Die Kirche, die Odenwaldschule und wir

19. März 2010, 21:40
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Warum der ständige Verweis auf die repressiven Strukturen in der katholischen Kirche als Erklärungsmuster für die Missbrauchsskandale zu kurz greift. - Anmerkungen zum Ende des sexuellen Optimismus

Es ist beileibe nicht zynisch festzustellen, dass die gegenwärtige Debatte über sexuellen Missbrauch einen höchst erfreulichen Aspekt hat: Endlich tritt zutage, was schon lange mit Händen zu greifen war, das Missverhältnis zwischen den moralischen Ansprüchen speziell der katholische Kirche und ihrem trüben Alltag. Offenkundig ist diese mit ihren traditionellen sexuellen Vorschriften auch deshalb gescheitert, weil Sexualität mächtiger und unwiderstehlicher ist als deren fromm-stolze Missachtung. Die Geschichte, die jetzt zutage tritt, hat eine lange Vorgeschichte. Menschen meiner Generation sind mit der Drohung des Vaters aufgewachsen, dass sie, wenn sie nicht parieren, "ins Internat kommen" , wo man ihnen die "Wadeln einmal ordentlich füri richten" werde. Schwarze Pädagogik und sexuelle Erniedrigung erscheinen im Rückblick als zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Erstaunlich, dass es so lange möglich war, zu schweigen. Friedrich Heer hat beschrieben, wie die katholische Kirche schon im Dritten Reich wegen derlei Vorkommnissen durch das Regime erpressbar geworden ist. Dieses Schweigen hat wie immer, wo es Täter und Opfer gibt, mit Scham und mit Machterhalt zu tun. Viele Fälle sind mittlerweile "verjährt" , die Täter alt und gebrechlich, sodass man ihnen ihr Tun nicht mehr ansieht; jene, die heute, spät genug, sprechen, sprechen stockend.

Warum heute die medialen Dämme brechen, während vor einigen Jahren - angesichts des Falls Groër - die Techniken des Vertuschens, Stillschweigens und Unter-der-Hand-Zahlens noch wie geschmiert funktionierten, ist aufschlussreich.

Heute reagiert man zugegebenermaßen offensiver - freilich nur unter dem indirekten Druck der ständigen Skandalberichte aus dem deutschen Nachbarland. Offenkundig sind dort die (macht)politischen Konstellationen andere; in katholischen Hochburgen wie Polen, Italien oder Spanien, in den Ländern von Opus Dei und marianischer Frömmigkeit, regiert indes (noch) das Schweigen.

Was bedeutet dieser Skandal? Was könnte er für Folgen zeitigen? Im besten Fall kann die Amtskirche durch konsequente Aufklärung ihr angekratztes Image als moralische Institution reparieren. Die aufflammende Debatte über den Zölibat impliziert die Grundfrage, ob diese Kirche, in deren Zentrum nicht zuletzt der Kult der Gottesmutter und eines Gottesjünglings steht, an ihrer kämpferischen Haltung gegen die Sexualität wird festhalten können. Es geht dabei um so existenzielle Fragen wie Erfüllung und Leid, Eros und Tod.

Wie viele andere Religionen auch, hat insbesondere das katholische Christentum stets ein äußerst gespanntes Verhältnis zur Sexualität unterhalten: Es hat von deren Energien gezehrt und zugleich ihre Anhänger auf Verzicht getrimmt.

Dass ein Teil der eigenen Priester mit ganz offenkundig infantilen und autoritären Neigungen diesen Verzicht nicht leisten konnte, hat diese Sexualpolitik aufgezehrt. Ein Ankommen in der Gegenwart steht an.

