In den 1980er-Jahren erschienen - auch von österreichischen Autoren - zahlreiche Bücher, die sich mit Missbrauch von Kindern auseinandersetzten
Das literarische Diskussionsangebot blieb damals ungehört.
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Wien - Als Friedrich Dürrenmatt im Frühjahr 1957 im verschneiten Neuchâtel den Telefonhörer auflegte, war er unschlüssig. Der Vorschlag der Praesens-Film AG, er solle ein Drehbuch über den Missbrauch von Kindern schreiben, behagte ihm wenig. Dürrenmatt, der gerade als Theaterautor durchgestartet war und zeitlebens der Überzeugung bleiben sollte, dass im Geschwindigkeitsrausch einer unübersichtlich gewordenen modernen Welt Schuld verwischt und abgeschoben wird, schrieb das Drehbuch dann doch.
Das Endprodukt, den Film Es geschah am hellichten Tag (1958) mit Gerd Fröbe und Heinz Rühmann in den Hauptrollen, mochte er nicht. Dass der Kindermörder am Ende gefasst wird, schien ihm zu wenig realitätsnah, auf Basis des Filmskripts schrieb er dann Das Versprechen. Ein Requiem auf einen Kriminalroman (1958), in dem die Falle des Polizisten durch einen grotesken Zufall nicht zuschnappt, was ihn in den Wahnsinn treibt. Das Versprechen (30 Auflagen) sollte Dürrenmatts erfolgreichstes Buch werden. Breiter wurde das Thema - es galt nicht als gesellschaftliches, sondern als privates, hinter verschlossenen Türen, in Wohnzimmern, Kellern, Internaten oder hinter Klostermauern angesiedeltes "Problem" - damals hingegen nicht diskutiert. Das wird es bis heute nicht.
Langes Gedächtnis
Vielleicht hat Dürrenmatt, siehe den Besuch der alten Dame, damit recht, dass die Erinnerung des Unbeteiligten kurz ist. Dasjenige der Literatur allerdings ist lang. Das Gegenteil von Gleichgültigkeit, schrieb Elie Wiesel, ist Erinnerung. So zieht sich auch das Thema Gewalt gegen Kinder - in der Familie, auf dem Hof, in Sozialisierungsanstalten wie Schule und Internat - wie ein roter Faden durch deutschsprachige Romane der vergangenen vierzig Jahre, viele davon geschrieben von österreichischen Autoren.
Felix Mitterer etwa lässt in seinem Theaterstück Die Beichte (2004), zufällig einen Ordensbruder und einen ehemaligen Zögling im Beichtstuhl aufeinandertreffen. Es ginge, sagte Mitterer, im Stück, in dem die Grenzen zwischen Opfer- und Täterrolle fließend sind, nicht um die Kirche, sondern darum, dass "endlich darüber geredet wird". Um vermeintlichen Gruppendruck, Verdrängung und Schweigen in einem katholischen Jugendinternat geht es auch in Michael Köhlmeiers Roman Die Musterschüler (1989), der vergangenes Jahr als Taschenbuch erschien. Josef Haslinger, der in der Kurzgeschichte Die plötzlichen Geschenke des Himmels Anfang der 1980er-Jahre über sexuelle Spiele in der Klosterschule schrieb und sich seit der Causa Groër immer wieder differenziert und streitbar zu Wort meldet, staunte kürzlich in einem Zeitungsartikel, dass ausgerechnet die am weitesten von der Realität abweichenden Passagen seiner Erzählung sich am meisten ins Bewusstsein des Lesers rücken, und prägte dafür den Terminus "moralisch einwandfreie Fiktion" . Und fast zwanzig Jahre ist es her, dass der Schweizer Autor Urs Allemann 1991 mit seiner Litanei Babyficker beim Bachmannpreis einen Skandal auslöste. Viel wurde damals über Obszönität und Brutalität diskutiert, wenig über gesellschaftliche Parameter.
Im dörflich-katholischen Umfeld sind Franz Innerhofers Schöne Tage (1974) und Josef Winklers Trilogie Das wilde Kärnten (1979-1982) angesiedelt, doch gerade in Österreich haben sich auch Autorinnen literarisch mit dem Thema beschäftig. Als Mutter-Töchter-Geschichten von extremer Brutalität sind Anna Mitgutschs Die Züchtigung (1985) und Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin (1983) angelegt. "Über die Gewalt sieht die Wirklichkeit hinweg, solange niemand darüber spricht", heißt es in Elfriede Czurdas Kerner. Ein Abenteuerroman (1987, 2009 bei Edition Korrespondenzen wiederaufgelegt), der den sexuellen Missbrauch einer Tochter durch den Vater thematisiert.
Thomas Bernhard schrieb 1975 einen Internatstext, Die Ursache, und Elias Canetti setzte sich mit häuslicher Gewalt (Der gute Vater) auseinander. Neuere Beispiele sind Paulus Hochgatterers Roman Das Matratzenhaus (2010) und Thomas Glavinics Novelle Der Kameramörder (2001), deren Verfilmung demnächst in den Kinos läuft.
Das literarische Diskussionsangebot, das in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts geborene Autoren in den 1980er-Jahren in einem doch erstaunlichen Ausmaß mit ihren Büchern zum Thema Missbrauch machten, blieb ungehört. Vielleicht ist die Zeit nun reif, sich mit der Frage, wie wir eigentlich mit unseren Kindern umgehen, auseinanderzusetzen - nicht nur im Sinne einer "schwarzen Pädagogik", denn das Thema ist zu vielschichtig und komplex, als dass sich einfache Lösungen anböten.
Die Literatur, die mit Erinnerung, auch verletzter, und dem Aussprechen des Ungesagten mehr als mit Moral zu tun hat, wird dafür ein guter Gradmesser bleiben. Bernhard schreibt in Im Keller (1976): "Der Wille zur Wahrheit ist, wie jeder andere, der rascheste Weg zur Fälschung (...) Wir müssen sagen, wir haben nie etwas mitgeteilt, das Wahrheit gewesen wäre, aber den Versuch, die Wahrheit mitzuteilen, haben wir lebenslänglich nicht aufgegeben (...) Die Wahrheit, die wir kennen, ist logisch die Lüge, die, indem wir um sie nicht herumkommen, die Wahrheit ist." (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.03.2010)
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Menschen, Makler, Leute
Das Geschäft, das wirkliche Geschäft mit dem Missbrauch ist Realität. Hier und jetzt. Nicht irgendwo. Nicht irgendwann. - <b>Erzählung von Alfred Goubran</B>