Das Geschäft, das wirkliche Geschäft mit dem Missbrauch ist Realität. Hier und jetzt. Nicht irgendwo. Nicht irgendwann. Eine Erzählung von Alfred Goubran.
Es war Anfang des Jahres: Beim Gang durch die Stadt von einem Unwetter überrascht, hatte ich mich in die Es war Anfang des Jahres: Beim Gang durch die Stadt von einem Unwetter überrascht, hatte ich mich in die Kurkonditorei Oberlaa geflüchtet, die sonst nicht zu meinen bevorzugten Kaffeehäusern in Wien zählte, wo ich plötzlich - ich trank einen Espresso und saß mit dem Rücken zum Verkaufstresen - eine mir wohlbekannte Stimme mit der Unabweisbarkeit eines Innenohrgeräusches, was in dem Geschirrklappern und Stimmenwirrwarr, das im Verkaufsraum herrschte, beinahe traumhaft wirkte, folgende Bestellung aufgeben hörte: "Zwölf Champagner-Trüffel, vier Griotte, sechs Grand Marnier, acht Haselnuss-Schüsserl und je ein Dutzend Himbeer-Trüffel und Blätterkrokant." Noch ehe ich mich ganz herumgedreht hatte, wusste ich, dass es sich bei dem Sprecher nur um Boris* (Name von der Redaktion geändert) handeln konnte. Er erkannte mich auch gleich und schien sich wirklich zu freuen, mich zu sehen. Das letzte Mal hatten sich unsere Wege zufällig bei der Biennale in Venedig gekreuzt - vier Jahre mochte das jetzt her sein. Äußerlich hatte er sich nicht verändert, dieselbe Rüstung wie immer: Handgemachte Schuhe, Hemd, Sakko, Bart, Brille mit Nickelrand, graue Hochwasserhosen, die nach Altherrenart bis über den Nabel hinaufreichten und den Blick auf gerippte Seidenstrümpfe freigaben. Das wirkte im Gesamtbild nicht etwa elegant (hatte es nie, schon früher nicht, als ich ihn kennengelernt hatte und seine Kleider noch abgetragener und von minderer Qualität gewesen waren), sondern eher altmodisch, Typus "Zerstreuter Professor". Und sah man genauer hin, fand sich auch immer irgendein Detail oder eine Nachlässigkeit, die diesen Eindruck bestätigte: Flecken auf dem Sakko, ein fehlender Knopf, ein Hemdzipfel, der aus der Hose ragte, gelegentlich erspähte man auch Speisereste, die sich in seinem Bart oder zwischen den Zähnen verfangen hatten. Boris stammte aus einer Kleinstadt im Westen Österreichs und hatte sich viele Jahre in Deutschland umgetan, wo er zuerst, im Umfeld von Schroeter, Fassbinder, Herzog, als Kabelträger, Beleuchter, Regieassistent gearbeitet hatte und später, in Berlin, mit den Künstlern und der Kunstszene um die Paris Bar in Kontakt gekommen war. Nach Wien zurückgekehrt, hatte er Philosophie und Kunstgeschichte studiert und sich, wie die meisten von uns, mit "Projekten" und kleinen Nebenjobs über Wasser gehalten. Existenziell betrachtet war Boris nur eine weitere Aussichtslosigkeit, die damals die Stadt bevölkerte. Für andere, erfolgreichere "ein Fettauge, das auf jeder Suppe schwimmt" (wie ihn einmal eine Bekannte von mir bezeichnet hatte), für mich einer der wenigen, die noch bereit waren, für das, was sie "wirklich" interessierte, ihre Existenz zu riskieren. Oder zumindest zu vernachlässigen. Wissen, so zumindest meine Erfahrung, erwirbt