"Das Land hat uns im Stich gelassen"

19. März 2010, 17:28
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800 Einsatzkräfte bekamen nach ihrem Einsatz am Ground Zero Krebs - Die 9/11-Helfer fordern Entschädigungen

Wenn Glen Klein morgens aufwacht und er Schmerzen hat, wo er vorher nie Schmerzen hatte, dann denkt er sofort an Krebs. "Hat's mich jetzt auch getroffen?" Zehn Jahre, sagt er, habe er schon weggestrichen von seinem Leben, wegen des giftigen Staubs am Ground Zero, den er monatelang einatmen musste.

Als der Polizist am 11. September 2001 am Einsatzort eintraf, lagen die Twin Towers schon in Trümmern, war der Staub schon so dicht, dass er kaum noch was sehen konnte. Drei Monate in Folge hat er nach Leichenteilen gesucht, 16 Stunden täglich, ohne einen Tag Pause. "Ich weiß, es klingt makaber. Aber wir waren froh, wenn wir einen Knochen fanden oder einen Fetzen Fleisch", erinnert er sich. "Es bedeutete, dass Familien etwas hatten, was sie begraben konnten." Acht Jahre später leidet er unter Magenkrämpfen und Asthma, an seiner Lunge haben sich Knötchen gebildet. Klein hat eine Zeitlang seine Kreditkarten überzogen, um Arztrechnungen zu begleichen.

Den Job bei der Polizei gab er 2003 auf. Er kann sich nicht mehr konzentrieren, die Stunden in den Trümmerbergen haben ihn zum Nervenbündel gemacht. Er kaut Kaugummi, um sich zu beruhigen. Wenn er Bilanz zieht, klingt er verbittert. "Das Land hat uns im Stich gelassen." Klein ist einer von rund 9000 Rettungs- und Bergungskräften, denen die Stadt New York und ein paar Baufirmen nach langem Hin und Her eine Entschädigung anbieten: 657 Millionen Dollar für alle. Gezahlt wird nur, wenn 95 Prozent der Betroffenen binnen drei Monaten auf die Offerte eingehen. Tun sie es nicht, wird weitergeklagt. Im Moment sieht es ganz nach Letzterem aus. Bürgermeister Michael Bloomberg spricht von einer fairen Lösung, die Rettungskräfte fühlen sich zu billig abgespeist.

"Das ist kein Deal, das ist eine Zumutung", knurrt Kenny Specht. Er weiß, dass allein eine Chemotherapie bis zu 20.000 Dollar kostet. "Und was ist mit denen, die heute noch nicht akut krank sind, aber es vielleicht bald sein werden?" Der Feuerwehrmann hat 27 Stunden durchgearbeitet am 11. und 12. September, "weniger gelöscht, als nach Überlebenden gesucht". Was Specht gleich auffiel, war die merkwürdige Farbe des Qualms: Giftgrün. Die Chefin der amerikanischen Umweltbehörde erklärte fünf Tage nach den Anschlägen, die Luft sei okay zum Atmen. Fünf Jahre hatte Specht keine Beschwerden, dann bekam er Magen-Darm-Probleme, 2007 diagnostizierten die Ärzte Schilddrüsenkrebs.

Rund 800 9/11-Helfer, schätzen Experten, bezahlten den selbstlosen Einsatz mit einem Krebsleiden. Das New Yorker Rathaus lehnte einen Zusammenhang zwischen Staub und Krebs lange ab. Im Jänner 2006 starb der Detektiv James Zadroga, gerade einmal 34. Zunächst hatte ein Gutachter im Auftrag der Stadt befunden, Zadroga habe Drogen genommen und deshalb nicht lange gelebt.

Mittlerweile berät der US-Kongress über ein nach Zadroga benanntes Gesetz. Demnach soll jedem, der in der Schuttgrube an dem toxischen Gemisch aus Betonstaub, Flugbenzin, Asbest und Blei erkrankte, die medizinische Behandlung bezahlt werden, wenn er nicht oder nur unzureichend krankenversichert ist. Eine Summe von bis zu zehn Milliarden Dollar ist dafür im Gespräch. Das wäre es eine ungleich wichtigere Geste als das magere New Yorker Vergleichsangebot. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 20.3.2010)

  • Feuerwehrmann Kenny Specht fiel am Ground Zero der grüne Qualm auf. Heute hat er Schilddrüsenkrebs.
    foto: standard/herrmann

    Feuerwehrmann Kenny Specht fiel am Ground Zero der grüne Qualm auf. Heute hat er Schilddrüsenkrebs.

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