Kampfzone Glücksspiel-Eldorado

17. März 2010, 16:29
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Sittenverfall und Angriff auf die Moral: In Bratislava stößt ein nächst der österreichischen Grenze geplantes Megaprojekt auf erbitterten Widerstand

Bratislava - Es soll ein Megaprojekt werden und am Ende vor allem wohl Investoren und Besuchern viel Vergnügen bereiten. Zwischen Bratislava und Kittsee an der slowakisch-österreichischen Grenze soll gewissermaßen eine "europäische Hauptstadt des Glücksspiels und des Vergnügens" aus dem Boden gestampft werden. Der ungarische Immo-Entwickler TriGranit und der US-Casinobetreiber Harrah's planen angrenzend an die Bezirke Petrzalka und Jarovce einen der größten Unterhaltungsparks in Mitteleuropa. Auf einer Fläche von rund 1,2 Millionen Quadratmetern (Anm.: Rund viermal die Größe des gesamten Shopping-City- Süd-Komplexes) sollen Einkaufszentren, ein Aqua-Park, ein Golfplatz, Hotels, Casinos, Kultur- und Kongresssäle, sowie Luxuswohnungen Besucher bzw. Bewohner anlocken.

Vorfinanzieren will TriGranit (an dem die österreichische Immoeast mit einem Viertel beteiligt ist) den Bau laut eigenen Aussagen selbst, gemeinsam mit dem Projektpartner Harrah's. Letzterer ist in Europa eher wenig bekannt, in Amerika gilt Harrah's aber als einer der ganz großen Casino-Betreiber. Der slowakische Finanzminister Jan Pociatek hatte das Riesenprojekt mit einer maßgeschneiderten Gesetzesänderung willkommen geheißen. Kein Wunder: Mit einem Investitionsvolumen von 1,5 Milliarden Euro würde es sich um die zweitgrößte Auslands-Investition in der Slowakei nach Enels Ausbau des Atomkraftwerks Mochovce handeln. Das Vergnügungsmekka soll - leicht erreichbar - auf einem 30 Hektar großem Grundstück nahe dem Autobahnknoten Wien, Budapest, Bratislava und Prag entstehen und einige Millionen Besucher jährlich anziehen. Insgesamt fünf Jahre waren als Bauzeit veranschlagt, als Baubeginn Ende 2010 anvisiert. Die erste Bauphase sollte bereits 2012 fertig sein. Drei Hotels, der Aqua-Park, das Casino und ein Einkaufszentrum sollten dann stehen.

Konservativer Widerstand

Doch daraus dürfte zunächst einmal nichts werden. Denn ebenso groß wie das Entertainment-Projekt ist besonders der konservative Widerstand dagegen. Vor allem in und mithilfe der Kirchen und im Internet wird dagegen mobilisiert. 88.000 Bürger und Bürgerinnen haben mittlerweile eine Online-Petition angesichts des an die Wand gemalten Sittenverfalls signiert. Ein Dorn im Auge ist diesen Protestierenden naturgemäß das Glückspieleldorado (das mit einem Anteil von vier Prozent an der Gesamtfläche allerdings einen relativ kleinen Anteil ausmacht). „Angst haben die Menschen vor steigender Kriminalität, dem Suchtpotenzial des Glückspiels und vor damit einhergehender möglicher Prostitution", sagt Milan Ftacnik, Bürgermeister von Petrzalka. In seinem Gemeindegebiet, dem Plattenbauvorort mit 130.000 Einwohnern, soll Metropolis angesiedelt sein. Im Stadtamt machten jüngst auf einer emotionalen Versammlung viele Bewohner ob des erwarteten Angriffs auf die Moral ihrem Unmut heftig Luft. Die für das Projekt notwendige Flächenumwidmung wurde aber im Stadtparlament ohnedies nicht durchgebracht. Auch die Stadt hat mittlerweile ihre Position justiert: Andrej Durkovský, der Oberbürgermeister von Bratislava, der selbst zur kirchennahen Christdemokratischen Bewegung KDH gehört, will das Bauprojekt nur noch ohne Casino.

"Zu groß für Bratislava"

Milan Ftacnik erscheint das Projekt "zu groß für Bratislava." Diskutiert hätte er auch gerne die soziologischen Auswirkungen. "Außerdem sind aus den vom Finanzminister angekündigten 30.000 Jobs, die entstehen sollten, inzwischen 2.700 geworden", zeigt er sich skeptisch, was das angekündigte "Jobwunder" betrifft. Außerhalb kirchlicher und konservativer Kreise sind die Meinungen - abseits der direkt Involvierten - aber ebenfalls geteilt. Ex-Siemens-Slovakia-Chef Peter Kollarik will das Projekt zum Beispiel keineswegs verteufeln: "Vor allem ein Kongresszentrum bräuchten wir hier wirklich notwendig." Für Ivo Nesrovnal, Vize-Chef der Selbstverwaltungsregion Bratislava (SDKU) ist dagegen die Sorge um steigenden Radau und Kriminalität keineswegs gering zu schätzen: "Schlägereien, randalierende Betrunkene kann man da sicher erwarten."

Im österreichischen Kittsee indes weiß man noch gar nichts von all dem Glück: "Ich kenne das Projekt überhaupt nicht", sagt SPÖ-Bürgermeister Klaus Senftner, "dazu kann ich gar nichts sagen." Ganz eilig ist die Sache derzeit vermutlich ohnehin nicht. Denn dass TriGranit sich für eine Variante ohne Casino entscheidet, ist unwahrscheinlich. Metropolis sei weiter "auf Kurs" bestätigt man bei TriGranit und man sei zuversichtlich, das Projekt in der geplanten Form umzusetzen: "Es ist nichts Ungewöhnliches, dass von Seiten der zuständigen Behörden Themen in Bezug auf die Stadplanung aufgegriffen und diskutiert werden, insbesondere wenn politische Interessen involviert sind und in naher Zukunft Wahlen anstehen" heißt es dort auf Anfrage. Die ungarischen Baulöwen werden ihr Glück wohl nach den im Herbst anstehenden Kommunalwahlen noch einmal versuchen. (Regina Bruckner)

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    Verfallen die Bürger der Glückspielsucht? In Bratislava ist die Sorge bei vielen Bürgern und Bürgerinnen groß.

  • Am "Papier" sieht das Megaprojekt weitaus weniger sittengefährdend aus, als befürchtet wird.
    foto: trigranit

    Am "Papier" sieht das Megaprojekt weitaus weniger sittengefährdend aus, als befürchtet wird.

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