Eine Tagung erörterte die Bedeutung der neuen Medien für NGOs, die Diplomatie und uns alle - Kommunikationsforscher stehen aber erst am Anfang, die Wirkung von Twitter, Facebook und Co ist kaum zu erfassen
Wien - Die Nachrichtenmedien sind ein gefährdetes Biotop. Ständig verändern sich die Einflüsse, in den letzten Jahrzehnten immer schneller, und nie ist es im Gleichgewicht. Die neuesten Veränderungen, sagt Simon Cottle, rühren von den sozialen Medien her, von den Netzwerken, die sich viral zwischen mobilen Produzenten und Konsumenten entwickeln.
Der Kommunikationsforscher von der Universität Cardiff war einer der fast 30 Teilnehmer an der Tagung "New Media, New Newsmakers, New Public Diplomacy" Donnerstag und Freitag an der Diplomatischen Akademie. Er sprach über die wachsende Rolle von NGOs und ihren Kommunikationsstrukturen vor allen in Krisengebieten und in Regionen, die von den Mainstream-Medien nicht genügend beachtet werden.
Insgesamt steckte die Konferenz, eine Wiederaufnahme der Wiener Milton-Wolf-Seminare, ein sehr weites Feld ab. Die Veranstalter - die Annenberg School of Communication an der University of Pennsylvania, die American Austrian Foundation und die Akademie - hatten Reporter, Forscher, NGO-Vertreter, Diplomaten und Studenten geladen. Aus ihren jeweiligen Perspektiven sollten sie ausloten, in welcher Medienumgebung sie - und wir - uns bewegen und welche Folgen das für die Grundversorgung mit Nachrichten hat, für Zensur und Qualitätskontrolle. Und welche Möglichkeiten sich für traditionelle (in Form der "public diplomacy") und dissidente Politik ergeben.
Die nächste "große Sache"
Verkürzt gesagt: Was bedeuten Twitter, Facebook und Co für die öffentliche Sphäre?
Jedenfalls nichts, was sich in klaren Aussagen formulieren ließe. Damit aber zeigte sich, dass die Kommunikationswissenschaft in Hinblick auf neue bzw. soziale Medien in den Kinderschuhen steckt. Weit davon entfernt, Gesetzmäßigkeiten oder auch nur Trends zu erfassen, sind Medienforscher in letzter Zeit eher damit befasst, der technischen Entwicklung hinterher zu hasten und auf die nächste angeblich "große Sache" zu reagieren.
Ein Beispiel: Shawn Powers vom Londoner Programm der Annenberg School hob die Bedeutung der Zusammenarbeit von Nachrichtenorganisationen und mobiltechnologisch ausgerüsteten Bürgern hervor, wie sie Al-Jazeera im Gazakrieg und bei den Wahlen im Irak betrieb. Zugleich wies er darauf hin, dass "Citizen Journalism" in Propaganda abgleiten kann. Wie groß diese Gefahr ist, blieb offen - unter anderem deswegen, weil die Maßstäbe für eine wie immer geartete "objektive" Berichterstattung fehlen.
Scott Maier, Journalismus-Professor aus Oregon, konnte aus einem anderen Bereich zwar einen Zahlenvergleich referieren: Studien stellten fest, dass in großen US-Zeitungen in ca. 50 Prozent der Berichte im Schnitt drei Fehler enthalten sind - und dass die Quoten in italienischen und Schweizer Printmedien ähnlich hoch liegen. Das allerdings sagt wenig über den Umfang und die Genauigkeit der Recherchen aus. Und aus einem anderen Eck kam der zusätzliche Einwand, dass Printmedien sowieso an Relevanz verlieren - laut der auch hier zitierten Prognose von Philip Meyer soll die letzten Zeitungen in den USA im April 2043 erscheinen.
Dem steht die Frage gegenüber, wie man sich im Post-Print-Zeitalter der Qualität der Quellen versichern kann. Michael Mosettig von der NewsHour im öffentlichen amerikanischen Fernsehen PBS dämpfte die Begeisterung über die iranische "Twitter-Revolution" mit dem Hinweis, dass manche Tweets gezielt vom Geheimdienst kamen, um Dissidenten in eine Falle zu locken.
So sammelten sich Einzelbefunde an. Eine Empfehlung konnte aus ihnen nicht folgen, weder für Diplomaten noch für Bürger. Auch die Tagungsteilnehmer zogen sich daher immer wieder auf eine lang erprobte Technik zurück: das persönliche Gespräch. (Michael Freund/DER STANDARD, Printausgabe, 20.3.2010)