Herr und Frau Österreicher schauen bei Notfällen weg - Die Angst vor Fehlern sei unbegründet und koste Leben, sagen Notfallmediziner und Juristen
Stayin' Alive von den Bee Gees sollte man sich wieder einmal anhören. Denn wer den Rhythmus des Discohits aus den Seventies intus hat, tut sich bei einer Herzdruckmassage leichter. Die unkonventionelle Empfehlung kommt vom Wiener Notfallmediziner Fritz Sterz: Stayin' Alive das ist der ideale Rhythmus zur Wiederbelebung, der Radetzky-marsch tut's auch." 80- bis 100-mal die Minute mit dem Handballen das Brustbein in der Mitte des Brustkorbs hinunterdrücken, wiederholen, bis der Notarzt kommt, ist die Minimalvariante der Wiederbelebung bei Herzstillstand. "Das kann jeder", sagt Sterz, "da kann man keine Fehler machen." In Schulkursen illustriert er mit zwei bekannten Slogans: "Just do it" und "Yes we can".
Komplizierter ist die Kombination von Herzdruckmassage und Beatmung. 300 bis 600 Kompressionen, dann beatmen, wieder drücken, beatmen ... Vor der Be-atmung drücken sich viele aus Angst vor Infektionen. "Herzstillstand passiert zu 80 Prozent im Familienkreis", sagt Sterz, "da muss sich keiner grausen." Ist man mit einer fremden Person konfrontiert, sollte man, wenn man sich vor einer Beatmung scheut, auf jeden Fall die Herzdruckmassage machen, rät Sterz. Denn pro Minute ohne Herz-Lungen-Wiederbelebung gehen zehn Prozent der Überlebenswahrscheinlichkeit verloren.
Pro Jahr sterben in Österreich 15.000 Menschen an plötzlichem Herztod. Ihr Durchschnittsalter: 60 bis 65 Jahre. Die Überlebensrate liegt bei lediglich einem Prozent. Studien aus Skandinavien belegen, dass die Rate bei sofortiger Wiederbelebung auf 30 bis 40 Prozent steigt. Sterz: "Dafür müssen wir Bewusstsein schaffen." Noch fehlt das Bewusstsein, wie Umfragen und ein Experiment von Sterz und seinen Studenten zeigt: "Wir haben in der Lugner City mit versteckter Kamera gefilmt, wie Passanten reagieren, wenn ein Mensch zusammenbricht. Mindestens 25 Leute gehen vorbei, bis endlich einer hilft."
Gesetzliche Verpflichtung
Wenn es offensichtlich ist, dass jemand Hilfe braucht, ist man per Gesetz zur Hilfe verpflichtet. Beispiel: Man kommt an einer Unfallstelle mit Verletzten vorbei. Sieht man weder Ersthelfer noch Einsatzfahrzeuge, muss man stehen bleiben. "Wird eh schon jemand die Rettung gerufen haben", diese Ausrede gilt nicht. Hilfe darf nur verweigert werden, wenn sie nicht zumutbar ist. "Nicht zumutbar ist ein Eingreifen, wenn für den Helfer Gefahr an Leib und Leben besteht", erklärt Bernhard Schneider, Leiter der Rechtsabteilung des Roten Kreuzes. Konkret: "Ich muss nicht in ein brennendes Haus oder auf eine stark befahrene Straße rennen." Was man aber in jedem Fall muss: "Wenigstens einen Notruf absetzen." Wer die 144 eintippt, sollte vier präzise Angaben machen: den Namen deutlich sagen, kurz schildern, was passiert ist, wie viele Menschen betroffen sind, und wo genau der Unfallort ist. Wichtig: nicht sofort auflegen, die Leitstelle beendet den Anruf, wenn alle Fragen geklärt sind.
Als Hauptgrund, nicht zu helfen, nannten bei einer Umfrage des Kuratoriums für Verkehrssicherheit 73 Prozent der Befragten die Angst, etwas falsch zu machen. Beim Roten Kreuz ist kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Ersthelfer wegen eines Fehlers vor Gericht gelandet wäre. Bernhard Schneider: "Der einzige Fehler, den man machen kann, ist, nicht zu helfen." Das Straf- gesetzbuch sieht für "Im-Stich-Lassen eines Verletzten" (§ 94) und "Unterlassung der Hilfeleistung" (§ 95) Freiheitsstrafen vor.
"Die Menschen hätten keine Angst vor Fehlern, wenn sie bereits in der Schule Erste-Hilfe-Maßnahmen lernen würden", sagt Fritz Sterz. Seit Jahren versucht er, die Schulbehörden von dieser Notwendigkeit zu überzeugen - bislang ohne Erfolg. Lehrer, Eltern und Schüler hat er aber auf seiner Seite: Die Petition seiner Initiative "Leben retten" (siehe Webtipp) zur Einführung eines verbindlichen Lehrinhalts "Lebensrettende Sofortmaßnahmen" haben bereits 10.000 Menschen unterschrieben.
Die Idee des Arztes: Während der neun Pflichtschuljahre sollen jährlich zwei Übungen im Turnunterricht durchgeführt werden. Erste Projekte mit rund 3000 Kindern zeigen, dass Kinder Interesse und Können zeigen.
"Kinder reagieren oft richtiger als Erwachsene", weiß Sterz. So habe ein Zwölfjähriger seine Mutter mithilfe der telefonischen Anweisungen des Notruf-Sanitäters bis zur Ankunft des Notarztteams erfolgreich reanimiert. Ein Erwachsener habe in einem ähnlichen Fall mit der Begründung "Ich könnte ihm wehtun" Hilfe trotz Anleitung verweigert. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 22.3.2010)