Bayreuth

Wolfgang Wagner 1919-2010

22. März 2010, 17:48
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    foto: apa / eckehard schulz

    Baute zunächst mit seinem wenig geliebten Bruder Wieland und ab 1966 alleine "Neu-Bayreuth" auf - Wolfgang Wagner.

Am Sonntag ist Langzeitintendant Wolfgang Wagner, Enkel von Richard Wagner, in Bayreuth 90-jährig gestorben

Bayreuth - Die an Traditionen nicht gerade arme Bayreuther Festspielwelt hatte gleich zu Saisonbeginn in Wolfgang Wagners begrüßendem Erscheinen auf der Treppe des Festspielhauses eines jener Rituale im Angebot, an denen die Gunst- und Machtverhältnisse des Grünen Hügels abzulesen und auch die Verfassung des zuletzt eher gebrechlichen Alleinherrschers zu studieren waren.

Nachdem Wolfgang Wagner nun am Sonntag 90-jährig gestorben ist, wird hinfort zwar das neue Leitungsduo, Eva-Wagner Pasquier und Schwester Katharina Wagner, winkend vor die Bayreuth-Besucher treten. Zweifellos aber könnte der Eindruck entstehen, Wolfgang Wagner wäre noch irgendwie anwesend - schließlich symbolisieren seine Töchter dessen letzten Machttriumph.

Mit einem Intendantenvertrag auf Lebenszeit ausgestattet, hatte Wagner jahrelang trickreich und beharrlich alle Versuche, ihn (zwecks Erneuerung der Festspiele) zum Rückzug zu bewegen, abgewehrt. Er dankte erst 2008 ab, nachdem er sichergestellt hatte, dass er seinem Familienstrang die Vorherrschaft in Bayreuth erhalten konnte. Schwer zu sagen, ob nebst der Genugtuung, sich endgültig durchgesetzt zu haben, Wagner auch so etwas wie triumphale Empfindungen überkommen haben.

Betrachtet man seine Biografie und all die Kämpfe, die Wagner mit Bruder Wieland, dessen Kindern und schließlich auch mit dem eigenen Nachwuchs aus erster Ehe (Sohn Gottfried und Eva, die ja lange Jahre aus Bayreuth verbannt war) teils mit unzimperlicher Härte auskämpfte, ist dies kaum auszuschließen. In den Wagner-Clan hineingeboren worden zu sein, hieß ja offenbar immer auch, eine Position innerhalb des Clans andauernd behaupten oder einklagen zu müssen.

Die historischen Rahmenbedingungen, in die Wolfgang hineingestellt wurde, schienen zunächst sehr "günstig" . Hitler war Wagner-Fan, Wolfgangs Mutter Winifred glühende Hitler-Anhängerin; sowohl Wolfgang, 1919 geboren, wie auch sein älterer Bruder Wieland wurden zu Diktatoren-Protegés. Irgendwann, zitiert Wolfgangs Sohn Gottfried in einem seiner Bücher Vater Wolfgang, hätte der "Führer" Wieland die Theater des Westens und ihm, Wolfgang, jene des Ostens übertragen wollen.

Wagner an die Front

Wobei: Während sich der von Hitler als höher begabt eingestufte Wieland in der Kriegszeit künstlerisch entfalten konnte, musste Wolfgang an die Front, wurde in Polen schwer verwundet und erst danach vom Militärdienst befreit. Auch nach dem Krieg, wie sich Winifred als Bayreuth-Oberste zurückgezogen hatte und Wieland/Wolfgang die Leitung einer naziverseuchten Festspielruine übernahmen, wollte sich kein Familienfriede einstellen.

