Strom und Wärme aus dem eigenen Kraftwerk

8. Juni 2009, 16:12
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Vor allem in der Papier- und Industriebranche erzeugen Betriebe die nötige Energie selbst. Aber auch andernorts weiß man sich zu helfen

Bis auf 35 Meter bewegt sich der Lift hinauf. Ein monotones Hintergrundgeräusch. Stahlrohre, dazwischen schmale Gänge, aufgeheizte Luft. Rund um die Uhr wird hier gearbeitet, verbrannt, Energie gewonnen. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, auch Weihnachten und an Feiertagen.

Wir befinden uns in einem der beiden „hausinternen" Kraftwerke des oberösterreichischen Fasererzeugers Lenzing AG. Wie auch andere Zellstofffabrikanten produziert die Lenzing AG einen Teil des benötigten Energiebedarfs selbst - und zwar durch Nutzung der Reste des für die Zellstoffproduktion verwendeten Rohstoffes Holz. In Lenzing werden so 93 Prozent des gesamten Strombedarfs abgedeckt. Die Kraftwerke am Werksgelände, die so genannten „Kesselhäuser", arbeiten mittels Kraft-Wärme-Kopplung. Das heißt, dass sie sowohl Wärme als auch Strom erzeugen. Durch diese Kopplung kann die eingesetzte Energie effizienter genutzt werden.

Energiegewinnung aus Holz-Resten

Das Verfahren zur Energiegewinnung: Holz besteht zu rund 40 Prozent aus Zellstoff, der in einem chemischen Verfahren gewonnen wird. In Lenzing dient der so gewonnene Zellstoff als Ausgangsprodukt für die Herstellung von Cellulosefasern. Der Rest des Holzes, der nach diesem Verfahren übrigbleibt, wird als Kochlauge bezeichnet. Diese Lauge wird üblicherweise verbrannt, um in weiterer Folge Wärme und Strom zu generieren.

Das Besondere an der Lenzing AG: Sie nutzt die so genannte Lauge vor der Verbrennung noch bestmöglich aus und holt aus ihr zusätzlich Stoffe wie Essigsäure (für Industrieessig), Xylose (Holzzucker für Zucker-Ersatzstoffe) und die Chemikalie Furfural. Dieser Mehrwert macht rund elf Prozent des Holzes aus. „Insgesamt nutzen wir also rund 50 Prozent des Holzes rein stofflich, der Rest dient zur Energiegewinnung", sagt Pressesprecherin Angelika Guldt.

In der so genannten Warte, also dem „Steuerrungsraum" einer der Kesselhäuser zur Energieerzeugung: Viel Technik, Bilder der Überwachungskameras, ein Mitarbeiter sitzt vor fünf nebeneinander installierten Bildschirmen. Den Laien erinnert dieses Bild eher an Flugüberwachung als an Energiegewinnung. „Mit der von uns selbst erzeugten Energie könnte man 150.000 Haushalte mit Strom oder 250.000 Haushalte mit Wärme versorgen", erklärt Christian Höller, Betriebsleiter Energie der Lenzing AG.

86 Prozent sind nicht fossile Brennstoffe und Reststoffe

Nicht nur Lauge wird in der Faserfabrik zur Energiegewinnung verbrannt. Zusätzlich kommen die Nebenprodukte Rinde und Sägespäne sowie Reststoffe und Klärschlamm in die Verbrennungsanlage zur Wärme- und Stromerzeugung. Insgesamt werden somit über 86 Prozent an nicht fossilen Brennstoffen und Reststoffen für den Verbrennungsvorgang verwendet. Die thermische Verwertung von Reststoffen gibt es in Lenzing seit 1998, seit 2003 läuft die Wirbelschichtanlage im Normalbetrieb. Sie wurde gemeinsam mit der AVE GmbH, einem Tochterunternehmen der Energie AG Oberösterreich errichtet.

