Ohne Sehhilfe am Tag

12. April 2003, 19:00
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Spezielle Linsen verformen das Auge über Nacht - Folgen bei Langzeitbehandlung aber unbekannt

Frankfurt/Main - Im Schlaf von der Kurzsichtigkeit geheilt zu werden, bleibt ein Traum. Aber mit einer neuen Methode aus den USA, die auch in Deutschland immer beliebter wird, können Brillen- und Kontaktlinsenträger künftig tatsächlich tagsüber auf Sehhilfen verzichten: Bei der so genannten Orthokeratologie werden spezielle Linsen auf die Augen gesetzt, die die Kurzsichtigkeit über Nacht quasi wegformen. Am nächsten Morgen nimmt der Patient die Linsen heraus und hat für viele Stunden volle Sehkraft ohne Brille. Experten warnen allerdings vor einem zu sorglosen Umgang mit dem neuen Verfahren.

Das Prinzip der Orthokeratologie ist nach Angaben der Deutschen Augenärztlichen Kontaktlinsen Gesellschaft relativ einfach: Die individuell angefertigten und hoch sauerstoffdurchlässigen Linsen sind so stabil geformt, dass sie während des Schlafens sanften Druck auf die Augen ausüben. In der Folge verschiebt sich die obere Zellschicht der Hornhaut, und nach rund acht Stunden haben die Augen einen anderen Brechwert, wie die Vorsitzende der Gesellschaft, Gudrun Bischoff, erklärt. Nach Entnahme der Linsen dauert es bis zu 16 Stunden, ehe die Sehkraft wieder nachlässt.

Voraussetzungen

Allerdings kommt nicht jeder Patient für die Behandlung in Frage: "Voraussetzung ist eine Kurzsichtigkeit bis höchstens 4,5 Dioptrien und eine nur ganz geringe Hornhautverkrümmung", betont Gerald Böhme vom Berufsverband der Augenärzte Deutschlands. Das Auge solle zudem gesund und nicht - wie vor allem bei älteren Menschen - trocken sein. Und schließlich ist die Orthokeratologie auch eine Frage des Geldes: Für eine einmalige Anpassung der Linsen sind etwa 250 Euro fällig, anschließend müssen jeden Monat rund 50 Euro bezahlt werden.

Mahnung zur Vorsicht

Doch die Ärzte sind sich ohnehin noch nicht sicher, ob sie ihren Patienten die Behandlung empfehlen sollen: "Das große Problem ist, dass wir bislang nur sehr wenig Erfahrung mit dieser neuen Form der Orthokeratologie haben", sagt Böhme. Derzeit könne noch niemand sagen, welche Folgen mit einer Langzeitbehandlung verbunden seien. Zudem sei die Komplikationsrate relativ hoch: Rund 25 Prozent der Patienten stiegen aus der Therapie wieder aus, weil sich die so genannten Ortho-K-Linsen festsetzten, schmerzten, nicht rechtzeitig zentrierten oder sogar kleinere Verletzungen am Auge verursachten.

Mit Sorge sehen die Mediziner daher, dass das neue Verfahren immer häufiger auch von Optikergeschäften angeboten wird. Ohne strenge augenärztliche Kontrolle seien die Risiken aber viel zu hoch, warnen Bischoff und Böhme: "Die Hornhaut ist ein extrem empfindliches Gewebe." Und selbst von den Ärzten seien nur jene für die Behandlung qualifiziert, die eine mehrtägige Fortbildung absolviert hätten. Die Augenärztliche Kontaktlinsen Gesellschaft will nun bis nächstes Jahr alle Behandlungsfälle in Deutschland dokumentieren, um Nutzen und Risiken der Methode besser einschätzen zu können.

Vorteil

Ein positives Ergebnis dieser Studie könnte nach Einschätzung aller Experten tatsächlich einen Durchbruch in der Therapie der Fehlsichtigkeit bedeuten. Denn gegenüber der rund 2.000 Euro teuren Laserbehandlung, der sich jährlich mehr als 100.000 Menschen in Deutschland unterziehen, habe die Orthokeratologie den großen Vorteil, dass sie reversibel sei, betont Böhme: "Bei Problemen kann die Therapie sofort abgebrochen werden, und die Hornhaut kehrt in wenigen Tagen in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Bei einer Laserbehandlung dagegen lässt sich die Abtragung der Hornhaut nicht mehr rückgängig machen." (APA/AP)

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    foto: photodisc
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