"Ein riskantes Unternehmen"

16. März 2010, 19:06
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Helga Nowotny, seit März Präsidentin des ERC, im Interview mit Klaus Taschwer über ERC-Gewinner, den Bologna-Prozess und das Budget

STANDARD: Der ERC, mit dem in der EU exzellente Grundlagenforschung gefördert wird, geht in sein viertes Jahr. Wie sieht Ihre Bilanz der letzten Förderungsrunde aus? Gibt es Länder, die besonders erfolgreich bei der Einwerbung von ERC-Projekten waren?

Nowotny: Die bisherigen Ergebnisse bestätigen im Großen und Ganzen die bekannten Stärken und Schwächen. Interessant ist, dass Großbritannien unter den großen Ländern und die Schweiz - als assoziiertes Land voll beteiligt - unter den kleinen, die eindeutigen Gewinner sind. Beide weisen einen hohen Grad von Internationalisierung auf, was sich darin zeigt, dass viele der ERC-Gewinner aus diesen beiden Ländern nicht gebürtige Schweizer oder Briten sind. Ganz generell stellen wir eine eindeutige Korrelation zwischen der Anzahl der ERC-Grants pro Land und den jeweiligen nationalen Ausgaben für Forschung und Entwicklung fest.

STANDARD: Wie erklären Sie sich das?

Nowotny: Offenbar muss ein bestimmtes Niveau in der Grundausstattung und bei den Arbeitsbedingungen in der Forschung vorhanden sein, um beim ERC-Wettbewerb mithalten zu können. Erfreulich ist jedoch, dass vor allem die neuen Mitgliedsländer die Botschaft verstanden haben und teilweise beachtliche Anstrengungen unternehmen, um aufzuholen. Europa hat noch viele wissenschaftliche Talente, die wir zu wenig nützen.

STANDARD: Wo sehen Sie Stärken und Schwächen der europäischen Grundlagenforschung? Will da der ERC womöglich aktiv gegensteuern - etwa durch höhere Dotierung bestimmter Bereiche?

Nowotny: Der ERC wird auch in Zukunft dem Bottom-up-Prinzip treu bleiben. Wir setzen also voll und ganz darauf, dass die einzelnen Forscher selbst am besten wissen, wo sich die neuen "Hotspots" in der Wissenschaft auftun und entsprechende Projekte einreichen. Grundlagenforschung ist und bleibt ein riskantes Unternehmen, denn nur so lässt sich neues Wissen gewinnen. Auch wenn es noch zu früh ist um eine erste inhaltliche Bilanz der Ergebnisse zu ziehen: Die Dynamik der Wissenschaftsentwicklung wird sich in den ERC-Grants widerspiegeln.

STANDARD: Wird sich am bisherigen zweigeteilten Förderschema für Nachwuchsforscher und arrivierte Wissenschafter etwas ändern?

Nowotny: Ab 2011 wird die Altersgrenze für die Starting Grants von zehn auf bis zu 12 Jahre nach der Dissertation erweitert. Es wird also eine jüngere Gruppe von Starters für zwei bis sieben Jahre und eine Gruppe von Consolidators für sieben bis zwölf Jahre nach dem Doktorat geben.

STANDARD: Wenn man die Altersgrenze für die Starting-Independent-Researcher-Grants anhebt, bedeutet das nicht noch mehr gute Anträge, die man nicht fördern kann? Schon bisher lag die Rate gerade einmal bei rund 15 Prozent.

Nowotny: Erfreulicherweise steigt ja auch das ERC-Budget mit jedem Jahr. Im nächsten Jahr verfügen wir über knapp weniger als 1,5 Milliarden Euro und im Jahr 2013 über 1,8 Milliarden Euro.

STANDARD: Apropos Forschernachwuchs: Wie beurteilen Sie aus forschungspolitischer Ebene den Bologna-Prozess? Wird der letztlich auch zu einer Europäisierung der Forschungslandschaft beitragen?

Nowotny: Unbedingt. Europa muss begreifen, dass es in einer globalen Welt, in der Länder wie China, Indien oder Brasilien auch in der Forschung beschleunigt aufholen, nur als europäischer Forschungsraum bestehen kann. Letztlich geht es darum, eine Wissenschaftskultur, die von Neugier und Wissensdrang angetrieben wird, in einer globalen Welt zu positionieren.

