Wirtschaftsrechtsstudium

Zwei Wege zum Ziel

17. März 2010, 17:05

Das Wirtschaftsrechtsstudium an der WU Wienbietet mit einem Bachelor-Master-Curriculum eine neue Alternative zum Juridicum

Wirtschaftsrecht kann man an der WU Wien seit dem Wintersemester 2006 studieren. Das Studium wurde von Anfang an nach der vereinheitlichten Studienarchitektur des Bologna-Prozesses in ein dreijähriges Bachelorstudium (LL.B.) und ein zweijähriges Masterstudium (LL.M. WU) gegliedert. Die ersten Master werden sich also erstmals im Sommer 2011 auf dem Arbeitsmarkt der Konkurrenz stellen. Dabei können sie vielleicht nicht mit einem besseren, jedenfalls aber mit spezialisierterem Wissen aufwarten.
Von Anfang an wollte das Studium an der WU keine Kopie des traditionellen Jus-Studiums sein, sondern sich davon durch die intensive Ausbildung in wirtschaftlichen Fä_chern und Fremdsprachen abheben. Deshalb stehen im Bachelorstudium neben juristischen Fächern auch Marketing, Finanzierung, Controlling, Mathematik und Statistik verpflichtend auf dem Programm. Bei den traditionellen juristischen Fächern (Privatrecht, Öffentliches Recht etc.) liegt der Fokus auf ihren wirtschaftlichen Aspekten.
Das ist der wunde Punkt der Magistri und Magistrae iuris. Ein Mangel wirtschaftlicher Kenntnisse wird ihnen in der Praxis häufig zum Vorwurf gemacht: „Wir machen die Erfahrung, dass manche Konzipienten nicht in der Lage sind, eine Bilanz zu lesen. Das ist, wenn man in einer Wirtschaftskanzlei arbeiten will, schlecht", sagt Stefan Artner, Partner der Wiener Wirtschaftssozietät Dorda Brugger Jordis.

Zugang zu klassischen Berufen

Bilanz lesen, das können die künftigen Wirtschaftsrechtsakademiker garantiert, ob sie aber mit ihrem Studium auch Rechtsanwalt werden können, wussten sie bis Herbst 2009 nicht. Ob mit einem LL.B.- oder LL.M.-Abschluss ein Zugang zu den klassischen juristischen Berufen möglich ist, interessiert aber gut die Hälfte der Studienanfänger: „Über 50 Prozent planen, Richter, Notar, Staatsanwalt oder Rechtsanwalt zu werden", sagt der WU-Rechtsprofessor Christoph Grabenwarter, Programmdirektor des Masterstudiums Wirtschaftsrecht. „Deshalb haben wir uns um noch mehr Akzeptanz bemüht."
Das Werben einerseits und die Umgestaltung des Wirtschaftsrechtscurriculums in enger Abstimmung mit der Österreichischen Rechtsanwaltskammer andererseits, zeitigten den erwünschten Erfolg: „Wir haben in der Rechtsanwaltsordnung (RAO) die Voraussetzungen normiert, die ein rechtswissenschaftliches Studium erfüllen muss, damit Absolventen die Ausbildung zum Rechtsanwalt beginnen dürfen", erklärt Gerhard Benn-Ibler, Präsident des Österreichischen Rechtsanwaltskammertages. „Das sind eine Mindeststudiendauer von mindestens acht Semestern, ein nachweislicher Erwerb angemessener Kenntnisse in den juristischen Kernfächern und ein Arbeitsaufwand von zumindest 240 ECTs-Anrechnungspunkten." Wer das Wirtschaftsrechtsstudium mit einem Master beendet, ist daher berechtigt, Rechtsanwaltanwärter zu werden. Der Bachelor genügt nicht.

