Die Choreografinnen Magdalena Chowaniec und Martina Ruhsam
Wien - Der Mund steht ihnen offen, als hätten sie den Leibhaftigen gesehen und dabei eine Maulsperre bekommen. Die drei Tänzer des "Empathy Project Vol. I" der jungen Choreografin Magdalena Chowaniec, das bei Imagetanz im Brut-Theater uraufgeführt wurde, sind Süchtige.
Besser gesagt: Diese Tänzer versetzen sich mit unheimlicher Konsequenz in die beschädigten Körper von Drogenabhängigen. Sie dröhnen sich nicht selbst zu, sondern bereiten ihre Aufführungen stundenlang vor. Durch Einfühlung, als Ergebnis einer langen künstlerischen Recherche. Seit 2008 beschäftigt sich Chowaniec mit den Wirkungen von Empathie im Tanz, deren politischen Aspekt die aus Polen stammende Künstlerin besonders unterstreicht.
Das Ergebnis ist kein Sozialrührstück, sondern eine choreografische Installation von beinahe Beckett'schen Ausmaßen. Die drei Figuren torkeln auf dem Tanzboden, versuchen in ihrem Weggetretensein so etwas wie ein Bühnenbild aufzubauen. Da sie kaum noch fähig sind, sich auf den Beinen zu halten oder einfachste Handlungen auszuführen, geraten sie in einen Teufelskreis vergeblicher Bemühungen.
Chowaniec, die mit Gabri M. Einsiedl und einem umwerfenden Radek Hewelt auch selbst auftrat, verunsicherte die sozial sensible Imagetanz-Zuschauerschaft durch ihre Gratwanderung zwischen künstlerischer Illusion und dokumentarischem Realismus. Geradezu perfekt wäre das "Empathy Project Vol. I" auch für ein junges Publikum - durch das Fehlen aller Belehrungsattitüde, durch Ironie trotz Drastik der Darstellung.
Auf eine andere Art drastisch stellt das Stück ]Score[ der in Ljubljana lebenden Österreicherin Martina Ruhsam die Frage nach Autorschaft, Originalität und Übersetzungstechniken in der Kunst. Dies ist überaus passend zu den aktuellen Debatten um Helene Hegemanns Buch Axolotl Roadkill, in denen sich der Literaturbetrieb gerade ein absurdes Theater liefert.
Ohne respektlos gegenüber individuellen schöpferischen Leistungen zu werden, stellt Ruhsam den immer noch dominierenden Kult um die Vergötterung des Selbst in der Kunst - hier explizit im Tanz - grundsätzlich infrage. In ]Score[ treten auch John Cage und Jean- Luc Godard (per Video) auf: als Zeugen und als Verstärker eines künstlerischen Denkens, in dem das "Eigene" und das "Andere" keine Gegner mehr sind.
Heute, Freitag, geht das Imagetanz-Festival mit Castor und Pollux des französischen Künstlerduos François Chaignaud und Cecilia Bengolea sowie dem Party-Performance-Hybrid imarsch des Stockholmer Öfa-Kollektivet zu Ende. Für Castor und Pollux musste kurzfristig eine Zusatzveranstaltung angesetzt werden. Imagetanz - diesmal war es fast restlos ausverkauft - hat gezeigt, dass progressive Choreografie und Publikumsnähe einander nicht widersprechen.
Diesem Erfolg schadet es natürlich keinesfalls, dass das Brut zurzeit gerade das "hottest theatre in town" ist und dass die Kuratorin des Festivals - Bettina Kogler - auch auf die einladenden Gesten künstlerischer Partyformate gesetzt hat. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 19.03.2010)