Nachrichten aus Ehwurschtistan

19. März 2010, 16:20
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Kein Land wie jedes andere

In den vergangenen Jahren ist die Öffentlichkeit mit Reiseberichten aus etlichen bemerkenswerten Ländern überrascht worden. Ich erinnere an den bahnbrechenden Führer für Molwânien, das "Land des schadhaften Lächelns" mit seiner reizvollen Hauptstadt Lutenblag, "wo sich alteuropäischer Charme und Beton verbinden".

Andere Werke befassen sich mit Ländern wie Phaic Tan, Bongoswana, San Sombrèro und den Tofu Islands. Ich bin stolz, dass ich diese Reihe heute mit einem Exklusivbericht aus Ehwurschtistan fortsetzen kann, welches ich drei Wochen lang bereist habe. Ehwurschtistan ist eine nach dem Zerfall des Ostblocks entstandene kleine Republik in der zentralasiatischen Tiefebene.

Die Ehwurschtistanis (Name der autochthonen Einwohner) sind ein freundliches Volk. Sie essen, trinken und rauchen gern und viel, ohne sich über gesundheitliche Folgen große Gedanken zu machen. Überhaupt zeichnet sich, wie schon der Name des Landes verrät, der Durchschnitts-Ehwurschtistani durch seine legendäre Langmut aus, vor allem gegenüber Zumutungen der politischen Klasse. Politologen ist diese Haltung als Ehwurschtistanismus geläufig. So gab es einst in Ehwurschtistan einen Finanzwesir, dessen Entourage sich schamlos am Staatsvermögen bereicherte, doch den Ehwurschtistanis war das egal, weil sie der Finanzwesir durch sein liebliches Äußeres bezauberte.

In Ehwurschtistan gibt es mehrere politische Parteien. Besonders in der PEE, der Partei der Echten Ehwurschtistanis, halten noch viele das Andenken an Nazimir den Scheußlichen (im Volksmund auch "Der mit der schwarzen Rotzbremse" ) hoch, einen Führer, der enormes Unheil über die Welt gebracht hat. Das aber ist etlichen Ehwurschtistanis auch wurscht.

In den letzten Tagen meines Aufenthalts kam gerade der Präsidentschaftswahlkampf in Gang. Dabei tat sich eine Kandidatin hervor, die im Verdacht stand, so sehr für Nazimir zu schwärmen, dass sie schließlich gar öffentlich beeiden musste, mit Nazimir nichts am Hut zu haben.

Allerdings wusste sie die Eideszeremonie so zu gestalten, dass jedem Ehwurschtistani sofort klar wurde: Das ist der ja völlig blunzn. Ein ehwurschtistanisches Sittenbild also, das für uns Europäer nur schwer zu verdauen ist. Ich jedenfalls war heilfroh, als ich wieder nach Österreich zurückreisen konnte. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.03.2010)

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