Am Sonntag ist Langzeitintendant Wolfgang Wagner, Enkel von Richard Wagner, in Bayreuth 90-jährig gestorben
Bayreuth - Die an Traditionen nicht gerade arme Bayreuther Festspielwelt hatte gleich zu Saisonbeginn in Wolfgang Wagners begrüßendem Erscheinen auf der Treppe des Festspielhauses eines jener Rituale im Angebot, an denen die Gunst- und Machtverhältnisse des Grünen Hügels abzulesen und auch die Verfassung des zuletzt eher gebrechlichen Alleinherrschers zu studieren waren.
Nachdem Wolfgang Wagner nun am Sonntag 90-jährig gestorben ist, wird hinfort zwar das neue Leitungsduo, Eva-Wagner Pasquier und Schwester Katharina Wagner, winkend vor die Bayreuth-Besucher treten. Zweifellos aber könnte der Eindruck entstehen, Wolfgang Wagner wäre noch irgendwie anwesend - schließlich symbolisieren seine Töchter dessen letzten Machttriumph.
Mit einem Intendantenvertrag auf Lebenszeit ausgestattet, hatte Wagner jahrelang trickreich und beharrlich alle Versuche, ihn (zwecks Erneuerung der Festspiele) zum Rückzug zu bewegen, abgewehrt. Er dankte erst 2008 ab, nachdem er sichergestellt hatte, dass er seinem Familienstrang die Vorherrschaft in Bayreuth erhalten konnte. Schwer zu sagen, ob nebst der Genugtuung, sich endgültig durchgesetzt zu haben, Wagner auch so etwas wie triumphale Empfindungen überkommen haben.
Betrachtet man seine Biografie und all die Kämpfe, die Wagner mit Bruder Wieland, dessen Kindern und schließlich auch mit dem eigenen Nachwuchs aus erster Ehe (Sohn Gottfried und Eva, die ja lange Jahre aus Bayreuth verbannt war) teils mit unzimperlicher Härte auskämpfte, ist dies kaum auszuschließen. In den Wagner-Clan hineingeboren worden zu sein, hieß ja offenbar immer auch, eine Position innerhalb des Clans andauernd behaupten oder einklagen zu müssen.
Die historischen Rahmenbedingungen, in die Wolfgang hineingestellt wurde, schienen zunächst sehr "günstig" . Hitler war Wagner-Fan, Wolfgangs Mutter Winifred glühende Hitler-Anhängerin; sowohl Wolfgang, 1919 geboren, wie auch sein älterer Bruder Wieland wurden zu Diktatoren-Protegés. Irgendwann, zitiert Wolfgangs Sohn Gottfried in einem seiner Bücher Vater Wolfgang, hätte der "Führer" Wieland die Theater des Westens und ihm, Wolfgang, jene des Ostens übertragen wollen.
Wagner an die Front
Wobei: Während sich der von Hitler als höher begabt eingestufte Wieland in der Kriegszeit künstlerisch entfalten konnte, musste Wolfgang an die Front, wurde in Polen schwer verwundet und erst danach vom Militärdienst befreit. Auch nach dem Krieg, wie sich Winifred als Bayreuth-Oberste zurückgezogen hatte und Wieland/Wolfgang die Leitung einer naziverseuchten Festspielruine übernahmen, wollte sich kein Familienfriede einstellen.
Wieland erwies sich tatsächlich als visionärer Regisseur, der "Neu-Bayreuth" mit entgermanisierter, entrümpelter Bühne und klar-abstrakten szenischen Bildern ein modernes Gesicht gab. Als solider Regisseur konnte Wolfgang nicht mithalten, was die Konflikte hinter den Kulissen sicher nicht entspannte. Als dann Wieland 1966 starb und Wolfgang zum Alleinherrscher wurde, stellte er die Wieland-Familie kalt, kündigte deren Festspiel-Mitarbeiter und prolongierte so einen bis heute immer wieder ausbrechenden Familienzwist. Dass Bayreuth nach dem Krieg wieder zum internationalen Musiktheater-Magneten wurde, ist allerdings zum großen Teil Wolfgang Wagners Verdienst. Er forcierte die "Werkstatt Bayreuth" als Ort, an dem Experimente erwünscht waren, neue Sichtweisen für Provokationen sorgen durften;als Ort, an dem die besten Sänger mit vergleichsweise bescheidenen Gagen für ausgiebige Probenarbeit entschädigt wurden.
Später Überraschung
Als Langzeit-Intendant hat er (zwölfmal inszenierte er selbst) Regisseure wie Götz Friedrich (1972), Harry Kupfer (1978) und Patrice Chéreau (für den so genannte "Jahrhundert-Ring" ,1976) geholt, wobei es in den 90er-Jahren zu einer gewissen Stagnation kam und auch das gesangliche Niveau nicht unbedingt maßstabsetzend wirkte. Heiner Müllers Tristan (1993) konnte sich natürlich sehen lassen. Und eher groß war die Überraschung, als Wagner verkündete, Christoph Schlingensief würde Parsifal inszenieren und Lars von Trier den Ring. Aus Letzterem wurde nichts. Mit Schlingensief konnte er aber punkten.
Vermutlich hat Katharina ihrem Vater Schlingensief eingeflüstert. Da Wolfgang die letzten Jahre benützte, um die Tochter für die Nachfolge aufzubauen, kam ihm jedoch ein Zeichen der Modernität nicht ungelegen. Ob er mit der Installierung seiner Dynastie auch sachlich recht hatte, wird man erst sehen. Eva und Katharina können sich in jedem Fall schnell profilieren, indem sie die Aufarbeitung der Bayreuther Nazizeit radikaler angehen als ihr Vater, der in seiner Jugend Hitler "Onkel Wolf" zu nennen pflegte. Und "Neu-Bayreuth" wohl auch um den Preis der Verdrängung und Beschönigung miterrichtete. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe 23.3.2010)