Bausteine des Iranertums in Wien

16. März 2010, 19:34
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Projekt der "Österreichrelevanten Iranforschung" über iranische Identitäten

ÖRIF steht für "Österreichrelevante Iranforschung" und ist eine eigene Forschungsprogrammschiene des Instituts für Iranistik. Nicht ganz ohne Ironie merkt Institutsgründer Bert Fragner an, dass sich dies als "eine sehr nützliche Kategorie" erwiesen hat: Darunter seien eben Projekte, die sich als besonders publikumswirksam erwiesen haben - "im Vergleich zu anderen Dingen, deren Nützlichkeit erst intellektuell vermittelt werden muss".

Auch der Standard berichtete ja bereits etwa über die Erfassung von Objekten islamischer Kunst in Wiener Museen oder über die Forschung zu Jacob Eduard Polak, einem in den 1850ern im Iran tätigen österreichischen Mediziner (Forschung Spezial am 24. 6. 2009). Ein anderes Projekt betrifft die iranischen Identitäten in Wien ("Iranianness. The construction, negotiation and contestation of Iranian identities in Vienna"). Die Grundfrage der Projektbearbeiterin Julia Czarnowksi, die mit dieser Arbeit in Sozialanthropologie promovierte, war, mit welchen Modulen hier lebende Iraner und Iranerinnen der zweiten und dritten Generation die Vorstellung ihrer iranischen Identität bestücken.

Laut Fragner kam dabei heraus, dass bei den meisten Personen "Identitätsbausteine" zusammengefügt sind, die zum Teil individuell gebunden sind, sich jedoch zum Teil auch als Moden ändern. Wie sie ihr "Iranertum" empfinden, werde gerade von jüngeren Leuten von der Peergroup - oder einer imaginierten Peergroup - übernommen. Und das ist variabel: Bestimmte Dinge, die als iranisch besonders attraktiv sind, verlieren plötzlich an Attraktion und umgekehrt.

Was also ist "iranisch"? Fragner führt einen "historistischen Nationalstolz" an, der sich oft stark auf vorislamische Dimensionen bezieht, à la "wir waren schon wer, bevor wir islamisiert wurden" (oft: im Gegensatz zu den Arabern). Typisch sei auch der Umgang mit der persischen Literatur - was nicht gleichbedeutend mit Sprachbeherrschung sein muss. Mit der Beziehung zur Literatur korreliert oft ein Interesse für Mystik.

Religion als Identitätsmodul spielt jedoch vergleichsweise eine nachrangige Rolle - auch weil die Frage nach dem Islam für Iraner zwangsläufig mit der nach ihrem Verhältnis zur Islamischen Republik Iran und ihren Repräsentanten verbunden sei, so Fragner. Mit Religiosität habe das jedoch nichts zu tun. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 17.03.2010)

 

  • Wie definieren Iraner und Iranerinnen in Wien - hier eine Demonstration gegen Teheran - ihre iranische Identität?
    foto: standard/fischer

    Wie definieren Iraner und Iranerinnen in Wien - hier eine Demonstration gegen Teheran - ihre iranische Identität?

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