man sich nicht auf Universitäten, sondern in langen, mühseligen, oft frustrierenden "Privatstudien". Abseits des Mainstreams. Abseits der Norm, abseits des Offiziellen. Da ist auch das Abgründige und Abseitige nicht fern: Drogen, Verbrechen, Magie, Verschwörungstheorien, Geheimlehren, Dämonen- und Engelsordnungen, alte Kulte, Heil- und Initiationsmethoden, Rituale, Rezepte, Substanzen und Essenzen wollen erprobt und studiert sein. Die Milieukenntnis - ein Abtasten der Normen und "Mitten" von möglichen Gegenwelten - ergänzt das Bücherwissen, gesucht ist die selbstgemachte Erfahrung, das Erlebnis, durch die man sich selbst ins Zentrum eines alchimistischen Prozesses rückt. Sein eigenes Versuchsobjekt wird. Ziel bleibt die "Chymische Hochzeit", die "Unio Mystica" oder, wie F. G. Jünger es einmal sehr klar ausgedrückt hat: "Jede Erkenntnis ist Berührung." Alles andere ist secondhand. Zweit- und Drittverwertung. Heute wie damals. Nie aber geht es auf diesem Weg ohne Schädigung ab, sei es körperlicher, seelischer oder geistiger Art. Das Scheitern, das Ende des Selbstversuchens liegt dort, wo die Schädigung irreversibel wird. Für die einen ist das die Karriere, für die anderen das Pflegeheim.
Boris war ein Genussmensch. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er in höchster Befriedigung psychotische Schübe oder Dysfunktionen seiner Organe an sich konstatierte, ehe er in den entlegensten Quellen - statt sich einem Arzt oder "Fachmann" anzuvertrauen - nach den Ursachen und möglichen Heilmethoden forschte. Er war ein Connaisseur in extenso, was er mir in unseren Gesprächen oft bewiesen hatte, noch fähig zum Genuss, wo bei mir schon der Ekel einsetzte. Ich erinnere in diesem Zusammenhang die Schilderung seines Besuches eines römischen Restaurants, in dem er rohes Kalbshirn in kochender Butter verzehrt hatte, oder seine Erzählungen von den Ausschweifungen und sexuellen Exzessen im Berlin der zwanziger Jahre. Ein Wesenszug, der mich, bei aller Sympathie, Distanz halten ließ. Wirkliche Connaisseure sind mir nicht ganz geheuer. Gezwungen zu wählen, zöge ich wahrscheinlich den Gewaltmenschen dem Genussmenschen vor.
All das traf natürlich nur auf den Boris zu, den ich früher gekannt hatte. In vier Jahren konnte viel geschehen. Äußerlich schien er unverändert. Die Lebensstationen waren schnell erzählt. Zwei Jahre hatte er als Kurator einer privaten Kunststiftung in Moskau verbracht, die der Frau eines ehemaligen Pelzhändlers gehörte, und sich danach als "Kunstvermittler", wie er sich ausdrückte, selbstständig gemacht. Die Geschäfte liefen gut. Er besaß inzwischen ein Haus auf Zypern, sei ständig auf Reisen und käme nur noch selten nach Wien. Zu "den Leuten von früher" hätte er kaum Kontakt. Ich fragte ihn, in welchem Hotel er wohne.
"Kein Hotel. Ich wohne in dem Haus eines Geschäftsfreundes. Gleich hier um die Ecke. Möchtest du zum Abendessen kommen? Hast du Zeit?"
"Wenn ich nicht störe ..."
"Nein, wir sind alleine. Nur eine Haushälterin ist noch da. Isst du gerne philippinisch?"
