Göttin der Gischt

16. März 2010 18:15

Ein umjubelter Auftritt: Santa Cecilia - La Bartoli - mit "Sacrificium" im Musikverein - am Mittwoch folgt ein Gastspiel in Graz.

Die Formel1 ist wieder gestartet, alles dreht sich hochtourig im Kreise. Auch Cecilia Bartoli, der Ein-Frau-Extrememotionsexpress, tourt wieder. Ihre Rennen heißen Konzerte, sind aber eigentlich Erweckungskonvents. Die dahin gepilgerten Jünger werden des Erlebnisses teilhaftig, wie die Furien der Verzweiflung und die Götter des Glücks in den Körper der Hl. Cecilia fahren. Acht Millionen Tonträger hat Bartoli bereits an die selige Pilgerschar gebracht. Die letzte war Komponisten oder Themen gewidmet. Jetzt sind die Kastraten dran.

"Mulier taceat in ecclesia" , proklamierte die katholische Kirche schon vor ewigen Zeiten, aber auch in der Oper hatten die Frauen zu schweigen. Also opferten Tausende junger Sänger im 17. und 18. Jahrhundert ihre Männlichkeit und kamen Gott stimmlagentechnisch ein Stückchen näher.

Nicola Porpora, unterrichtete die bekanntesten der Kastraten - Farinelli, Appiani, Solimbeni - aber der Musiktheorielehrer Joseph Haydns komponierte auch ganz wunderbar: Seine Arie Parto, ti lascio o cara hat die Tragik und Schicksalsschwere eines Tolstoj-Romans, und das Kammerorchester Basel ließ das Rad der Zeit hierbei zum Mühlrad werden.

Doch das von Julia Schröder geleitete Ensemble konnte auch anders: Wenn Bartoli der Pianissimo-Kultur frönte und ihre Töne wie zarte Perlen im Großen Musikvereinssaal schweben ließ, umhüllten die Schweizer diese mit den zartesten Klangschleiern sur terre, um sich gleich darauf - in Porporas Nobil onda - in einen tosenden Ozean zu verwandeln, auf welchem Bartoli rennbootgleich durch die großen Aufs und Abs des Lebens pflügte, kampfeslustig, bis sie nach drei Stunden die Gischt des großen Schlussapplauses an ihrem samtenen Saume lecken ließ. (Stefan Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 17. 3. 2010)


>> Graz, Stephaniensaal, Sparkassenplatz 1. 19.45 h

unordnungswache
20.03.2010 15:38

triffts ganz gut

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