Ludwig Laher

Ich habe unter euch gewohnt

19. März 2010 17:35
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    Foto: heribert corn

    Zur Person:
    Ludwig Laher, geb. 1955 in Linz, studierte Germanistik und klassische Philologie. Er ist seit 1998 freier Schriftsteller. Zuletzt erschien im Herbst 2009 bei Haymon sein Roman "Einleben".

Ich kenne ihn. Das heißt, ich habe mich mit ihm beschäftigt, persönlich begegnet bin ich ihm nicht

Adolf ist sein Name, sagt eines der Mädchen auf dem Bild gut siebzig Jahre später.

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Ein fescher Bub. Über dem dunklen Anzug eine breite Schärpe, schneeweiß wie die Kommunionskleidchen der Mädchen vor ihm. Farbe der Unschuld. In der Rechten eine reich verzierte Kerze, scheint er tatsächlich zum Vernunftsgebrauch gelangt zu sein, wie es das Kirchenrecht als Voraussetzung für die Teilnahme an diesem Ritual vorsieht. Und seine erste Beichte wird er wohl auch schon abgelegt haben, als er mit den gleichaltrigen Dorfkindern 1938 Aufstellung nimmt und der Fotograf den großen Augenblick festhält.

Ich kenne ihn. Das heißt, ich habe mich mit ihm beschäftigt, persönlich begegnet bin ich ihm nicht. Adolf ist sein Name, sagt eines der Mädchen auf dem Bild gut siebzig Jahre später, nein, Klemens, meint ein männlicher Schulkollege von einst, die beiden Brüder waren schließlich bloß siebzehn Monate auseinander, besuchten nur im Winter die Schule, und überhaupt, es ist ja schon so lange her. Ich selbst kann mir auch gut vorstellen, dass es der Franz oder der Karl ist, wenn das Foto wirklich aus dem Jahr 1938 stammt, wie die noch lebenden Abgebildeten unisono beteuern. Auf jeden Fall heißt, hieß er Rosenfels.

Im ganzen waren es zehn Geschwister, Adolf, Klemens, Erika, Marta, Franz, Karl, Maria, Rudolf, Helga und Ernst, alle noch Kinder, als sie in Lódz gemeinsam starben oder, präziser gesagt, innerhalb weniger Wochen um die Jahreswende 1941/42. Genau wie ihre Eltern, der Marktlieferant und Korbflechter Klemens Rosenfels und seine Frau Emma sowie 4995 weitere Sinti und Roma aus Österreich.

Daheim waren die Rosenfels in der kleinen Innviertler Gemeinde Weng unweit von Altheim, wo die Familie seit 1895 auch das Heimatrecht und bald ein Grab auf dem Ortsfriedhof besaß. In der kalten Jahreszeit lebten sie in einem bescheidenen Holzhäuschen an der Hauptstraße, in der warmen waren sie mit Pferd und Wagen auf Reisen. "Die Zigeuner sind wieder da!", hieß es dann eines schönen Tages im Herbst, und die Dorfbuben freuten sich schon aufs Raufen mit Adolf, Klemens und Co, aber auch aufs Zuhören, weil sie in völlig ungewohnter Besetzung, etwa Gitarre und Akkordeon, so außergewöhnlich schön musizierten.

So eine heimatberechtigte Sintigroßfamilie fand sich in vielen oberösterreichischen Dörfern vom Zuschnitt Wengs, in Bachmanning im Hausruckviertel etwa ein anderer Zweig der Rosenfels, in Buchkirchen bei Wels die Blachs, in Hochburg-Ach an der bayerischen Grenze die Kerndlbachers. Und überall sind ähnliche Bilder aus den 1930er-Jahren erhalten, ein Schüppel Kinder vor dem Schulhaus, in der Klasse, bei der Erstkommunionfeier, eines oder zwei etwas dunkler als die anderen. Überall auch werden ähnliche Geschichten erzählt, etwa von den drei Kerndlbacher-Buben, die in der Kirche zweistimmig notierte Adventlieder dreistimmig und solo zum Besten gaben, weil der Lehrer an den Fähigkeiten des gesamten Volksschuljahrganges fürs Chorsingen verzweifelt war. Noch heute geraten alte Leute ins Schwärmen, wenn sie davon berichten.