Das Haus, dem äußeren Anschein nach ein altes, abgewohntes Palais, dessen barocke Substanz den klassizistischen Renovierungsfuror eines nachfolgenden Jahrhunderts zum Opfer gefallen war, lag im Ersten Bezirk, in dem verwinkelten Gassengewirr gleich hinter der Michaelerkirche. Eine nicht mehr junge, auffallend kleinwüchsige Asiatin - wohl die erwähnte Haushälterin -, öffnete mir die Tür und nahm mir den Mantel ab. Boris wartete auf mich im ersten Stock. Er führte mich in ein großes Zimmer, das mit Kunstwerken und Preziosen angefüllt war. Bilder, in französischer Hängung, bedeckten fast vollständig die Wände, dazwischen afrikanische Holzfiguren und moderne Kunstobjekte, in der Raummitte zwei weiße Lederfauteuils, die sich gegenüber standen, an der Stirnseite des Raums ein einziges Bücherregal, dessen Seiten- und Zwischenstreben aus gedrechselten, mit Blätterwerk und Figurinen besetzten Holzsäulen bestand, Schlangenleiber, die über das letzte Bord hinausragten und in geschnitzte Frauenköpfe ausliefen, deren Antlitz mir bekannt vorkam. Moderne Köpfe. Einer mit Pagenschnitt. Gesichtszüge wie ich sie eher von den Gesellschaftsseiten der Zeitungen als aus Kunstkatalogen kannte. Gleich darunter der Esstisch, hinter einem Seidenparavant (silberne Pfauenköpfe auf nachtblauem Grund) verborgen. Wir setzten uns. Der Tisch war gedeckt. Boris fragte mich, ob ich Wein wollte. Ich bejahte.
"Was ist das für eine Wohnung?"
"Gefällt sie dir?"
Ich blickte mich noch einmal um. Ein Zimmer wie ein Museum. Ein Raum, nur für andere gedacht.
"Gewöhnungsbedürftig."
"Ja. Ja, das ist alles Scheiße. So etwas gibt es nur in Wien. - Prost!"
"Das gibt's doch überall".
"Ja, aber anders. Diese Wohnung hier - das ist so etwas wie der Club 45 früher. Wer in diesem Land wirklich etwas zu sagen hat, muss einmal hier gewesen sein. Und ist vor dieser Geschmacklosigkeit in die Knie nie gegangen."
"Wer wohnt hier."
"Man könnte sagen: Ein Ratgeber. Sein Name wird dir nichts sagen."
"Vielleicht war es etwas anderes, vor dem sie in die Knie gegangen sind."
"Ja, sicher. Aber auch die Kunst, die Geschmacklosigkeit, die in Österreich immer den Kotau der Mächtigen verlangt. Die Mächtigen müssen sich vor der Geschmacklosigkeit verneigen - das ist Landessitte. Beides ist repräsentativ. Das nennt man Grundkonsens."
"Du redest wie Thomas Bernhard."
Boris lachte. Die Haushälterin - merkwürdigerweise war ihr Name Barbara - brachte das Essen. Philippinisch ... ich weiß nicht. Nudeln, Gemüse, Fleisch. Eintopf. Asiatische Küche eben. "Diese Kartoffeln", sagte Boris, "diese ERDÄPFEL habe ich heute Nachmittag am Naschmarkt gekauft. Weißt du warum? - Weil hier nur geschälte italienische Kartoffeln in der Dose zu finden waren. - Stell dir das vor! Geschälte Importkartoffeln aus der Dose! Das geht über jede Geschmacksverirrung hinaus - das ist Geschmacklosigkeit zur Potenz. Qualitätslähme. Tonnen von Geld und dann das. Glaub mir: Diese Leute haben sich ihren Bernhard verdient!" Ich sagte nichts dazu, schließlich kannte ich diese Leute ja nicht und Boris wollte mich offensichtlich über ihre Identität im Unklaren lassen. Ich erkundigte mich statt dessen nach seinen Geschäften und Boris erzählte von den Reisen und den Leuten, mit denen er Umgang hatte. Anekdoten, Zoten, Insiderwissen. Von mir gab es nicht viel zu erzählen. Ich ging meine kleinen Kreise. Schrieb, jobte. "Das wird sich ändern", sagte Boris. "Das wird sich alles von einem Tag auf den andern ändern. Dann kommst du raus! Aus diesem Kreisgang. Glaub mir! Komm, darauf trinken wir!" Er trank wie ein Russe, schnell und in großen Zügen. Eine Flasche war schnell geleert. Barbara brachte eine neue. Zum Kaffee setzten wir uns auf die weißen Fauteauls, besser gesagt: Ich setzte mich. Boris zog die Schuhe aus, lagerte seinen Körper, in altrömischer Manier (zumindest nach ASTERIX), über die ganze Länge des Sitzmöbels und zündete sich eine Zigarette an. Es war etwas befremdlich, sich mit ihm in dieser liegenden Stellung zu unterhalten. Hätte ich mich auch noch hingelegt, wäre die Schikurserinnerung perfekt gewesen.
