"Obamas Ansehen und Amerikas Glaubwürdigkeit stehen auf dem Spiel"
Rom/Stuttgart - Die gestörten Beziehungen zwischen Israel und
den USA stehen auch am Donnerstag im Vordergrund internationaler
Pressekommentare:
"Die theatralische Art und die Trotzhaltung in Jerusalem werden in Washington
wie ein persönlicher Affront wahrgenommen, vor allem aber als unverantwortlicher
Tritt ans Schienbein durch diesen speziellen Verbündeten. Genau so beschreibt
das der Pulitzer-Preisträger Thomas Friedman - als völlige Unreife Israels. Ein
Bruch zwischen Israel und den USA ist zwar völlig undenkbar. Der Automatismus
der ungetrübten und von Parität geprägten Beziehungen scheint aber eindeutig auf
Talfahrt zu sein. Die Schuld liegt bei Barack Obama, sagen in Israel viele gern.
Israel ist schuld, so meinen dagegen viele in Washington. Sie sind davon
überzeugt, dass die israelische Regierung viel von ihrer Vision und Größe
verloren hat, weil sie einen US-Präsidenten in Schwierigkeiten bringt, nur um
die eigenen Wähler zufriedenzustellen."
"Die USA und Israel durchleben im Moment die schwerste Krise seit Anfang der
90er Jahren. Für Obama geht es im Streit um die israelische Siedlungspolitik
persönlich um viel. Sein Ansehen steht ebenso auf dem Spiel wie Amerikas
Glaubwürdigkeit als Vermittler im Nahost-Konflikt. Vor allem die arabische Seite
schaut genau hin, wie Obama den Grundsatzstreit mit dem engsten Verbündeten
managt. Auch wenn sich beide Seiten bemühen, die Wogen zu glätten, so zu tun,
als sei nichts geschehen, kommt für Obama nicht infrage. Dass Israel
US-Vizepräsident Joe Biden vor Ort mit der Ankündigung brüskierte, die
Siedlungen im annektierten Teil Jerusalems auszubauen, empfindet Obama zu Recht
als Affront. Noch mal will er sich nicht vorführen lassen. Dabei hat der
US-Präsident an der verfahrenen Lage seinen Anteil. Vor allem in der
Siedlungsfrage hat er ungeschickt agiert. (...) Die härtere Gangart, die vor
allem Israels Premier Benjamin Netanyahu unter Druck setzen soll, birgt für
Obama auch Risiken. Im Kongress formiert sich bereits Widerstand. Obama wird
gewarnt, die besonderen Beziehungen zum israelischen Freund dauerhaft schwer zu
belasten. Dass sich die atom-verliebten Mullahs in Teheran angesichts der Risse
in der israelisch-amerikanischen Front die Hände reiben - auch das eine
berechtigte Sorge."
- "La République des Pyrénées" (Pau):
"Was will Netanyahu? Niemand weiß das. Wird die neue Krise dem Weißen Haus
ermöglichen, den israelischen Regierungschef mit wachsendem Druck zu einer Wahl
zu zwingen? Einer Wahl zwischen einer wirklichen Verschlechterung seiner
Beziehungen zu den USA und einer Wende hin zu wirklichen Verhandlungen. Im
Moment erscheint dies zweifelhaft. Auch wenn sich einige Stimmen erheben - etwa
die des Leitartiklers der Zeitung 'Haaretz' - die Netanyahu auffordern, den
amerikanischen Forderungen zuzustimmen." (APA)