Wieland erwies sich tatsächlich als visionärer Regisseur, der "Neu-Bayreuth" mit entgermanisierter, entrümpelter Bühne und klar-abstrakten szenischen Bildern ein modernes Gesicht gab. Als solider Regisseur konnte Wolfgang nicht mithalten, was die Konflikte hinter den Kulissen sicher nicht entspannte. Als dann Wieland 1966 starb und Wolfgang zum Alleinherrscher wurde, stellte er die Wieland-Familie kalt, kündigte deren Festspiel-Mitarbeiter und prolongierte so einen bis heute immer wieder ausbrechenden Familienzwist. Dass Bayreuth nach dem Krieg wieder zum internationalen Musiktheater-Magneten wurde, ist allerdings zum großen Teil Wolfgang Wagners Verdienst. Er forcierte die "Werkstatt Bayreuth" als Ort, an dem Experimente erwünscht waren, neue Sichtweisen für Provokationen sorgen durften;als Ort, an dem die besten Sänger mit vergleichsweise bescheidenen Gagen für ausgiebige Probenarbeit entschädigt wurden.

Später Überraschung

Als Langzeit-Intendant hat er (zwölfmal inszenierte er selbst) Regisseure wie Götz Friedrich (1972), Harry Kupfer (1978) und Patrice Chéreau (für den so genannte "Jahrhundert-Ring" ,1976) geholt, wobei es in den 90er-Jahren zu einer gewissen Stagnation kam und auch das gesangliche Niveau nicht unbedingt maßstabsetzend wirkte. Heiner Müllers Tristan (1993) konnte sich natürlich sehen lassen. Und eher groß war die Überraschung, als Wagner verkündete, Christoph Schlingensief würde Parsifal inszenieren und Lars von Trier den Ring. Aus Letzterem wurde nichts. Mit Schlingensief konnte er aber punkten.

Vermutlich hat Katharina ihrem Vater Schlingensief eingeflüstert. Da Wolfgang die letzten Jahre benützte, um die Tochter für die Nachfolge aufzubauen, kam ihm jedoch ein Zeichen der Modernität nicht ungelegen. Ob er mit der Installierung seiner Dynastie auch sachlich recht hatte, wird man erst sehen. Eva und Katharina können sich in jedem Fall schnell profilieren, indem sie die Aufarbeitung der Bayreuther Nazizeit radikaler angehen als ihr Vater, der in seiner Jugend Hitler "Onkel Wolf" zu nennen pflegte. Und "Neu-Bayreuth" wohl auch um den Preis der Verdrängung und Beschönigung miterrichtete.  (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe 23.3.2010)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 35
1 2
potemtweller
00
12.4.2010, 13:01
blöd nur,

dass der herr wagner bereits am 21.märz gestorben ist und ich bereits vor ca. 2 wochen einen nachruf von schlingensief in der zeit gelesen habe
....schwach, sehr sehr schwach...

Laandaks
02
22.3.2010, 20:05
Lesen bildet...

Und wenn man auch eine etwas andere Sicht haben will, so sehe man etwa an:

http://www.sueddeutsche.de/,tt9l1/ku... 6648/text/

- nur so zum Vergleichen.

Hellsicht
34
22.3.2010, 18:13
Schon beim ersten Satz vergeht einem die Lust zum Weiterlesen:

"Die an Traditionen nicht gerade arme Bayreuther Festspielwelt hatte gleich zu Saisonbeginn in Wolfgang Wagners begrüßendem Erscheinen auf der Treppe des Festspielhauses eines jener Rituale im Angebot, an denen die Gunst- und Machtverhältnisse des Grünen Hügels abzulesen und auch die Verfassung des zuletzt eher gebrechlichen Alleinherrschers zu studieren waren." ??!

Wer in Satzbau, Stil und Inhalt einen derartigen Unfug fabriziert, sollte schleunigst die Redaktionsstube verlassen und einen Kurs für gutes Deutsch besuchen.

Joseph Kyselak
10
24.3.2010, 16:25
Greif' zu "Österreich" und "Heute". Da wird "Dich" geholfen.

Und wenn bereits diese Zeilen aus der Standard-Rezension Dir Ungemach bereiten, schlage einmal eine x-beliebige Seite in der "Strudlhofstiege" (nur so zur Sicherheit: Heimito von Doderer) auf.

Klein Zack
 
00
25.3.2010, 12:30
Ein Kritiker, der in der Zeitung Literatur fabrizieren will, geht fehl.