Boris hatte einmal gesagt, es gäbe immer mindestens zwei Dinge, die einen in Atem hielten: Das, woran man gerade arbeitet und das, was in einem arbeitet. Selten nur war beides in Deckung zu bringen. Wie man es auch anstellte, man hinkte den inneren Prozessen immer hinterher. Boris war natürlich an letzterem interessiert. Da gab nur eine Sache, die mich in den letzten Jahren nicht losgelassen und immer wieder aufs Neue beschäftigt hatte. Ich sprach nicht gern darüber und ich war mir nicht sicher, ob Boris der richtige Gesprächspartner dafür war, zumal es auch als "Thema" - und in letzter Zeit vermehrt - seinen Weg in die Tagespresse gefunden hatte. Ich meine den sogenannten Missbrauch von Kindern. Das Wort ist nicht glücklich gewählt, denn es impliziert, dass es einen "richtigen Gebrauch" von Kindern gäbe, was dann wohl niemand so gesagt haben will.
"Das hat schon seine Richtigkeit", meinte Boris, nachdem ich ihm meine bedenken mitgeteilt hatte. "Es ist leichter zu sagen, es gibt keinen "richtigen Gebrauch" von Kindern, als darüber nachzudenken, worin dieser "richtige Gebrauch" bestehen könnte." Ich verstand ihn nicht gleich und er fügte hinzu: "Zumindest in den Köpfen der anderen. - Aber ich wollte dich nicht unterbrechen, sprich weiter!"
Ich hatte versucht mir die Anziehungskraft dieses Themas auf mich zu erklären: Eine Erfahrung diesbezüglich hatte ich nicht gemacht - so weit man sich da jemals sicher sein konnte. Die persönliche Betroffenheit bestand in etwas anderem, nämlich der Berührung durch all diese Fälle und Berichte mit etwas, von dem ich schlichtweg nicht glauben konnte, dass es in der Welt existierte. Ich meine damit nicht die, in diesem Zusammenhang schon als "harmlos" zu bezeichnende Welt der Pädophilen, die Übergriffe im familiären Umkreis, in Kinderheimen oder Schulen, sondern etwas Unartikuliertes, das sich davon unterschied und uns alle betraf. Ich spürte es deutlich bei dem Fall Dutroux - das war übrigens der Auslöser meines Interesses gewesen. Damals war es, als würde für einen kurzen Moment der Vorhang hochgezogen und der gesamte Machtapparat eines Landes zeigte sich in diese Ungeheuerlichkeiten verstrickt: Richter, Polizei, Medien, die Politik, die Wirtschaftsbosse, die Unterhaltungsindustrie. Aber nicht diese Tatsache war es, die mich erschreckte, sondern der Anblick selbst, als wären diese honorigen, wenn auch korrupten und verlogenen Leute allesamt kleine Dutroux und man hätte sie in flagranti dabei erwischt, wie sie zwei wehrlose Mädchen, die sie auf der Straße zusammengefangen hatten, in irgendwelchen Erdlöchern und Kellern quälten und missbrauchten. Pasolinis "Saló", ein Film zu dem ich bisher, bezogen auf Pasolinis sonstiges künstlerisches Schaffen, keinen Zugang gefunden hatte, ist so ein Anblick. Anschauung einer Realität, die dem Bewusstsein unerträglich ist, ein boschès Höllenbild ...
