Siemens schickt SIS nach Jobabbau vor die Tür

19. März 2010, 11:39
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Münchener Konzern bereitet IT-Sparte für Verkauf vor - In Österreich 1.500 Software-Jobs ausgegliedert

Der Elektromulti Siemens schrumpft seine seit dem Verkauf des Telefongeschäfts schwer unter Druck stehende IT- und Rechenzentrumstochter SIS radikal, ehe sie sich auf dem freien Markt behaupten muss.

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München/Wien - Nun ist es offiziell: Siemens schubst die Reste seiner einst mächtigen IT-Sparte SIS (Rechenzentren, Softwareentwicklung) mit einem kräftigen Aderlass in die Selbstständigkeit. Mit der Streichung von 4200 Stellen soll die Sparte mit einem Jahresumsatz von zuletzt 4,7 Milliarden Euro auf ihren Abschied von Siemens vorbereitet werden, teilte der Elektromulti am Donnerstag mit. Im Herbst soll SIS mit rund 7500 Beschäftigten und einem vergleichsweise mickrigen Auftragspolster (aus Industrie und Raumfahrt) ausgestattet am Markt Geld verdienen. Von rund 9700 Stellen in Deutschland (München, Nürnberg, Paderborn) fallen rund 2000 weg.

Der Belegschaft in Österreich - im Wesentlichen die einstige Softwaresparte PSE mit Programmierern für Telekom-Anwendungen - will Siemens-Chefin Brigitte Ederer am 8. April reinen Wein über ihre Zukunft einschenken. Zur neuen SIS-AG dürfen dem Vernehmen nach 1300 bis 1400 Alt-SBS- und Alt-PSE-ler wechseln, den verbleibenden rund 600, vornehmlich für Telcos produzierenden Alt-PSE-lern werde ein "menschenwürdiger Abgang" binnen drei Jahren garantiert. Proteste sind programmiert, die vier Arbeitnehmervertreter haben in der Aufsichtsratssitzung vorige Woche geschlossen gegen den von den acht Kapitalvertretern (darunter auch PSE-Gründer und Ex-Siemens-Österreich-General Albert Hochleitner) fixierten Carve-out gestimmt. Nächste Woche finden Betriebsversammlungen statt.

Wie der Wiener Ableger verspricht auch das Siemens-Stammhaus in München unter Konzernchef Peter Löscher, den Stellenabbau "sozialverträglich" , also mit Sozialplänen und Ruhestandsversetzungen über die Bühne zu bringen. Die Kosten schätzt man in Unternehmenskreisen auf einen mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Betrag. Weltweit beschäftigt SIS derzeit noch rund 35.000 Menschen.

Zusammen mit dem bereits angekündigten Abbau von rund 2000 Stellen im Industriegeschäft sinkt der Personalstand von Siemens global nun in absehbarer Zeit auf unter 400.000. Seit Antritt von Peter Löscher als Vorstandschef Mitte 2007 ist die Zahl der Arbeitsplätze bei Siemens weltweit um 45.000 geschrumpft.

Der Konzernbetriebsrat in München kritisiert Löschers Kurs. "Diese Arbeitsplätze einfach abzuwickeln wird der Verantwortung von Siemens für langjährige Mitarbeiter in keiner Weise gerecht" , erklärte Betriebsratschef Lothar Adler. Zu Ende ist mit dem Schnitt ein jahrelanger Zickzackkurs. Löschers Vorgänger, Klaus Kleinfeld, hatte die in drei Töchter aufgegliederte IT-Sparte als Konzerndienstleister fusioniert, um Synergien zu heben. Beschleunigt durch den Verkauf der Telekomsparte brach der Umsatz allerdings um 1,5 Mrd. Euro ein und der Gewinn auf 90 Mio. Euro. (ung/Reuters, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.3.2010)

  • Gespart wird beim Siemens-Softwarehaus in Wien seit Jahren, jetzt wackeln erneut hunderte Arbeitsplätze für Ingenieure.
    foto: standard/corn

    Gespart wird beim Siemens-Softwarehaus in Wien seit Jahren, jetzt wackeln erneut hunderte Arbeitsplätze für Ingenieure.

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