"Als würden Sie sich um den ORF-General bewerben"

16. März 2010, 19:00
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Ein Privatfunker weiß, wie man den ORF öffentlich-rechtlicher macht - Der Chefredakteur des ORF-TV hat Tipps für "Chili" - Und ein Exgeneral sieht Aspiranten für die ORF-Spitze

Wien - "Hier muss wahrscheinlich etwas passieren": Karl Amon, Chefredakteur des ORF-Fernsehens, sieht beim Montagsgespräch des Standard "Handlungsbedarf" bei seiner ZiB-Konkurrenz Chili. Für das Societyformat von und mit Dominic Heinzl "werden wir uns als Gesamtunternehmen etwas einfallen lassen müssen, dass wir die Sendung möglicherweise woanders platzieren".

"Das Format hat's schwer"

Chili ressortiert nicht zu Amon, sondern zur Programmdirektion von Wolfgang Lorenz. Mit der ORF-Führung war Amons Wortmeldung nach STANDARD-Infos nicht abgesprochen. Von Verlegung will man oben im ORF vorerst nichts wissen: "Wir wussten, dass das ein schwieriger Sendeplatz ist", sagt ein hochrangiger ORF-Mann. "Das Format hat's schwer", sagt Amon, und hört sich an, als meinte er nicht nur den Sendeplatz.

"Sie klingen, als würden Sie sich um den ORF-Generaldirektor bewerben", findet Thaddäus Podgorski, der selbst in den 1980er-Jahren die Anstalt auf dem Küniglberg geführt hat. Da meint Podgorski aber nicht Amon - auch wenn der Wunschkandidat von Kanzler Werner Faymann schon oft dementieren musste, dass er den Job will. Für dieses Montagsgespräch ließ Amon ein Hintergrundgespräch des Kanzlers über Steuerfragen links liegen. VP-Klubchef Karlheinz Kopf kam übrigens, um zuzuhören.

"Ich wüsste, wie"

Podgorski meint Markus Breitenecker, Geschäftsführer der Werbevermarktung von ProSiebenSat.1 in Österreich und von Puls 4. "Ich wüsste, wie man's öffentlich-rechtlicher macht", antwortet Breitenecker. 2009 sagte er dazu im Standard -Interview, er wolle "eher" bleiben, was er ist.

Amon und Breitenecker verbindet auch Widerspruch zum Thema des Montagsgesprächs "Verschwinden die Nachrichten?". Für Österreich bieten ORF wie Privat-TV so viele wie nie, sagen beide.

Mehr Nachrichten noch versprechen das ORF-Gesetz mit einem neuen Info-Kanal und Amons Pläne: Nach skandinavischem Beispiel denkt er an Zweijournalistinnenteams, die Bewegtbildnachrichten rund um die Uhr fürs Web aktualisieren und präsentieren - die jeweils neueste Variante dieser Nachrichten sollen stündlich im Infokanal laufen.

Neuigkeitenstakkato

Das Modell könnte zwar junge Zuschauer ansprechen. Es klingt dennoch nicht nach Christiane Spiels Wünschen: Neuigkeitenstakkato überfordere das Publikum, sagt die Wiener Psychologie-Professorin und fordert Hintergrundinformation. Zudem schrecke die negative Tendenz von Journalismus Publikum ab: "Sehe ich ständig eine Welt, die so grauslich ist, muss ich die Medien abschalten, wenn ich nicht dauernd deprimiert werden will."

Apropos: "Wir sitzen alle da, und wissen nicht, wie die Medienwelt in zehn Jahren ausschauen wird", resümiert Reinhold Christl, Chef der Wiener Journalismus-FH. "Das haben wir noch nie gewusst", kontert Moderator Gerfried Sperl (der Standard). "Aber wir stehen heute vor dem gewaltigem Problem, hochwertigen Journalismus zu finanzieren", sagt Christl. Der ORF erhält dafür Gebühren. Bald 50 Millionen extra. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 17.3.2010)

  • "Dass ich jetzt in die Rolle komme, den ORF zu verteidigen", wundert sich Markus Breitenecker (Puls 4, ProSiebenSat1). Podgorski scheint, er täte das gern häufiger.
    foto: standard/newald

    "Dass ich jetzt in die Rolle komme, den ORF zu verteidigen", wundert sich Markus Breitenecker (Puls 4, ProSiebenSat1). Podgorski scheint, er täte das gern häufiger.

  • "Sie klingen, als ob Sie sich um den ORF-Generaldirektor bewerben": Thaddäus Podgorski, früher selbst ORF-Chef, hegt bei Markus Breitenecker einen Verdacht.
    foto: standard/newald

    "Sie klingen, als ob Sie sich um den ORF-Generaldirektor bewerben": Thaddäus Podgorski, früher selbst ORF-Chef, hegt bei Markus Breitenecker einen Verdacht.

  • "Hier muss wahrscheinlich etwas passieren": ORF-Chefredakteur Karl Amon wildert mit Tipps für "Chili" in der Programmdirektion. Die ORF-Spitze will bei Heinzl vorerst nichts ändern.
    foto: standard/newald

    "Hier muss wahrscheinlich etwas passieren": ORF-Chefredakteur Karl Amon wildert mit Tipps für "Chili" in der Programmdirektion. Die ORF-Spitze will bei Heinzl vorerst nichts ändern.

  • "Gewaltiges Problem, künftig hochwertigen Journalismus zu finanzieren": Reinhard Christl, Chef des Wiener FH-Instituts für Journalismus und Medienmanagement.
    foto: standard/newald

    "Gewaltiges Problem, künftig hochwertigen Journalismus zu finanzieren": Reinhard Christl, Chef des Wiener FH-Instituts für Journalismus und Medienmanagement.

  • "Muss Medien abschalten, wenn ich nicht dauernd deprimiert werden will": Christiane Spiel, Professorin für Psychologie, Uni Wien.
    foto: standard/newald

    "Muss Medien abschalten, wenn ich nicht dauernd deprimiert werden will": Christiane Spiel, Professorin für Psychologie, Uni Wien.

  • Gerfried Sperl moderierte das STANDARD-Montagsgespräch.
    foto: standard/newald

    Gerfried Sperl moderierte das STANDARD-Montagsgespräch.

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