"Das ist die Welt in der wir leben", warf Boris ein, "- ob wir nun hinsehen oder nicht. Die Frage ist: Was hat man gesehen, als der Vorhang für einen Augenblick hochgegangen ist. Oder andersherum: Was hat einen angeschaut?"
Barbara kam mit dem Konfekt, das Boris am Nachmittag in der Kurkonditorei Oberlaa gekauft hatte. Sie fragte auf Englisch - es war das erste Mal, dass sie das Wort an uns richtete -, ob wir noch etwas brauchten. Boris orderte eine Flasche Wein und eine Karaffe Leitungswasser. Wir schwiegen bis sie die Flasche gebracht und sich von uns verabschiedet hatte. Boris wies sie noch an, das große Licht abzuschalten, dann beugte er sich über das Tablett, wählte ein Konfekt, legte sich wieder hin, schloss die Augen und schob es sich in den Mund. Ich fragte mich wie lang es brauchte, bis so ein Konfekt im Mund geschmolzen war. Die afrikanischen Masken waren mir unheimlich. Gleich neben mir, den Kopf auf Augenhöhe, stand ein Speerträger, den ascheweißen Körper mit Tätowierungen übersät.
"Wusstest du", Boris sprach mit geschlossenen Augen, "dass es satanische Praktiken gibt, die zum Ziel haben, dass man selbst zum Dämon wird? Es geht darum, das Menschliche in sich zu überwinden, es abzutöten, um das Unmenschliche zu stärken. Auch rituelle Tötungen gehören dazu, Kindsmorde, Schändungen, Kannibalismus. Die Quellen sind nicht sicher, doch kann man davon ausgehen, dass es so etwas gibt."
"Aber Dutroux war doch kein Satanist!"
"Wer weiß - aber auch wenn er keiner war, bleibt das Ergebnis dasselbe, ob beabsichtigt oder nicht."
"Vielleicht war es das System?"
"Welches System?"
"Das System, in dem wir leben, von dem alle reden und das keiner benennen kann. Vielleicht hat dieses System ein Gesicht."
"Welches System?" Boris klang gereizt. Er setzte sich auf. Sein Blick auf dem Konfektteller.
"Ich meine: Es ist doch alles darauf ausgerichtet, das Leben "in den Griff zu bekommen", es in all seinen Erscheinungsformen vermittels der Technik zu regulieren, zu normieren und über die Normierung der Vernutzung zuzuführen. Es gibt kaum noch Lebensräume oder Lebensbereiche, die nicht reguliert sind und selbst wo man ein Stück Landschaft, einen Wald, einen Berg, zu schützen versucht und ein Naturschutzgebiet daraus macht, ist dieser Vorgang eine Regulierung. Kinder aber sind unreguliertes Leben. Warum sollten wir uns hier anders verhalten? Aus Gewohnheit - ja, vielleicht. Aber Gewohnheiten ändern sich. Vielleicht ist der "Kindsmissbrauch" im Grunde systemimmanent - einmal abgesehen von dem Machtgefühl, das der Einzelne dabei genießt. Der Einzelne, der in der Realität von Tag zu Tag machtloser wird und sich damit nicht zufrieden gibt. Wäre es nicht natürlich, dass in dem gleichen Maße, in dem seine tatsächliche Macht abnimmt, seine Allmachtsphantasien zunehmen und dass deshalb die Nachfrage nach Opfern, nach Snuff Videos, Real Rape, Torture Movies, willenlosen Sklaven und wehrlosen Opfern steigt ...?" Ich wollte noch hinzufügen "was du jederzeit im Internet überprüfen kannst", aber bei den letzten Worten hatte Boris gelächelt und mich damit aus dem Konzept gebracht.
"Das Geschäft", sagte er. Und: "Nicht das System. - Dein System gibt es nicht. Dein System ist im Kopf. Aber da draußen gibt es nur das Geschäft. Angebot und Nachfrage. Was du sagst, ist naiv." Ganz sanft sagte er das, wie zu sich selbst. Er schob sich noch einen Konfekt in den Mund, blickte zu Boden. "Du bist so naiv, wie dieses Zimmer geschmacklos ist. Und deine Naivität ist nicht einmal erfrischend."
