Medien müssen das Verhältnis zu ihren Lesern neu definieren - Und neue Kooperationen eingehen
Die Debatte über die Zukunft des Journalismus dreht sich immer wieder um die Frage nach dem lieben Geld: Wo soll es in Zukunft herkommen? Werden die Einnahmen aus Online-Werbung ausreichen, um die sinkenden Print-Werbeerlöse abzufedern? Und: Kann beziehungsweise soll man die Leser im Netz zur Kasse bitten?
Weg mit dem Tunnelblick
Jedes Jahr im März veröffentlicht das "Project for Excellence in Journalism" seinen Lagebericht zum Stand des US-Journalismus, "The State of the News Media". In der kürzlich veröffentlichen Ausgabe 2010 versuchen die AutorInnen den finanzgesteuerten Tunnelblick abzulegen. Sie betonen, dass die Frage nach der Zukunft des Journalismus nicht (ausschließlich) eine nach der Finanzierung ist, ein Seitenhieb in Richtung der oft kurzfristig statt nachhaltig denkenden Verleger.
Vielmehr, so der Report, gehe es neben der Geldfrage um langfristige Richtungsentscheidungen, die bestimmen werden, wie Journalismus in Zukunft aussieht. Wie werden Nachrichten gemacht, recherchiert, verbreitet? Wie definiert man das Verhältnis zu den Lesern? Sollen Onlinemedien breit, aber oberflächlich berichterstatten oder sich Nischen suchen?
Konsumenten grasen durch die Medienwiesen
User, so eine der Schlussfolgerungen des Reports, suchen sich ihre Nachrichten aus immer mehr verschiedenen Quellen zusammen: "Online, it is becoming increasingly clear, consumers are not seeking out news organizations for their full news agenda. They are hunting the news by topic and by event and grazing across multiple outlets."
Die Folgen laut Report: (Online-)Nachrichtenmedien müssen sich überlegen, welche Schwerpunkte sie setzen und verstärken wollen. Der Druck, wichtige Nachrichten interessant und besonders zu präsentieren, steigt - schließlich bieten zahlreiche Konkurrenten dem Leser einen Ort zum ausweichen.
Ein weiterer Trend laut Report ist die zunehmende Konzentration darauf, "breaking news" schnell abzubilden. Schrumpfende Newsrooms, gestresste Journalisten, technische Neuerungen und die Publikation auf verschiedenen Plattformen seien die Gründe dafür. Was dabei auf der Strecke bleiben könnte: Die Hintergrundberichterstattung und Eigenrecherche. Der Journalist wird vom Informationssammler zum Informationsverteiler:
"This is focusing more time on disseminating information and somewhat less on gathering it, making news people more reactive and less proactive."
Nachrichtenmedien schrumpfen nicht, sie verändern sich
Ein weiterer Punkt: Das Schrumpfen der Nachrichtenmedien sei ein Mythos, so die Autoren. Es finde nur eine Umschichtung von investigativen Reportagen hin zu Meinungselementen statt: "Reportorial journalism is getting smaller, but the commentary and discussion aspect of media, which adds analysis, passion and agenda shaping, is growing - in cable, radio, social media, blogs and elsewhere."
Diese Umschichtung sorgt aber offenbar für einen Vertrauensverlust. Einer Studie zufolge halten allerdings 72 Prozent der US-Amerikaner die meisten Newsseiten für nicht ausgewogen. Ein Zeichen, so die Autoren, dass die klassischen Medienunternehmen Ausgewogenheit entweder wieder beweisen müssen - oder sich der Frage stellen müssen, ob Ausgewogenheit für sie keinen Wert mehr darstellt.
Die Zukunft von Print und Online ist eng verbunden
Wenn es nach "State of the Media" geht, werden Nachrichtenredaktionen auch 2010 nicht darum herumkommen, weiter über die Frage der Zusammenarbeit zwischen Print und Online einerseits und Journalist und Leser andererseits nachzudenken.
Selbst die besten und größten Online-Nachrichtenseiten in den USA, so der Report, haben auch 2010 nur eine beschränkte Kapazität zur Eigenproduktion von redaktionellen Geschichten. Sie sind somit untrennbar mit dem Schicksal ihrer Print-Brüder und -Schwestern verbunden: "While there are some competing values and different reportorial cultures, in the end new and old media face the same dilemma and may be much more aligned in their search for revenue than many have thought."
The People formerly known as audience
Der Report plädiert für eine gemeinsame Suche nach neuen Wegen der Kooperation: "One concept that will get more attention is collaborations of old media and citizens in what some call a "pro-am" (professional and amateur) model for news."
"The People formerly known as audience", Leser, die zu einem Teil des Mediums werden, sind also die, um die es sich dreht - in den USA, aber wohl ganz genau so in Europa. Wie diese Kooperationen genau aussehen sollen und welche davon Zukunft haben, wird wohl Thema eines der nächsten Reports werden. (Anita Zielina, derStandard.at, 18.3.2010)