Und, wie ein Gefährte der frühen Jahre Friedrich Torbergs wußte: "Auf Rotationspapier gehört sich keine Literatur" - wobei F. T. meint, das könne sowohl als böhmakelndes Reflexivpronomen wie als Imperativ nach Kindermädchen- bzw. Großmutterart gesehen werden. Und natürlich auch, daß dieser Satz später auf andere Weise von ROwohltsR OtationsROmanen falsifiziert wurde.
Aber ein Tosic, nein, das paßt nicht. Also ist ihm da ein Satzleviathan entfleucht, ähnlich der unübersichtlichen Moderation von "Patina" jeden Sonnatg um 09:05 in Ö1.

Abgesehen davon: in der "Auslöschung" von Th. B. findet sich mindestens ein Satz, der über eine ganze Seite geht. Thomas Mann ist da auch nicht faul.
Aber das sind Sätze, an denen tagelang gedrechselt wurde.

zittersepp
11
22.3.2010, 18:09
Danke Wolfgang, mach es gut und grüß mir den Meister Richard

Schwalbe
00
22.3.2010, 16:27

"Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als Regisassistent an der Preußischen Staatsoper Berlin"? Also in der Zeit als der Spielbetrieb kaum mehr möglich war und als Hitlers Günstlinge das Rest-Haus leiteten?
http://www.operundtanz.de/archiv/20... rlin.shtml

aiuto
21
22.3.2010, 13:52
Das berührt mich eigentlich überhaupt nicht.

Fritz Josef
 
00
Interessant, ...

... dass Sie's trotzdem lesen.

aiuto
00
Lesen Sie keine Überschriften?

.... oder wie lesen Sie die Zeitungen? von hinten etwa?

Der Glaube an Europa
12
22.3.2010, 12:03

Dann werd ich gleich mal Siegfrieds Trauermarsch auflegen.

Ruskij
00
22.3.2010, 12:46

Die Rheinfahrt.

standardabweichung
00
22.3.2010, 09:36

herta müllers gemahl macht sicher den besten nachfolger

tanztante
08
22.3.2010, 08:56
schönes alter

wurzelzwerg neu1
02
22.3.2010, 09:48
das ist eigentlich der einzig richtige kommentar dazu!

Kontrahent1
01
22.3.2010, 12:45
Normalerweise hört man immer:

Plötzlich und unerwartet.- Irgendwie kommt mir vor, als ob eine Epoche endete.

Poldi Prettljausn
11
22.3.2010, 07:58
Das trifft mich jetzt wie einen Schlag.

Ein großer Mann ist abgetreten.

Derfdeswoarsein
 
61
22.3.2010, 09:30
Wirklich? Wie gross war er denn? :-)

ausser dass er der enkel und ein theaterdirektor war

Robert Waloch
07
22.3.2010, 13:45
Um seine Größe

aus Ihrer Perspektive abschätzen zu können, bedürften Sie zusätzlich zu einer Leiter auch noch eines steil nach oben gerichteten Blickwinkels, dessen Sie in Ihrer Ebene aber entwöhnt sind....

Kontrahent1
03
23.3.2010, 12:24
Und doch haben uns wohl

Wielands Produktionen mit Mödl, Varnay, Nilsson, Windgassen, Hotter usw. mehr beeindruckt als die 'Experimente und Provokationen' in der Aera Wolfgang.

Isogseich Eini
00
30.3.2010, 17:52

Uns hingegen haben Chéreau und Boulez mehr zugesagt (allerdings weder Experiment noch Provokation).

Kontrahent1
00
Jedem

das Seine.

Poldi Prettljausn
00
22.3.2010, 11:44

das ist zynisch.
Und pietätlos.

Walter Tiefenthaler
11
22.3.2010, 08:27
sparen sie sich ihren zynismus!

RIP!

Poldi Prettljausn
11
22.3.2010, 08:36
Das ist ernst gemeint.

Nur ein Zyniker kann glauben, dass das zynisch gemeint ist.

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