Seit dem späten 15. Jahrhundert leben diese Menschen hier, immer wieder Verfolgungen ausgesetzt, als vermeintliche Zauberer, Spione der Türken, rassische Untermenschen oder was sich die Mehrheit in Abständen sonst als Grund für Mord und Totschlag einfallen ließ. Oberdonau schließlich, der Heimatgau des Führers, verpflichtete sich zur besonders vorbildlichen Lösung des Zigeunerproblems und brachte gleich über neunzig Prozent von ihnen um.

Wer das KZ oder als U-Boot überlebte, ging, oft der gesamten Familie beraubt, zumeist nicht in die Dörfer zurück, sondern versuchte, in der Anonymität größerer Städte unterzutauchen, sich zu assimilieren oder aber zu reisen und womöglich Anschluss an andere Sinti zu finden, etwas von der Sprache und jener Kultur herüberzuretten, deren zentrales Element die nunmehr ausgelöschte patriarchal organisierte Großfamilie war, in der sich jeder, der die Regeln einhielt, auf den anderen verlassen konnte. Als Opfer des NS-Regimes häufig nicht anerkannt, wurde den Sinti in manchen Fällen bis in die 90er-Jahre die österreichische Staatsbürgerschaft verweigert, auch wenn sie in Königswiesen im Mühlviertel geboren sein mochten und immer in Österreich gelebt hatten.

Die Nazis hatten sie nämlich zu Staatenlosen erklärt, und daran erinnerte 1948 das Innenministerium, genauer die Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit alle untergeordneten Dienststellen überdeutlich, wenn sie in einem Erlass beklagte, das Zigeunerunwesen sei wieder im Zunehmen begriffen, ja die Zigeuner würden sich oftmals als KZler ausgeben, um auf die Bevölkerung Eindruck zu machen. Als probates Mittel gegen lästige Zigeuner wurde allen Ernstes die Möglichkeit der Außerlandschaffung empfohlen. Das war sieben Jahre zuvor nicht anders, nur das Ghetto Lódz und die getarnten Gasautobusse von Chelmno waren mittlerweile außer Betrieb.

Wieder drei Jahre früher schaut Adolf oder Klemens oder Franz oder Karl Rosenfels noch als leidlich integrierter katholischer Österreicher oder vielmehr schon als Kurz-Deutscher in die Kamera, nachdenklich, will mir scheinen. Ich will nicht unterstellen, dass er wenige Wochen nach dem Anschluss bereits ahnte, was da kommen würde. Dieses Bild und viele ähnliche aus jenen Jahren weisen keineswegs nach vorne Richtung Aussonderung, sondern sind Momentaufnahmen aus einer Zeit, da viele oberösterreichische Sinti seit 50, 100 oder 150 Jahren offiziell an einem bestimmten Ort zu Hause waren, dazugehörten.

Wo immer mich meine Recherchen hinführten, nahezu überall haben die alten Leute über "unsere" Zigeuner von damals eine gute Meinung, nur selten eine Spur von den üblichen Klagen jener, die nur am Rande oder nie mit Sinti zu tun hatten. Einer breiteren Öffentlichkeit, so sie überhaupt von ihnen Notiz nimmt, ist von diesem Stück Sozialgeschichte heute freilich kaum mehr etwas bekannt, man geht vielmehr davon aus, die Sinti wären jahraus, jahrein herumgezogen, unbeheimatet, unzugehörig gewesen, undurchsichtige Fremde also, die sich häufig an Hühnern und Wäsche und Kindern vergriffen hätten. Und weil diese Schauergeschichten zum beliebten Standardrepertoire an Drohgebärden gegenüber dem ungehorsamen Nachwuchs zählten, überlebte das unter weiten Röcken verschwundene Federvieh die vermeintlichen, in etlichen Fällen wohl tatsächlichen Hendldiebe um viele Jahrzehnte.

Verschleppte Kinder?

