Wuchteln zum Wohlfühlen

18. März 2010, 17:36
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Andreas Vitáseks Puppendialog "39,2° - Ein Fiebermonolog" im Orpheum

Wien - Wenn grundsympathische Mittfünfziger mit Kind und Hund im Stadtpark spazierengehen, können sie was erleben. Andreas Vitásek ist so einer, in seinem neuen Programm 39,2° - Ein Fiebermonolog lässt er uns daran teilhaben, fabuliert munter drauflos. Und nimmt dabei die wirklich wichtigen Fragen des Lebens unter die Lupe, als da wären: Die aktuellen Kinderwagen-Modelle - "Bugaboo Cameleon, der A6 unter den Kinderwägen: weniger wendig als Hartan Skater XL Offroad, diesem jedoch in Sachen Faltbarkeit deutlich überlegen - ebenso wie Hundegackerl samt Sackerl.Frau und Kinder habe er auf Wellness-Kurzurlaub geschickt, da er für einen Drogenkongress einen Kurzauftritt vorbereiten müsse; lose miteinander verbundene Assoziationen und Anekdoten nehmen ihren Lauf.

Anspielend auf den französischen Filmklassiker Die Dinge des Lebens, beginnt Vitáseks Programm mit dem Schluss. Aber das spielt praktisch keine Rolle, da er nicht eine zusammenhängende Geschichte von hinten aufrollt, sondern nur gelegentlich aufeinander Bezug nehmende G'schichtln aneinanderreiht. Der Verweis auf den Film, in dem Michel Piccoli nach einem Autounfall im Sterben sein Leben vorüberziehen lässt, ist einzige Klammer des Abends.

Auch Vitásek erinnert sich; doch ihm, dem Hypochonder, genügt als Anlass schon "Grippeverdacht" . Mit detailreicher Kenntnis nimmt er sämtliche Wirkungen (und vor allem Nebenwirkungen) seiner Medikamentensammlung durch, rekonstruiert Erfahrungen, die er beim Bundesheer mit psychoaktiven Substanzen machte und formuliert seine grundsätzliche Paranoia gegenüber Ärzten, die Röntgenbilder als Rohrschach-Tests verwenden würden: "Bei Diagnosen bin ich Stalinist - da muss Meinungseinheit herrschen. Auch wenn ich's dann eh nicht glaub."

Der hohen Schmäh-Frequenz des ersten Programmviertels folgt eine Entschleunigung, spätestens nach der Pause gibt es Längen. Doch selbst die geraten ihm äußerst sympathisch. Zwischen hysterischer Sorgsamkeit und demonstrativer Gelassenheit oszillierend, ist das Programm ein - fast möchte man sagen: altersweises - Plädoyer für mehr Unauf-geregtheit im Alltag. Selbst Seitenhiebe auf die drei magischen Kabarett-Ks - Kirche, Kärnten, Krone - fallen milde, fast beiläufig aus.

Selbst wenn die Zeitreise ins Jahr 2043 Befürchtungen bestätigt, wonach die Christenheit u. a. von der Invasion des "konfuzianistischen Islamismus aus China" verdrängt worden sein wird - Vitásek pfeift sich eins und geht mit Kind und Hund spazieren. Immer sympathisch, meistens lustig. Wie ein Wellness-Kurzurlaub mit Wohlfühl-Wuchteln. (Stefan Mayer, DER STANDARD/Printausgabe, 19.03.2010)

  • Andreas Vitásek: Puppendialog im Fiebermonolog.
    foto: toppress austria

    Andreas Vitásek: Puppendialog im Fiebermonolog.

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