Warum speist die Politik den Bildungsbereich mit Lippenbekenntnissen ab? derStandard.at hat nachgefragt
User "Ottothebusdriver" wollte wissen: Warum hat die Politik kein Interesse daran, die Bildung zu fördern? Angst vor Akademikern? derStandard.at hat nachgefragt.
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"Bildung ist wichtig, Bildung ist unsere Zukunft." Lippenbekenntnisse dieser Art hört man in Politikerkreisen regelmäßig. An der Umsetzung allerdings hapert es, wächst doch das Budget nicht mit den notwendigen Kapazitäten im Bildungsbereich mit. Warum scheitern die Bestrebungen in der Praxis?
Hauptursache dafür ist die fehlende Lobby, die in Österreich Druck auf Bildungs- und Wissenschaftsministerin machen könnte. "Es ist in Österreich relativ neu, dass es zumindest Lippenbekenntnisse in Bezug auf Bildung, Wissenschaft und Forschung getätigt werden. Vor zehn Jahren noch kam in keinem Wahlkampf eine Bildungsfrage auf", sagt Ulrike Felt, Professorin für Wissenschaftsforschung an der Universität Wien. Österreich habe dementsprechend viel Nachholbedarf was die öffentliche Debatte zu Bildungsfragen anlange. "Das erklärt natürlich, warum es keine mächtige Lobby gibt, die sich dafür stark macht."
Kurzsichtige Politik
Bildungsinvestitionen sind außerdem immer lang- und mittelfristige Investitionen und daher mit der derzeitigen politischen Kultur nur schwer kompatibel: "Diese Investitionen lassen sich dann nicht innerhalb einzelner Legislaturperioden ausschlachten. Die Politik agiert extrem kurzsichtig, am Wahlkampf orientiert." Deshalb sei der ganze Bereich der Bildung kein politisch mächtiges Thema, so Felt. "Wenn es eine andere Form der Politik gäbe, würden wir Bildung auch höher schätzen."
In Frankreich sei das schon der Fall: "Die Mobilisierung ist hier sehr hoch. Sehr viel mehr Leute sind auch für Bildungspolitik bereit auf die Straße zu gehen, was nicht heißt, dass das a priori gut sein muss." Österreich müsste sich mehr um eine mittelfristige Diskussion bemühen, dann könne auch eine Lobby entstehen. Die vergangenen Bildungsproteste, etwa Lehrer-Streit oder Uni-Besetzung, wertet Felt nicht als Indiz für eine hohe Mobilisierung: "Das ist alles sehr punktuell. In einer Stadt wie Wien gibt es 150.000 Studierende. Wenn dann 5.000 auf die Straße gehen, denke ich mir, wo ist die Mobilisierung?"
Österreichische Eigenheit: Studium als Nebenfahrbahn
Schon seit den 70er Jahren, seit der Öffnung der Universitäten, gibt es im Bildungsbereich Strukturprobleme. Entsprechende Reformen sind ausgeblieben. Allerdings seien diesen nicht allein an der Politik gescheitert:
"Bildung ist allgemein etwas, was in Österreich nicht wahnsinnig hoch geschätzt
wird. Studieren ist etwas, was man in Österreich nebenher tut, das ist keine Hauptbeschäftigung. Bildung ist eine Nebenfahrbahn", meint Felt. In Kanada etwa muss jeder Student deklarieren, wenn er nicht Vollzeit studiert, und kann deshalb auch nur mit halber Geschwindigkeit seine Curricula bewältigen. "Dass Studierende sich in Lehrveranstaltungen einschreiben und dann nicht auftauchen, das gibt es eigentlich nur hier in Österreich", befindet Felt, die an mehreren internationalen Universitäten gelehrt hat.
Fehlender Diskurs bis in die 70er Jahre
Der stiefmütterliche Stellenwert von Bildungspolitik lässt sich auch mit der österreichischen Geschichte erklären. "An den Universitäten hat nach dem zweiten Weltkrieg kein Umdenken radikalerer Natur stattgefunden. Österreich war winzig, bis in die 70er Jahre gab es keinen politischen Diskurs zur Wissenschaft. Programmatisch erst ab den 90er Jahren, davor war es ein Dahindümpeln", erzählt Felt.
Auch jetzt hinken Bevölkerung und Politik dem raschen Strukturwandel von Bildung hinterher: "Die Matura ist zum Beispiel nicht mehr das wert, was sie früher wert war - das ist noch nicht bei allen angekommen", sagt Felt. Bildung sei heute außerdem kein Wohlstandsgarant mehr, umso mehr jedoch Voraussetzung für eine gute Arbeit. (edt/derStandard.at, 18.03.2010)