Eine Filmlandschaft lebt auch vom Eigensinn

21. März 2010, 19:08
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Die Diagonale leistete mit ihrer 13. Ausgabe erneut wichtige filmkulturelle Ergänzungsarbeit - Die stetig wachsende Präsenz von Dokumentarfilmen schlug sich auch bei der Preisvergabe nieder

Graz - Filmfestivals sind Öffentlichkeitsverstärker. Ihr erweitertes Spektrum an Formaten führt im besten Fall auch zu produktiven Kontrasten. Gerade nach einem Jahr der großen Erfolge für österreichische Filme (und bei wachsender Marktpräsenz und erhöhter Publikumsakzeptanz), erfüllt die Diagonale auch die Funktion eines wichtigen Korrektivs: Sie zeigt, dass die Aufmerksamkeit auf einige wenige noch lange nicht ausreicht. Marginalere Arbeiten, die hier eine wichtige Plattform erhalten, müssen anderswo um Präsentationsorte und Zugang zur Öffentlichkeit bangen.

Das Grazer Festival leistet somit wichtige filmkulturelle Ergänzungsarbeit. Kurzfilm-, selbst herausfordernde Experimentalprogramme erfreuen sich regen Publikuminteresses. Die Filmemacherin, Performerin und Stimmartistin Sabine Marte hat hier schon öfter Arbeiten vorgestellt, in ihrer jüngsten, B-Star, untötbar! reloaded taucht sie zugleich als Medium und Meisterin einer undurchsichtigen Erzählung auf: Während die Off-Stimme unheimliche Situationen andeutet, beherrscht sie den Raum mit hypnotischem Blick, saust auf einem Sofa durch einen Dachboden und löst sich auf in Zufriedenheit. Diesem "Psychothriller" wurde der Preis für Innovatives Kino zuerkannt.

Wo Marte auf performative Mittel setzt, arbeiten sich andere an bestehendem Material und dessen Texturen ab: Johann Lurfs Zwölf Boxkämpfer jagen Viktor quer über den großen Sylter Deich ist ein auf drei Minuten kondensiertes, rasendes Bilderkompendium, für das ausschließlich Einzelbilder aus bestehenden Filmen recyclet wurden. In Dietmar Brehms Videoarbeit Vedrehte Augen dagegen wird ein Pornofilm in glühenden, aber diffusen Rotbildern zu einer unheimlichen Versuchsanordnung umarrangiert, die das voyeuristische Moment des Kinos betont.

Im Alleingang unterwegs

Die Betonung auf eigensinnige Autorenstimmen ließ sich auch an den Personalen festmachen, die den Filmemachern Mansur Madavi, Peter Schreiner und Romuald Karmakar galten. Madavi hat in den 70er- und 80er-Jahren einige bemerkenswerte Arbeiten praktisch im Alleingang gefertigt. Auch der poetische Dokumentarist Schreiner, für seinen aktuellen Film Totó mit einem Kamerapreis prämiert, ist ein Einzelgänger, der sich randständigen Kulturen, fragilen Existenzen widmet, ohne Themenfilme zu machen.

Karmakar wiederum, der in Deutschland ob seiner direkten, oft schonungslosen Arbeiten wie Manila und Die Nacht singt ihre Lieder polarisiert, reiste mit mehreren Festplatten an, um Einblicke in Produktionsabläufe zu gewähren (in Wien hat man im Filmmuseum diese Woche Gelegenheit, dies nachzuholen). Persönliche, über die Pflicht hinausgehende Unternehmungen wie diese verliehen dem Festival eine entspannte Arbeitsatmosphäre, die das Moment der Präsentation um jenes der Vertiefung ergänzte.

Eine seit Jahren anhaltende Tendenz ist die immer größere Anzahl an Dokumentarfilmen: Hana, Dul, Sed ist eine über mehrere Jahre erarbeite Annäherung an ehemalige Team-Mitglieder des nordkoreanischen Frauenfußballteams. Die Regisseurinnen Brigitte Weich und Karin Macher verknüpfen Rückblicke auf Aufstieg und jähe Niederlage mit Begegnungen mit einzelnen Spielerinnen heute.

