William Shakespeares Comeback aus der Rente

21. März 2010, 19:18
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John von Düffels Stück "König Shakespeare" ist eine Dichter-Preisung, die zwischen Heute und Gestern schwankt

Salzburg - William Shakespeare (Gero Nievelstein), ein pensionierter Stardramatiker, führt mit Frau Kate (Ulrike Walther) ein halbwegs zufriedenes Leben als Bürger der Provinz. In Stratford-upon-Avon ist er in erster Linie auf die Schadensbegrenzung seiner Steuerschulden konzentriert.

Ruhm und neue Werke sind im Angesicht des Fiskus ins Hintertreffen geraten. Und doch lässt sich der Meister von zwei seiner ehemaligen Schauspieler aus London (Christoph Wieschke, Marco Dott), die ihm der Wind und eine unübersehbare Spiellust vor die Mahagoni-Tür (Bühne: Reinhard Bichsel) geweht haben, dazu überreden, ein neues (letztes) Drama zu schreiben.

Käsekrainer schlemmen

Er macht das am Landestheater Salzburg nicht am Laptop, obwohl Regisseur Carl Philip von Maldeghem, seit September Intendant am künstlerisch angeschlagenen Haus, vor allem mit äußerlichen Details signalisiert, dass John von Düffels neues Stück König Shakespeare nicht von gestern ist: ein Schreiberling in karierten Boxershorts, umgeben von schwungvoller Bigband-Musik; und Käsekrainer kennt er auch schon: Das ihm zu Hofe vorschwebende Schlemmermenü komplettieren ausgerechnet unsere Lieblingswürsteln.

König Shakespeare lebt von den Freiheiten und der Imaginationskraft des ungebremsten Personenkults. John von Düffel, Autor, Dramaturg und Blankvers-Aficionado, wählt einen historisch vagen Moment im Leben des Dichters: die späte Werkphase, als Henry VIII entstand, kein glorreiches Werk, weshalb man Shakespeares Autorenschaft gerne anzweifelt. Von Düffel demonstriert dies mit Ironie im Untertitel: König Shakespeare oder Alles ist wahr.

Wie beim Film Shakespeare in Love (1998) zählt auch hier bei "Shakespeare in Pension" die biografische Fiktion alles. War es im Kino die Liebesgeschichte, so ist es nun das ebenso an zeitgeschichtlichen Koordinaten des elisabethanischen Theaters haftende Künstlerdrama, besser: Schreibschubkomödie.

Denn es geht um das Genie und seine implizierte Fallhöhe - ein unzeitgemäßes Künstlerbild, in dem die Muse möglichst tief dekolletiert, aber zugleich jederzeit bereit sein soll, dem alternden Genius das Fußwasser nachzutragen. Das ist die Crux des immerhin kurzweiligen Abends (der noch kurzweiliger hätte sein können; nicht alle Witze schafften es auf die Bühne): Die Inszenierung befällt das schlechte Gewissen gegenüber der Gegenwart und sucht nach Überbrückungen.

Von Maldeghem versucht mit kosmetischen Applikationen ans Heute anzuschließen. Aber warum sollte jemand, der durch und durch renaissancehaft handelt, plötzlich Boxershorts tragen? Es hätte genügt, die wohl der Shakespeare'schen Kaltschnäuzigkeit nachempfundene Tonlage von Düffels ("Tja, Schatz, ein Dichter ist kein Sandmann") mit mehr Sorgsamkeit walten zu lassen.

Das hätte das Stück freilich auch nicht aus dem musealen Rahmen geholt, danach hat es auch nicht verlangt: Es ist eine mit Slapstick am Leben gehaltene Huldigung. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe 22.3.2010)

 

  • Die Dichter-Musen treten an zum Hermelin-Ausklopfen: Anna Unterberger und Shantia Ullmann (li.).
    foto: landestheater

    Die Dichter-Musen treten an zum Hermelin-Ausklopfen: Anna Unterberger und Shantia Ullmann (li.).

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