Die Sammlerwelt steckt voller Überraschungen. Manche sind in hohlen Schokoladeneiern versteckt und erzielen mitunter fünfstellige Euro-Preise
Vielen Eltern versauern sie, geschickt an der Kasse des Supermarkts platziert, als Quengelware ("ich will aber eiiiiins" ) den Einkauf. In den USA sind sie ob ihrer für Kinder gefährlichen Kombination aus braun-weißem Naschwerk und buntem Spielzeug gleich gar nicht zu haben.
Dem Sammler, dem es nur um den Inhalt geht, schert das alles nicht. Im Gegenteil. Als im Sommer 2008 auch deutsche Politiker drohten, sie aus Sicherheitsgründen mit einem Bann zu belegen, rechneten viele Sammler der ovalen Bescherung gleich einmal die daraus resultierende Wertsteigerung ihres bis dato angehäuften Guts aus.
1974 schlüpfte in den italienischen Labors des Süßwarenherstellers Ferrero erstmals ein kleines Spielzeug aus einem Schokoladenei - die Geburtsstunde der Kinderüberraschung bzw. des Überraschungseis (vulgo Ü-Ei) und der Beginn eines bis heute anhaltenden süßen Erfolgs.
In buntes Alupapier eingewickelte 20 Gramm Schokolade umhüllen in Form eines teilbaren Eis das gelbe Ding, das den begehrten Sammelschatz einkapselt. Mittlerweile werden geschätzte 1,2 Milliarden Überraschungseier pro Jahr hergestellt.
So richtig auf den Geschmack der Schokospielzeug-Verbindung kamen kleine Naschkatzen von Bremen über Tokio, Hongkong, Sydney, Buenos Aires bis Dubai Anfang der 1980er-Jahre, als Ferrero begann, zusammengehörende handbemalte Hartplastikfiguren in die Überraschungseier zu packen. Eine der ersten Serien war "Erkennst du deinen Schlumpf?" mit zwölf Figuren. Pumuckl, Dschungelbuch, Biene Maja, Micky Maus und viele mehr folgten.
Warum der Sammelboom allerdings erst so richtig um das Jahr 1992/1993 einsetzte, vermögen heute nicht einmal mehr Experten zu sagen. "Aus irgendeinem Grund poppte das Thema damals in den Medien auf" , erzählt André Feiler im Standard-Gespräch. Die Folge: Kleine und große Schokokramuriliebhaber entsorgten ihre gerade aus dem Ei gepellten Teile nicht mehr leichtfertig, sondern bewahrten sie in Hoffnung auf wundersame Geldvermehrung fein säuberlich auf.
Feiler entdeckte mit 16 Jahren den Reiz der Ü-Ei-Inhalte, von 1997 bis 2004 wuchs seine Sammlung auf "ein paar tausend Stück" an - die er 2005 verkaufte. Für rund 60.000 Euro. Seit ein paar Jahren hat sich der studierte Geologe auf den (Online-)Handel mit den Spielzeugen verlegt. Vor kurzem hat er den Preiskatalog O-Ei-A des Platzbecker Verlags übernommen, ein Buch der Bücher für den Eiersammler.
Spitzen-Schlümpfe
Auf mehr als 1000 Seiten wird im O-Ei-A-Preisführer ein jährlich neu erstelltes Panorama der Unendlichkeit der Ü-Ei-Füllungen gezeigt. Immerhin sollen bis heute mehr als 12.000 verschiedene Spielzeuge, vom Babypüppchen, Papp-Puzzle, Auto über Zinnfiguren und Flugzeuge bis hin zum Außerirdischen, im Schokoei versteckt worden sein - am Stück oder in zusammenbaubaren Einzelteilen.
"Wie in allen Sammelgebieten sind Katalogpreise nur Richtwerte, die immer am obersten Limit eines zu erzielenden Preises liegen und daher nur selten erreicht werden" , erläutert Feiler. Der realistische Marktpreis liegt Sammlern zufolge in etwa bei 30 bis 60 Prozent des Katalogpreises. Wer mit dem Kaufen von Überraschungseiern nicht nur seine Lust auf Süßes befriedigen, sondern auch Mäuse machen will, muss wissen, "dass es auf das Alter der Figuren ankommt" , sagt Feiler. Und sie müssen in einem guten und vollständigen Zustand sein.
"Ein alter Schlumpf von 1983 erzielt nur dann einen Preis von 600 oder 700 Euro, wenn die Zubehörteile wie etwa zwei kleine Stelzen beim Stelzenschlumpf auch mit dabei sind." Ohne diese bekommt ein Sammler, bei gutem Zustand, vielleicht gerade zehn Euro für den sportlichen Schlumpf.
Als eine der teuersten Figuren gilt der Nachtwächterschlumpf. Seine Besonderheit: Statt des üblichen weißen Rohlings wurde ein blauer Rohling verwendet, der dann weiß übermalt wurde. Sein Wert: 12.000 Euro. Sehr hoch im Kurs stehen auch sogenannte Dioramen und Musterkoffer. Diese wurden von Ferrero-Vertretern Süßwarengeschäften zur Verfügung gestellt, um der Klientel Appetit auf neue Serien zu machen. Die Toppreise dafür bewegen sich zwischen 4000 und 15.000 Euro.
Wo gesammelt wird, gibt es aber auch Fälscher. Auch das Revier des Ü-Ei-Sammlers ist nicht frei von Kuckucken. Diese verdienen ihr Geld unter anderem damit, dass sie Zubehör (wie Schlumpfstelzen) billig reproduzieren. Unkundige Käufer glauben, damit den Wert von unkompletten Figuren auffetten zu können. Bevor man auf Onlinebörsen oder Flohmärkten auf Jagd geht, sollten deshalb Internetseiten wie faelschungszentrale.de besucht werden. Denn eines sollten sich auch Ü-Ei-Sammler ersparen: böse Überraschungen. (Karin Tzschentke, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.3.2010)