Der Gewinner des diesjährigen Dokumentarfilmpreises bleibt dabei stets auf Augenhöhe und gewinnt gerade so Einblicke in die Widersprüche eines Lebens als "Volkssportlerin", "zum Gefallen des Generals". Was das Schöne am Fußball sei, wird einmal gefragt. Das könne man gar nicht richtig erklären, sagt eine Spielerin. Aber wenn man das große Spielfeld betrete, dann würde einem das Herz ganz weit. Eine zweite Fußballgeschichte, Hüseyin Tabaks Kick Off, der das Homeless Street Soccer Team mitreißend porträtiert, wurde mit zwei Preisen gewürdigt.

Die deutsche Regisseurin Juliane Großheim befasst sich in ihrem ebenfalls prämierten Dokumentarfilm Die Kinder vom Friedrichshof hingegen mit der Geschichte der Otto-Mühl-Kommune im Burgenland. Der Weg zurück führt über bisher ungezeigtes Archivmaterial sowie die Protagonisten. Als Kinder dort aufgewachsen, haben sie die Entwicklung des Gesellschaftsexperimentes zum immer totalitäreren System aus unmittelbarer Nähe erfahren. Ihre Offenheit vermittelt die Widersprüche dieses Projekts - und der Film verdankt ihr seine eindringlichsten Momente.

Auch der beste heimische Spielfilm hat seine Wurzeln übrigens im Dokumentarischen: Tizza Covi und Rainer Frimmel konnten für La Pivellina eine weitere Würdigung entgegen nehmen. Auch das eine schöne Unterstreichung für unabhängiges Kino. (Dominik Kamalzadeh, Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe 22.3.2010)

 

Diagonale-Preise

Großer Diagonale-Preis Spielfilm: Tizza Covi und Rainer Frimmel für La Pivellina

Großer Diagonale-Preis Dokumentarfilm: Brigitte Weich und Karin Macher für Hana, dul, sed ...

Diagonale-Preis Innovatives Kino der Stadt Graz: Sabine Marte für B-star, untötbar! reloaded

Diagonale-Preis der Jury der Diözese Graz-Seckau: Juliane Großheim für Die Kinder vom Friedrichshof

Diagonale-Preis der Jugendjury/ Land Steiermark: Hüseyin Tabak für Kick Off

Diagonale Publikumspreis: Hüseyin Tabak für Kick Off

Preis Innovative Produktionsleistung (VAM): Neue Sentimentalfilm für Plastic Planet, Dor Film für Der Knochenmann und Wüstenblume und wega Film für Das weiße Band

Diagonale-Preis Schnitt (aea): Gerhard Fillei und Joachim Krenn für South sowie Michael Palm für Jobcenter

Diagonale-Preis Bildgestaltung (AAC): Christian Berger für Das weiße Band und Peter Schreiner für Totó

Thomas-Pluch-Drehbuchpreise: Jessica Hausner für Lourdes; Förderpreise an Thomas Woschitz für Universalove und ex aequo Jasmina Eleta für Fern & Nah und Anna Schwingenschuh für Der HerzerlfresserCarl-Mayer-Drehbuchpreis: Wolfgang Rupert (Treatment Großmattglocknerhorn) sowie Henning Backhaus (Treatment Kinderszenen)

 

  • Ein rasanter Parcours aus filmischem Abfall: "Zwölf Boxkämpfer jagen
Viktor quer über den großen Sylter Deich" vom Experimentalfilmemacher
Johann Lurf.
    foto: diagonale

    Ein rasanter Parcours aus filmischem Abfall: "Zwölf Boxkämpfer jagen Viktor quer über den großen Sylter Deich" vom Experimentalfilmemacher Johann Lurf.

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