Verschleppte Kinder? Der wahre Kern hinter dem Gerücht sagt mehr über uns aus als über die Sinti, denn Kinder hatten sie wahrlich selbst genug. Bettelte aber etwa eine geschwängerte Magd in ihrer Not darum, die Zigeuner mögen ihr, wenn es so weit sei, das Kind abnehmen, dessen Existenz sie, ebenso unter weiten Kitteln, möglichst bis zur Niederkunft zu verheimlichen trachtete, dann standen die Sinti oft genug zur Verfügung, denn sie wussten, dass die Alternative Kindsmord oder Aussetzen sein konnte. Kamen die Behörden freilich dahinter, dass eine Schwangerschaft vorgelegen war, flüchteten die verzweifelten Mädchen sich manchmal in Ausreden, man habe ihnen das Kind gestohlen.

Die Kerndlbachers aus Hochburg-Ach hatten in der Gegend von Leoben einen verkrätzten, ausgehungerten Säugling aufgenommen, den ihnen ein alkoholkrankes Tagelöhnerpaar aufdrängte. Der Gemeinde, die sie vorsichtshalber kontaktierten, war einzig darum zu tun, eine Erklärung unterfertigt zu bekommen, die Sinti würden in Sachen des Knaben auf alle Ansprüche gegenüber der Kommune verzichten. Neben zehn Schwestern und nur einem Bruder wuchs der blonde und blauäugige Bub als Nesthäkchen prächtig heran, bis fast die gesamte Familie dem Rassenwahn zum Opfer fiel, samt dem adoptierten deutschblütigen Kleinen. Eine einzige Schwester überlebte und erzählte die Geschichte.

Vor sechzehn Jahren zog ich nach St. Pantaleon ins südwestliche Innviertel, der archaischen Gegend des Ibmer Moores und der Weite der Landschaft wegen. Von alten Frauen im Dorf erfuhr ich vom verdrängten zentralen Zigeuneranhaltelager für Oberdonau im Weiler Weyer zwei Kilometer nördlich von meinem Haus. 1658, las ich später, wurde eine für vogelfrei erklärte Hundertschaft Zigeuner keine zwei Kilometer südlich mit dem Schwert gerichtet, nur Kinder bis achtzehn wurden begnadigt. 1941 war man nicht so großzügig, etwa 230 Kinder und Jugendliche fanden sich unter den Internierten, drei starben gleich in Weyer, der Rest im besetzten Polen, darunter die kleinen Adolf und Klemens und Franz und Karl Rosenfels, von denen einer auf dem Bild hier die unschuldig weiße Schärpe trägt.

In meinem Roman Herzfleischentartung erzähle ich, im wahrsten Sinn des Wortes ins Thema gezogen, von diesen Ereignissen. Während der Recherche und nach Erscheinen des Buches wurde ich mit Informationen überhäuft, tausende Seiten Dokumente ließen sich eruieren, und 2005 wurden mir sogar die verschollen geglaubten Häftlingslisten von Weyer mit handschriftlichen Ergänzungen zugespielt.

Ich habe einigen Gemeinden angeboten, gemeinsam mit Menschen vor Ort dem nachzuspüren, was sich über "ihre" Sinti noch herausfinden lässt. Hier wurde ein von entfernten Verwandten immer noch bezahltes letztes Grab aus dem März 1938 in öffentliche Obhut übernommen, dort ins neue Gemeindeamt eine Gedenktafel integriert. In Ach schuf ein Kunstschmied, Sohn des Hufschmiedes, der mit den als Rosshändler geachteten Kerndlbachers, seinen Nachbarn, einst orthopädische Hufeisen hergestellt hatte, eine privat finanzierte Erinnerungsstätte für seine ehemaligen Spielkameraden. Und in Weng realisierte eine lokale Kulturinitiative gar einen Film, der den Rosenfels nachspürt.

Mehr als eine halbe Million Zuschauer wollten 2006 allein bei der Erstausstrahlung meine eigene mit dem Sintiverein Ketani gedrehte Fernsehdoku zum Thema sehen, und selbst bei Veranstaltungen in kleinen Gemeinden kamen stets hunderte Besucher, viele davon schon betagt. Mir fiel auf, dass gerade ältere Menschen bei aller Verlegenheit meist froh darüber zu sein schienen, dass "ihre" Sinti wenigstens auf diesem Weg heimgeholt wurden.

Ich habe mitten unter euch gewohnt, sagt mir das Kind auf dem Bild, deutlich, aber nicht laut. (Ludwig Laher, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.03.2010)

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  • Mein Vater: Ein Untoter [11]

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