Durch die beiden Kraftwerke am Firmengelände wird die Dampf- und Heißwasserversorgung zu 100 Prozent abgesichert, die Stromversorgung zu 93 Prozent. Die restlichen sieben Prozent kommen aus dem öffentlichen Netz sowie aus vier lokalen Kleinwasserkraftwerken am Fluss Ager, die von einer Kooperationsfirma betrieben werden.

Eigenstromerzeugung in der Papierindustrie

In der Zellstoff- und Papierindustrie ist die Eigenproduktion von Energie durch Reststoff-Verwertung des ohnehin verwendeten Rohstoffes Holz naheliegend. „Die Eigenstromerzeugung ist charakteristisch für die Papierindustrie, fast jede größere Papierfabrik hat eine Kraft-Wärme-Kopplung-Anlage", erklärt Oliver Dworak, Geschäftsführer der Vereinigung der österreichischen Papierindustrie Austropapier.

Fast alle der rund 25 heimischen Unternehmen in der Zellstoff- und Papiererzeugung würden selbst Energie erzeugen. „Die Sappi Austria in Gratkorn etwa ist völlig energieautark und speist Überschüsse sogar ins Stromnetz ein", so Dworak. Der Nachteil der Selbstversorgung mit Energie liege im Emissionshandel: Wer selbst Strom erzeuge, habe auch mehr Emissionen als Betriebe, die ihre Energie extern zukaufen. Das könne sich negativ in den zu erwerbenden Emissionszertifikaten niederschlagen.

Krankenhaus, Bahn und Industrie

Es gibt aber auch Betriebe anderer Sparten, die sich zu einem gewissen Teil selbst mit Energie versorgen. So etwa das Ordenskrankenhaus im Salzburger Schwarzach, dessen Energieverbrauch dem Bedarf von rund 700 durchschnittlichen Einfamilienhäusern entspricht: Strom und Wärme werden zum Teil in einem eigenen Blockheizkraftwerk erzeugt, um teure Spitzenleistungen damit abzudecken. Im Rahmen eines breiten Energiekonzepts wird seit 2008 ganz auf Heizöl verzichtet - für die Wärmeerzeugung sorgen neben dem Bezug von Fernwärme aus Bioenergie zwei hauseigene Wärmepumpen. Durch den Einsatz des eigenen Blockheizkraftwerks und der Wärmepumpen werden rund 30 Prozent des Stroms und rund 40 Prozent der Wärme selbst erzeugt. 

Ein weiteres Besipiel für Selbst-Versorger im Energiebereich sind die ÖBB: Mit acht eigenen Wasserkraftwerken, die auf ganz Österreich verteilt sind, produzieren sie 87 Prozent ihres Bahnstrombedarfs selbst. Auch Industriebetriebe wie die Linzer Voestalpine sorgen nicht selten selbst für die nötige Energie. Am Linzer Standort versorgt sich das Unternehmen derzeit zu rund 80 Prozent mit Energie aus dem eigenen Kraftwerk. (Maria Kapeller, derStandard.at)

  • Bei der Lenzing AG dienen 50 Prozent des verwendeten Holzes zur Energiegewinnung
    foto: lenzing

    Bei der Lenzing AG dienen 50 Prozent des verwendeten Holzes zur Energiegewinnung

  • Kesselanlagen einer der beiden Energieanlagen in Lenzing
    foto: maria kapeller

    Kesselanlagen einer der beiden Energieanlagen in Lenzing

  • Krankenhaus Schwarzach
    foto: kh schwarzach

    Krankenhaus Schwarzach

  • Die ÖBB produzieren mit acht eigenen Wasserkraftwerken 87 Prozent ihres Bahnstrombedarfs selbst
    foto: ci & m_robert deopito

    Die ÖBB produzieren mit acht eigenen Wasserkraftwerken 87 Prozent ihres Bahnstrombedarfs selbst

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