Das Land der langen Schatten

22. März 2010, 17:32
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Zauberwälder allerorts: Salla, ein Skigebiet nördlich des Polarkreises im finnischen Lappland, eignet sich hervorragend, dem Frühling ein Schnippchen zu schlagen - Denn die Saison endet erst Mitte Mai

In Salla steht ein einziges Haus, das, wenn schon nicht alt, so zumindest etwas älter ist. Es stammt aus dem Jahr 1922 und wurde ursprünglich gar nicht hier, sondern in Hietajärvi errichtet. Erst 1984 baute man es in Salla, dem Hauptstädtchen des gleichnamigen Bezirks, originalgetreu wieder auf: Es vermittelt, rostrot- und weißlackiert, einen Eindruck, wie die Gebäude früher einmal, in der Regel aus Holz, ausgesehen haben.

Früher einmal - vor den Kriegen in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Zuerst, von 30. November 1939 bis zu 13. März 1940, okkupierten die Russen im sogenannten Winterkrieg den östlichen Teil von Finnland. Die Finnen versicherten sich daraufhin der Unterstützung der Deutschen: Im Fortsetzungskrieg (von Juni 1941 bis September 1944) konnten die Gebiete zunächst zurückerobert werden. Am Ende aber wurden noch mehr Gebiete an die Sowjetunion verloren. Und dann folgte der Lapplandkrieg. Denn Finnland wurde von den Russen verpflichtet, die bisher verbündeten deutschen Truppen mit militärischen Mitteln zu vertreiben, und zwar binnen 14 Tagen, was sich als nicht durchführbar herausstellte - zumal die Deutschen nur im Süden willig waren, sich zurückzuziehen: Sie verbrannten fast alle Dörfer und Häuser, zerstörten die Straßen, verminten die Brücken.

Denkmäler

In Salla gibt es daher ziemlich viele Denkmäler. Etwa für die Schweden, die im Winterkrieg starben, für die Opfer russischer Partisanen im Fortsetzungskrieg und all die Menschen, die nach 1945 durch eine Mine starben. Am eindrucksvollsten ist aber jenes Feld mit Gesteinsbrocken, die einst, entlang einer Linie platziert, das Vorrücken der sowjetischen Panzer verhindern sollten.

Weitere Sehenswürdigkeiten gibt es nicht in diesem Nest. Auch deshalb nicht, weil das eigentliche Salla im nun russischen Gebiet von Lappland liegt: Die Einwohner flohen nach Westen - und gründeten ein neues Städtchen. Aber man reist auch nicht kultureller Zeugnisse wegen hierher, sondern um Winterurlaub zu machen - im zehn Kilometer entfernt gelegenen Sallatunturi.

Der Name bedeutet etwa "Salla am Berg" und ist angesichts der Erhebung, die man hierzulande "Hügel" nennen würde, eine etwas gewagte Behauptung. Aber alles ist relativ, wie man immer wieder feststellen muss. Denn nach dem Skifahren trinken die Finnen gerne Kakao mit Minzlikör, "Minttukaakao" genannt. Und auf der Likörflasche steht großsprecherisch: "The Legendary Mint Shot from the Finnish Himalayas".

Da jedoch Lappland, zumindest der finnische Teil, recht flach ist, ragt schon ein Gupf wie jener bei Salla (477 Meter über dem Meeresspiegel) ganz ordentlich heraus. Und er eignet sich auch passabel zum Skifahren: Es gibt fünf Lifte, 15 Abfahrten (darunter auch drei schwarze), eine Mugelpiste und eine halsbrecherische Schussstrecke, auf der Mitte März die Rennen für den Speed Skiing World Cup stattfanden. Salla rühmt sich, bereits 1937 die ersten finnischen Abfahrtsmeisterschaften organisiert zu haben. Und man berichtet stolz, dass im Jahr darauf ein Stück Holz gefunden wurde, das als Teil des ältesten Skis der Welt gilt: Es stamme aus dem Jahr 3245 vor Christus.
Was man nicht erwähnt: Damals, 1938, lag Salla noch in jenem Teil Lapplands, der heute zu Russland gehört. Aber geschenkt. Denn der Pisten wegen - die längste ist gerade einmal 1,3 Kilometer lang (230 Höhenmeter) - wird man die Reise mit Stop-over in Helsinki kaum antreten. Zumindest als Österreicher nicht.

"in the middle of snowhere"

Doch Salla, 2009 zum finnischen Skigebiet des Jahres gekürt, ist umgeben von zugefrorenen Seen und idyllischen Zauberwäldern. Der Slogan "in the middle of snowhere" hat schon seine Berechtigung. Der pulvrige Schnee glitzert, er knirscht bei jedem Schritt. Schließlich ist es ziemlich kalt - selbst Ende März. Und die Bäume werfen lange Schatten - selbst zu Mittag. Denn die Sonne steht nördlich des Polarkreises ziemlich flach.

Um diese zum Teil bizarren, wie mit Schneemännchen bevölkerten Landschaften zu erkunden, kann man sich natürlich Langlaufskier ausborgen (das Netz der Pisten ist feingewoben). Man kann sich aber auch auf ein Snowmo_bile setzen (es gibt eigene Pisten) - oder in einen Schlitten. Mit dem Rentier geht es gemächlich dahin, die Huskys hingegen sind ganz erpicht darauf, sich die Lunge aus dem Leib zu rennen. Da muss man mitunter schon sehr kräftig auf der Bremse stehen.

Der Salla Reindeer Park Jotos und Sallatunturin Tuvat bieten jedenfalls diverse "Safaris" in die "Wildnis" an - in eine sehr domestizierte allerdings. Höhepunkt der Ausflüge ist in der Regel ein geselliges Zusammenstehen oder -sitzen rund ums rasch entfachte Lagerfeuer: Kaffee und Munkkis, die finnische Variante des Donuts, werden gereicht, Würstel gebraten oder ein wirklich köstliches Rentiergulasch wird erhitzt.

Abenteuerliche Ausfahrten gibt es auch am Abend - etwa zu einer Sauna mitten im Wald. Da lernt man das wahre Saunieren: Die Hitze beißt nicht, aufgegossen wird alle paar Minuten - und die Hartgesottenen reiben sich nicht nur mit Schnee ein, sondern wälzen sich in ihm.
Man schaut zufrieden zum Himmel und registriert die ungeahnte Helligkeit der Sterne. Und wenn man ganz viel Glück hat, sieht man sogar das Polarlicht. Es soll diesen Winter jeden zweiten Tag zu sehen gewesen sein - angeblich jedenfalls. (Thomas Trenkler/DER STANDARD/Album/Printausgabe, 20./21./3.2010)

  • Mit dem Rentier geht es gemächlich dahin, die Huskys hingegen sind ganz erpicht darauf, sich die Lunge aus dem Leib zu rennen. Da muss man mitunter kräftig auf der Bremse stehen.
    foto: thomas trenkler

    Mit dem Rentier geht es gemächlich dahin, die Huskys hingegen sind ganz erpicht darauf, sich die Lunge aus dem Leib zu rennen. Da muss man mitunter kräftig auf der Bremse stehen.

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