 Tonnen CO2 aus der Luft eine Tonne Biomasse und eine Tonne Sauerstoff bilden.

Fermentation

Pflanzen sprießen dank der Energie von Sonne und Bodennährstoffen aus der Erde. Nach der Ernte wird die im Boden verbleibende organische Masse zum Ausgangsprodukt für neues Leben: Mikroorganismen zersetzen sie zu Nährhumus und CO2. Für diesen Kreislauf kennt die Natur zwei Vorgänge: Findet der Umbau des organischen Materials an der Erdoberfläche statt, spricht man von "Rotte", bzw. bei menschlicher Einwirkung von „Kompostierung". Findet der Umbau unter Luftabschluss statt, handelt es sich um "Fermentation". Dabei wird der Großteil der in der organischen Masse enthaltenen Energie zu Biogas umgewandelt. Ein Prozess, der sich in Mooren oder auf dem Grund von Seen abspielt. Oder in der Biogasanlage, wo die Biomasse in einem sauerstoffreien, dunklen, isolierten Behälter - dem "Fermenter" - lagert. Wie lange, hängt vom jeweiligen Substrat, von der Fermentationsart und nicht zuletzt von der Technologie der Anlage ab.

Kreislauf

Ziel der Biogasproduktion ist die Wiedereingliederung der Produkte nach ihrer Nutzung in den natürlichen Kreislauf. Ohne Entstehung von Abfällen, die deponiert werden müssen. Biogas wird in Strom, Wärme und Sprit verwandelt. Der Fermentationsrückstand, in dem sich Stickstoff, Phosphor, Kali und Spurenelemente vereinen, kommt als Dünger zum Einsatz.

"Das große Potenzial für die Biogasproduktion liegt im Anbau von Zwischenfrüchten wie Raps, Senf, Sonnenblumen oder Gräser. Damit kann der freie Zeitraum nach der Ernte und vor der nächsten Aussaat genutzt werden", weiß Kirchmeyr und beantwortet damit gleich die Frage, ob Biogas in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion stehe. Hauptfrüchte wie Getreide dienen der menschlichen Ernährung, Futterpflanzen finden als Tiernahrung und für die Biogasproduktion Verwendung.
Ein Hektar Zwischenfrüchte von österreichischen Anbauflächen liefert pro Jahr den Strom für 2,3 Haushalte, bei einem Verbrauch von 3.500 kWhel, und Kraftstoff für 1,9 Fahrzeuge auf 15.000 Kilometer pro Jahr. Und das bei wenig Input und maximalem Output, denn die Zwischenfrüchte geben den achtfachen Energieertrag des aufgewendeten Energieeinsatzes her.

Kostenwahrheit

Dass Biogas nach wie vor teuer sei, liege in der Gesetzgebung, weiß Kirchmeyr. "Solange man keine ehrlichen Preise für die andere Energieformen hat, kann man den Biogaspreis nicht verändern", ruft der Experte die Verantwortlichen zur Konfrontation mit der Kostenwahrheit auf.
Die politische Situation sei in den letzten Jahren nicht dazu angetan gewesen, die Entwicklung von Alternativenergie zu fördern. "Aber die Auseinandersetzung mit umweltfreundlicher Strom- und Wärmeproduktion nimmt wieder zu", so Kirchmeyr. Vor allem Reinwärmenutzen sei ein großes Thema, da davon die Versorgung städtischer Gebiete mit Gasanschluss betroffen sei. Auch die mit der Biogasproduktion verbundene Arbeitsplatzgewinnung sei politisch nicht zu vernachlässigen. Aktuell arbeiten 1.500 Personen in der Biogasbranche. Bei einem Ausbau könnten in zehn Jahren 9.000 Personen Arbeit in der Zukunftsbranche finden. (Eva Tinsobin, derStandard.at, 23. März 2010)

Info:

Die ARGE Kompost & Biogas Österreich ist der Dachverband für derzeit fünf Länderorganisationen, die österreichweit über 430 Anlagen aus dem Kompost- und Biogassektor repräsentieren.

klima:aktiv ist die im Jahr 2004 gestartete Initiative des Lebensministeriums für aktiven Klimaschutz und Teil der Österreichischen Klimastrategie. Ziel ist die rasche und breite Markteinführung klimafreundlicher Technologien und Dienstleistungen.

Die ARGE Biogas des Naturschutzbundes Österreich hat sich als überparteiliche, gemeinnützige Gruppe von Landwirten, Biogas-Fachexperten und engagierten Personen gebildet. Ziel ist, durch verstärkte Information für Landwirte und politische Entscheidungsträger den Einsatz und die intensive Nutzung der Biogastechnik in Österreich zu erreichen.

  • "Das Schöne an der Biogas-Produktion ist seine CO2-Neutralität." (Franz Kirchmeyr, Projektleiter klima:aktiv biogas)
    foto: franz kirchmeyr

    "Das Schöne an der Biogas-Produktion ist seine CO2-Neutralität." (Franz Kirchmeyr, Projektleiter klima:aktiv biogas)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Auch aus Gülle wird in der Biogasanlage grüne Energie.

  • Beim Fermentationsprozess wandelt sich ein Großteil der in der organischen Masse 
enthaltenen Energie zu Biogas um.
    foto: arge kompost&biogas

    Beim Fermentationsprozess wandelt sich ein Großteil der in der organischen Masse enthaltenen Energie zu Biogas um.

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