STANDARD: Hatten Sie schon Gespräche mit der neu- en Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn?

Nowotny: Ich werde sie am Donnerstag treffen. An diesem Tag wird sie die ERC-Executive-Agency besuchen. Die Kommissarin gilt als energische und kluge Politikerin, die ihrem Auftrag gemäß Innovation vorantreiben möchte. Sie weiß jedoch auch, dass dies ohne Grundlagenforschung längerfristig nicht möglich ist.

STANDARD: Zuletzt gab es in Österreich einen Vorstoß des Wirtschaftskammerpräsidenten Leitl, der bei der Grundlagenforschung zugunsten der angewandten Forschung sparen will. Sehen Sie diesbezüglich irgendeine eine Begründung?

Nowotny: Das ist insofern ein heißes Eisen, als ein Teil der öffentlichen Mittel für die angewandte Forschung unter den in Österreich bekanntermaßen sehr hohen Anteil von öffentlichen Subventionen fällt. Die Schweiz gibt beispielsweise fast nichts an öffentlichen Geldern für die angewandte Forschung im privaten Sektor aus.

STANDARD: Das österreichische Budget für 2011 sieht vor, in Sachen Bildung, Forschung, Kunst und Kultur um 104 Millionen Euro weniger auszugeben. Insbesondere dürfte dabei auch die Grundlagenforschung betroffen sein. Wie steht Österreich mit seinen Sparmaßnahmen im internationalen Vergleich da?

Nowotny: Die Politik muss begreifen, dass gerade in Zeiten der ökonomischen und finanziellen Krise in Forschung und Bildung investiert werden muss, da nur so zukünftiger Wohlstand gesichert werden kann. In Europa haben Frankreich und Deutschland eine Erhöhung der Ausgaben für Forschung und Bildung angekündigt; in den USA gibt es eine deutliche Steigerung im F&E-Budget für 2011. Die Royal Society in London hat soeben aus Anlass ihres 350-jährigen Bestehens und der bevorstehenden Wahlen einen ausgezeichneten Bericht unter dem Titel The Scientific Century veröffentlicht, an dem ich mitgewirkt habe. Ich kann ihn allen, die an einer längerfristigen Zukunftsperspektive interessiert sind, nur wärmstens empfehlen.

STANDARD: In Österreich ist man gerade dabei, die forschungspolitische Strategie 2020 zu formulieren. Wie sehen Sie mittelfristig das Verhältnis zwischen nationaler Forschungsförderung und der Förderung auf EU-Ebene. Wird oder soll sich da etwas verändern?

Nowotny: Die EU-Forschungsmittel werden auch in Zukunft nur einen kleinen Teil der F&E-Förderung in Europa ausmachen. Dennoch muss geklärt werden, welche Ziele optimal auf EU-Ebene und welche auf nationaler Ebene zu verfolgen sind. Längerfristig sollte statt dem bisher vorherrschenden Prinzip des "juste retour" auf EU-Ebene ein echter Wettbewerb mit hohen Qualitätsvorgaben existieren, wobei der ERC eine Vorreiterrolle einnimmt. Andererseits müssen Mittel und Möglichkeiten bestehen, um die Ausgangsbedingungen für einen echten Wettbewerb auf EU-Ebene in den Mitgliedsländern deutlich zu verbessern. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.03.2010)

 


Zur Person
Helga Nowotny studierte Rechtswissenschaft in Wien und Soziologie an der Columbia University, lehrte und forschte u. a. in Cambridge, Bielefeld, Paris und Budapest. Sie lehrte von 1996 bis zu ihrer Emeritierung 2002 als Professorin für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich. Von 2005 an war sie Vizepräsidentin des European Research Council (ERC), seit März 2010 ist sie ERC-Präsidentin.

  • Die neue ERC-Präsidentin Helga Nowotny: "Europa hat noch viele wissenschaftliche Talente, die wir zu wenig nützen."
    foto: wwtf

    Die neue ERC-Präsidentin Helga Nowotny: "Europa hat noch viele wissenschaftliche Talente, die wir zu wenig nützen."

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