Bosnien: Ehemaliger Srebrenica-Kommandant Oric festgenommen

14. April 2003, 12:41
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SFOR überwältigte Ex-Milosevic-Leibwächter - Er soll für Kriegsverbrechen an Serben verantwortlich sein

Sarajewo/Den Haag/Wien - Die NATO-geführte Schutztruppe SFOR in Bosnien-Herzegowina hat den berüchtigten ehemaligen Kommandanten der bosnisch-moslemischen Truppen in Srebrenica, Naser Oric (36), festgenommen. Oric soll nach Medienberichten versucht haben, sich gegen die Festnahme zu wehren, doch sei er von SFOR-Einheiten am Donnerstagabend überwältigt worden und alles sei "in einigen Sekunden" vorüber gewesen. Wie die Sprecherin des UNO-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, Florence Hartmann, der APA telefonisch bestätigte, ist Oric bereits Freitag früh in das UNO-Gefängnis in Scheveningen eingeliefert worden.

In der Anklageschrift wird der Ex-Kommandant der moslemischen Enklave für Verstöße gegen Gesetze und Gewohnheiten des Krieges verantwortlich gemacht. Des weiteren wurde er wegen Ermordungen und der "grausamen Behandlung" von Serben, "rücksichtslosen Zerstörungen" von Städten und Dörfern sowie Plünderungen angeklagt. Die vorgeworfenen Straftaten beziehen sich auf den Zeitraum Mai 1992 (Beginn des Krieges in Bosnien-Herzegowina, Anm.) bis Frühling 1993. Die Anklage gegen Oric hatte Chefanklägerin Carla del Ponte am 13. März erhoben. Richter Richard May hat diese am 28. März bestätigt, meldete die Belgrader Nachrichtenagentur Beta.

Robertson fordert weitere Flüchtige auf sich zu stellen

NATO-Generalsekretär George Robertson hat die Festnahme von Oric begrüßt. Zugleich rief er die weiter flüchtigen Angeklagten, vor allem den bosnisch-serbischen Ex-Präsidenten Radovan Karadzic und Oberbefehlshaber Ratko Mladic auf, sich dem UNO-Tribunal zu stellen. Jenen mit einem "schlechten Gewissen" sende er eine Botschaft: "Ihr habt nur zwei Möglichkeiten: Ergebt euch ehrenhaft oder die Gerechtigkeit kommt zu euch".

Die moslemischen Kämpfer unter Oric sollen nach Medienberichten zu Beginn des Krieges in Bosnien-Herzegowina serbische Dörfer in der Region Bratunac, Srebrenica i Skelani im Osten Bosnien-Herzgewinas überfallen und die Einwohner getötet haben. Von serbischer Seite wird Oric und seinen Truppen vorgeworfen, mindestens 2.000 Serben in dieser Region ermordet zu haben. Als eines der größten Verbrechen gegen serbische Zivilisten gilt das Massaker von Kravice.

Bosnische Serben überrannten Kravice gegen Ende des Krieges

Moslemische Milizen überfielen am 7. Jänner 1993, dem serbisch-orthodoxen Weihnachtstag, das Dorf und sollen auf bestialische Weise 46 Einwohner getötet haben. Wegen diesem Massaker wurde Oric allerdings nicht angeklagt, erklärte Hartmann. Auch sei bezüglich dieses Falles nicht ermittelt worden. Gegen Ende des Krieges überrannten dann bosnische Serben (11. Juli 1995) die Enklave und brachten nach internationalen Angaben über 7.000 Moslems um.

Oric war Ende der 80er Jahre Mitarbeiter des serbischen Innenministeriums in Belgrad. Zudem war er als Leibwächter des serbischen und jugoslawischen Ex-Präsident Slobodan Milosevic tätig. Als Mitglied der Spezialeinheiten des Innenministeriums wurde er 1990 in die südserbische Provinz Kosovo stationiert, um ein Jahr später in einem Vorort Sarajewos verlegt zu werden. Gleich zu Beginn des Krieges in Bosnien wurde Oric Kommandant der bosnisch-moslemischen Milizen in Srebrenica.

Die Presse in Sarajewo wirft ihm vor, eine Teilverantwortung für das Massaker an Moslems zu haben, da er die Stadt auf eigenen Willen kampflos verlassen habe. Angeblich hätte er genügend Kräfte gehabt, die Stadt zu verteidigen. Medien berichteten, dass Oric nach dem Krieg mit kriminellen Geschäften wie Schutzgelderpressungen und Autodiebstahl überlebt habe. (APA)

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    Naser Oric

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