Er war jetzt betrunken. Sinnlos, zu widersprechen. Natürlich wusste ich, dass es ein Geschäft war. So naiv bin ich auch nicht. Ich wusste, dass es eine Industrie gab, die tagaus, tagein mit der Erniedrigung und Demütigung von Menschen, vor allem im sexuellen Bereich, zu Gange war, dass es ein Markt war und also ein Geschäft, dessen Profite proportional mit der Nachfrage nach pornographischen Gewaltvideos in den letzten zehn Jahren enorm gestiegen waren. Mit anderen Worten: Es gab offenbar ein steigendes Bedürfnis für etwas, das in keinem schärferen Gegensatz zu unserem Tagesbewusstsein als humanistisch aufgeklärte Mitteleuropäer stehen konnte. - Dieses Phänomen nur wenigen, abnormen Menschen zuzuschreiben - Randgruppen, Sekten, Triebtätern etc. -, verfing nicht mehr, dazu war der Markt zu groß. Prozentuell gesehen war die Wahrscheinlichkeit, dass man zwei oder drei Personen kannte, die ihre sexuellen Gewalt- und Allmachtsvorstellungen gerne einmal, hätten sie Gelegenheit dazu, an einem Wehrlosen ausleben würden, sehr hoch. Alle Erklärungen aber, die im Öffentlichen angeboten wurden, zielten auf den Einzelfall ab. Hier jemanden zu finden, der Auskunft geben konnte, sein Selbstverständnis und das Verständnis des Geschäftes auch in größeren Zusammenhängen zu artikulieren wusste, etwa so, wie uns der Marquis de Sade auf seine Weise die französische Revolution erklärt hat, wäre zweifellos ein Glücksfall. Ich wartete also, mit solchen und ähnlichen Überlegungen im Kopf, bis Boris sich ein weiteres Konfekt in den Mund geschoben hatte und sagte:
"Für die russische Mafia ist es, soviel ich gehörte habe, in jedem Fall ein gutes Geschäft."
"Alles ist ein Geschäft. Auch die Betroffenheit - Ja, das habe ich in Moskau gelernt, wenn du es wissen willst. Das habe ich in den letzten Jahren gelernt: Alles ist ein Geschäft. Auch die Selbstbeweinung, die öffentliche Anklage, der Skandal, die Reue ... es ist ein Geschäft. Aber geheuchelt, verstehst du ... so, als wäre es keines, als ginge es um etwas anderes - zumindest hier in Wien. Wie es hier ja scheinbar immer um etwas anderes geht. Auch die Kultur ist ein Geschäft. Umsonst ist nichts. Wo willst du die Grenze ziehen?"
"Wie sieht das wirkliche Geschäft dann aus, von dem du sprichst? Kennst du solche Leute?" Das war zu direkt gefragt.
"Die einzige Frage von Bedeutung ist, ob es ein gutes oder ein schlechtes Geschäft ist. Ein Leben für fünf Gedichtbände, die nach zwanzig Jahren niemand mehr kennt - ein schlechtes Geschäft. Zehn Maximen von Rivarol, im Vorübergehen aufgeschrieben, die man zwei Jahrhunderte später noch bewundernd zitiert - ein gutes Geschäft. Jedes Geschäft ist anders, es geht nicht immer nur ums Geld."
"Und bei den Kindern?"
"Auch bei den Kindern."
"Angebot und Nachfrage?"
"Angebot und Nachfrage."
Er sah mich lange an. "Du hast keine Ahnung wovon ich spreche."
"Nein."
"Du hast auch keine Ahnung, wovon ich nicht spreche."
Ich schüttelte den Kopf. Das Gespräch kam in eine Sackgasse. Vielleicht waren wir beide schon zu betrunken. "So wie du "vom Geschäft sprichst" könntest du genauso gut mit Kindern statt mit Bildern handeln."