Gleichwohl ist die klassische "Repressionsthese" (Foucault), die die Gegner der Kirche hohnlächelnd gegen sie in Stellung bringen, nicht einmal halbwahr. Tatsächlich sind es nicht allein katholische Dispositive, die Missbrauch befördern, sondern - generell - ganz bestimmte Konstellationen: Separierung der Geschlechter, hierarchische Machtstrukturen, ein hohes Maß an Abhängigkeit junger Menschen von Erwachsenen, geschlossene und abgedunkelte Räume. Es gibt soziale Einrichtungen, in denen verklemmte, Weihrauch-geschwängerte Sexualmoral keine Rolle spielt, Sexualmissbrauch aber an der Tagesordnung ist: das Gefängnis, das Militär, die Schule, die Familie. So haben Robert Musil und Géza Ottlik in ihren berühmten Internatsromanen (Die Verwirrungen des Zöglings Törleß; Die Schule an der Grenze) die abstoßende, beschämende und destruktive Sozialisation von jungen männlichen Adoleszenten beschrieben: Erniedrigung, physische und psychische Versehrung besitzen dabei einen erschreckenden Status von Selbstverständlichkeit. Das gilt für junge ungarische und österreichische Jugendliche um und nach 1900, aber auch für die Misshandlung von Kriegsgefangenen im Irak heute.

Beinahe parallel zu den sich noch immer häufenden Enthüllungen aus katholischen Klöstern und Internaten ist Deutschland mit einem Skandal konfrontiert, der sich, wiederum vor mehr als zwanzig Jahren, an einer (sozialdemokratisch geprägten) Muster-Reformanstalt abgespielt hat. Ausgerechnet zu ihrem 100. Geburtstag sah sich die Odenwaldschule, deren damaliger Leiter Gerold Becker der Lebensgefährte des Pädagogik-Gurus Hartmut von Hentig war, handfesten Vorwürfen gegenüber: Von bis zu 100 zum Teil schweren Missbrauchsfällen von Pädophilie in den Jahren 1972 bis 1985 ist die Rede.

... frisst ihre Kinder

Der überaus differenzierte Essay, den die Autorin Amelie Fried über ihre Zeit in der Odenwaldschule unlängst in der FAZ geschrieben hat, ist eindringlich. Die Lehrer, die über Jahre nicht nur "harmlosen" Strip-Poker mit vierzehnjährigen Mädchen spielten, sondern vor allem systematisch minderjährige, mit Vorliebe elternlose Buben sexuell missbrauchten, fühlten sich offenkundig als Wegbereiter einer sexuellen Revolution, durch die sie ihr Tun zu legitimieren trachteten: Ja nicht prüde sein! Was die Lehrer, ähnlich wie diverse Priester, missbrauchten, war nicht zuletzt das Vertrauen der ihnen anvertrauten jungen Menschen ...

Über alle mediale Hysterie hinaus bleibt bei uns, den Zeugen dieser Enthüllungen, ein Gefühl der Beklemmung. Das betrifft zum einen die Pädophilie, die man in allen Varianten als Ausbund einer infantilen und zugleich aggressiven Sexualität deuten mag. Zum anderen führt uns der feinfühlige Artikel Frieds vor Augen, dass die große Erzählung von der Selbsterlösung der modernen Menschheit in und durch Sexualität sich erledigt hat.

Sexualität mag ein unverzichtbares Stimulans unseres Lebens sein und ist zugleich Gegenstand einer neuen Skepsis. Nirgends sind wir verletzbarer als in unserer leiblichen Intimität. Dahinter lauern Macht und Gewalt. (Wolfgang Müller-Funk/DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.3.2010)

Zur Person

Der Kulturphilosoph und Essayist Wolfgang Müller-Funk, Jg. 1952, lehrt derzeit am Institut für Europäische und Vergleichende Sprach und Literaturwissenschaft der Universität Wien.

  • "Nirgends sind wir verletzbarer als in unserer leiblichen Intimität. Dahinter lauern Macht und Gewalt."
    foto: der standard/heribert corn

    "Nirgends sind wir verletzbarer als in unserer leiblichen Intimität. Dahinter lauern Macht und Gewalt."

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