Wer fürchtet sich vor Google Street View?

18. März 2010, 10:17
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Während Google-Autos Straßen systematisch abfotografieren, geht die Diskussion darüber weiter, ob Google denn "das dürfen soll"

Während Google-Autos mit esoterischen Kameraaufbauten Europas Straßen systematisch abfotografieren, geht die Diskussion darüber weiter, ob Google denn "das dürfen soll".

Die jüngste Wortmeldung dazu kommt vom Neo-Europaabgeordneten Ernst Strasser, als Innenminister seinerzeit um Ausweitung polizeilicher Überwachungsmöglichkeiten bemüht, jetzt um die Verletzung "europäischer Menschenrechte" durch Street View besorgt.

Polizeikameras

Strasser vergleicht im Standard-Gespräch die Straßenansichten nicht mit Medienfotos, sondern Polizeikameras, und sieht Bedarf, dies zu regulieren - wie, sagt er vorläufig nicht. Aber der Vergleich mit Überwachungskameras hinkt, diese liefern Live-Aufnahmen, ermöglichen dadurch Kontrolle (z. B. wer ein Gebäude betritt). Street View hingegen macht im Jahresabstand Fotos (keine Videos) der Straße, verpixelt Gesichter und Nummernschilder und stellt sie mit Karten einige Monate später online.

Der Zufall, auf einem dieser Fotos abgebildet zu sein (und trotz Verpixelung erkannt zu werden), entspricht somit etwa der Chance, in Straßen-Fotos einer Zeitung oder TV-Sendung aufzuscheinen. Ein Schweizer Politiker, der so mit einer blonden Frau erkannt wurde, die nicht seine Ehefrau war, musste erklären, dass dies seine Sekretärin sei. Aber solche Aufnahmen im öffentlichen Raum verletzen, nach gängiger Rechtsauffassung, in Österreich kein schützenswertes Interesse. Street View ist hier noch nicht online, daher kam es bisher auch zu keinen Klagen (oder Erklärungsnotständen von Politikern).

Militärdiktatur

In Griechenland hat die Datenschutzkommission bereits die Fotofahrten verboten. Jahre der Militärdiktatur haben zu sehr restriktiven griechischen Datenschutzbestimmungen geführt.

In Großbritannien wiederum hat eine Datenschutzkommission Google bescheinigt, nicht gegen den Schutz der Privatsphäre zu verstoßen. Das hat erregte Bewohner in Milton Keynes und Broughton (wohlhabende Vororte Londons) nicht davon abgehalten, mit Ketten Google-Autos die Zufahrt zu verwehren. Mit dem Effekt, dass die deutlich erkennbaren protestierenden Bewohner in britischen Medien zu sehen waren.

Auf europäischer Ebene wird dies nicht zu regeln sein, weder werden sich liberale Briten den Einschränkungen der Griechen unterwerfen wollen, noch soll man Griechen dazu zwingen, ihre Vorstellungen von Privatsphäre aufgeben zu müssen.

1984

Google hat, wie oft bei Onlineinnovationen, die Entwicklung weitergedreht: Wir sind schon sehr lange eine Gesellschaft der Bilder. Street View kann seine Methode, Menschen unkenntlich zu machen, verfeinern, und es ist nicht unbillig, das von Google zu verlangen - auch Microsoft schafft dies bei seinem vergleichbaren Produkt. Aber öffentlich sichtbare Gebäude auf Verlangen entfernen, als ob es sie nicht gäbe? Das riecht mehr nach Zensur und 1984 als nach dem Schutz von Menschenrechten. Und es erscheint in Anbetracht der Bilderflut so aussichtslos, wie den Felsblock des Sisyphus auf den Berg schieben zu wollen.  ( Kolumne von helmut.spudich@derStandard.at)

 

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