Er ließ den Kopf sinken. Dann stand er auf, setzte sich neben mich, nahm meine Hand, schaute mich an. "Ich mag dich ... das weißt du." Ich nickte. "Aber ich musst dir sagen: Aus diesem Wien wirst du nie herauskommen."
"Nein?" - "Nein." Er schüttelte den Kopf, hielt noch immer meine Hand. "Geschäft, wirkliches Geschäft, das ist die Realität. Hier und Jetzt. Nicht irgendwo. Nicht irgendwann. Das begreifst du nicht, obwohl du meinst, so viel zu wissen. Schließlich hast du recherchiert - vielleicht hast du sogar ein paar Internetseiten mit verbotenen Bildern gefunden. Du hast vom Kindermarkt gelesen. Du weißt, dass es Kinderhändler gibt, vielleicht hast du auch von den Kinderfarmen gehört: In Thailand, in Mexiko, Indien, Brasilien - irgendwo, weit weg von hier. Du hast gehört, dass es Menschen gibt, deren höchste Lust es ist, ein Kind zu foltern oder es, während sie sich an ihm vergehen, zu töten. Nicht nur bei de Sade. Hier, heute. Geschäftsmänner, gewöhnliche Leute. Vielleicht wird auch ein Video davon gemacht. Dreijährige, Vierjährige, Mädchen, Buben ... auch Babies. Das hast du alles recherchiert - Ja? Aber du hast nicht begriffen, dass es real ist. Hier und jetzt. In wie vielen Wohnungen hast du schon gesessen, in wie vielen Häusern bist du gewesen, wo all das, was du so mühevoll recherchiert hast, vielleicht keine fünf Meter von dir entfernt tatsächlich passiert ist. Vielleicht während du darüber gesprochen hast, so wie jetzt.
Glaubst du, du würdest diese Menschen erkennen? Nein, denn du hast sie nie erkannt. Ich kenne sie, soviel kann ich dir sagen. Ich habe sie kennengelernt, auch hier in Wien und ich habe gesehen, wie du mit ihnen, oft einen ganzen Abend lang an einem Tisch gesessen und deine ahnungslose Betroffenheitssuada heruntergespult hast. - Nein, du hast keine Ahnung. Lass die Betroffenheit weg und es bleibt die Frage, wieviel Macht ein Mensch über den anderen tatsächlich haben kann. Das ist es doch, was dich interessiert. Das ist es, was dir Angst macht. - Du willst wissen, was ein wirkliches Geschäft ist? Dazu musst du wissen, was du wirklich brauchst - nicht nur, was dir angenehm ist. Du hast gesagt, du willst wissen, ob es diese Sachen, von denen du gelesen hast "wirklich" in der Welt gibt - nicht? Und obwohl du schon längst alle möglichen Beweise dafür vor Augen hast, kannst du immer noch nicht glauben, dass es existiert. Warum ist das wohl so? - Vielleicht, weil du es erst glauben, weil du es erst wissen wirst, wenn du es selbst erlebt hast."
Er stand auf, ging wieder an seinen Platz zurück, zog sein Handy aus der Sakkotasche und legte es auf den Tisch: "Gut. Das hier ist deine Chance. Sag, ohne falsche Scham, was du wirklich willst, und du kannst es noch diese Nacht haben."
Und nachsetzend: "ALLES, was du willst. Es ist nur ein Anruf. Du bist mein Gast."
Später wankte er aus dem Zimmer und verschwand grußlos durch irgendeine Seitentür, die ich bisher nicht bemerkt hatte. Ich wartete noch eine Weile, dann nahm ich mir ein Konfekt und beeilte mich aus dem Haus zu kommen. (Alfred Goubran, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.03.2010)
Zur Person:
Alfred Goubran, Jg. 1964, geboren in Graz, lebt
als Schriftsteller und Übersetzer in London und Wien. Mitglied des
Moscow Poetry Club. Zahlreiche Publikationen: Dieser Tage erscheint bei
Braumüller sein Erzählband "Ort".