Mit Neugier erwartet

Die künftigen Arbeitgeber erwarten die ersten LL.M. WU mit großem Interesse: „Für Studierende wie auch für Rechtsanwälte ist es nur von Vorteil, wenn es in Wien ein weiteres Angebot für Juristen gibt", sagt Andreas Hable, als Partner bei Binder Grösswang (BG) fürs Recruiting verantwortlich. „Wer sich auf dem Markt besser durchsetzen wird, zeigt sich erst in einiger Zeit. Eine Spezialisierung, wie sie im Wirtschaftsrechtscurriculum verlangt wird, ist gut, aber sicherlich nicht erforderlich, um für Wirtschaftsanwälte interessant zu sein. Letztlich kommt es nämlich nicht so sehr darauf an, was der Kandidat an der Uni gemacht hat, sondern ob er ein gutes juristisches Rüstzeug und vor allem einen guten Hausverstand hat."
Juristen wolle man ausbilden, die rechtliche Grundlagen in der ganzen Breite beherrschen und auch verstehen, sagt der Dekan der Wiener juristischen Fakultät, Heinz Mayer: „Wir wollen nicht in erster Linie Anwendungswissen von höchster Aktualität vermitteln, denn das wird schnell zur Geschichte. Spezialwissen kann man sich neben den Grundlagen bei uns zusätzlich aneignen, das Angebot ist groß und vielseitig."
Die Kritik vonseiten der Wirtschaftsberater und der Rechtsanwälte, die Alumni der juristischen Fakultät verstünden zu wenig von wirtschaftlichen Zusammenhängen und seien auch in Fremdsprachen nicht firm, hat man am Juridicum ernst genommen und darauf reagiert, sagt Dekan Heinz Mayer: „Der Studienplan wurde 2006 unter anderem dahingehend verändert, dass vermehrt wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse verankert wurden. Mit Steuer-, Bilanz- und Finanzrecht muss sich heute jeder Student im dritten Studienabschnitt befassen."

Fremdsprachen gefragt

Dasselbe gilt laut Mayer für Fremdsprachen: „Jeder muss eine Lehrveranstaltung in einer Fremdsprache absolvieren. Abgesehen davon bieten wir viele Vorlesungen in englischer Sprache an." Aber, so Mayer, Sprachschule sei das Juridicum nicht, wohl aber im Vergleich zur WU der bessere Ort zum Studieren für all jene, die vorhätten, einmal in einem juristischen Kernbereich tätig zu sein.
Neutraler sieht das Master-Programmleiter Grabenwarter: „Als Arbeitgeber würde ich mir Kandidaten beider Universitäten anschauen. Dort wie da wird es sehr und weniger gute Leute geben." Mit anerkannt guten Lehrenden kann die WU Wien jedenfalls aufwarten: „Das sind alles hervorragende Professoren, an der juristischen Ausbildung wird es dort nichts auszusetzen geben", ist Benn-Ibler überzeugt.
Das macht die Entscheidung für Maturanten zwischen Jusstudium und Wirtschaftsrechtsstudium nicht leichter. Grabenwarter gibt Hilfestellung: „Die Besonderheit bei uns ist die betriebswirtschaftliche Ausbildung; wer mit Mathematik und Statistik Schwierigkeiten hat, wird bei uns wahrscheinlich nicht glücklich. Jene, die sich neben der juristischen und wirtschaftlichen Ausbildung auch noch profunde Kenntnis in fremdländischer Wirtschafts- und Rechtssprache aneignen wollen, sind hier richtig."
Interessant ist, dass ein besonders hoher Anteil an Hak-Maturanten das Wirtschaftsrechtsstudium inskribiert. Das liegt wohl daran, dass sie einerseits schon mit betriebswirtschaftlichen Vorkenntnissen bestückt sind, andererseits aber auch für das Rechtsstudium an der WU keine Lateinkenntnisse brauchen. Das Bachelorstudium allein scheint mäßig attraktiv zu sein. Gut 80 Prozent aller Studenten planen, ihr Studium mit dem Master zu beenden. Die Aussicht nach einer Mindeststudiendauer von drei Jahren (der Schnitt braucht ein bis zwei Semester länger) zwar mit dem LL.B. abzuschließen und nur als Schmalspurjurist zu gelten, ist wenig reizvoll.
Bei allen Abwägungen sollten die eigenen Interessen, richtungsweisend sein, meint Freshfields-Partner Konrad Gröller: „Angehenden Studenten rate ich immer, sich zu überlegen, wo sie für sich persönlich am meisten rausholen können, denn bei unseren Bewerbern achten wir zwar darauf, was und wie sie studiert haben, letztlich interessiert uns aber der Mensch - und ob er zu uns ins Team passt." (Judith Hecht, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 18.3.2010)

 

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