Der Politroman der Kulissenschieber

16. März 2010, 17:43
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Eine von Europas Besten - Magdalena Tullis "Dieses Mal", in der geschmeidigen Übersetzung von Esther Kinsky

Warschau/Wien - Für die Verzeichnung von Magdalena Tullis polnischen Romanlandschaften würde im Grunde ein Bierdeckel ausreichen: Der Schauplatz ihres neuen, ingeniösen Romans Dieses Mal (erschienen bei Schöffling & Co., Frankfurt) umfasst gerade einmal die freie Fläche, die sich zwischen den Stirnseiten mehrerer auseinandertretender Häuserfronten auftut.

Wie ein Zifferblatt wird dieser extrem überschaubare kleinstädtische Lebensraum von einer Straßenbahn der Linie "null" umrundet. Das Personal der lokalen Honoratioren und Tunichtgute steht auf Abruf bereit. Jedem misst die Erzählerin sein passendes, nicht eben schmeichelhaftes Gewand an: dem Notar, dem Dienstmädchen, dem Polizisten, der allabendlich seine Hühneraugen im Küchenlavoir badet. Einem Schnittmusterheft für Konfektionsware sind diese Menschen entstiegen: Sie tragen allesamt soziale Kostüme, die unter den Achseln zwicken und sie am Hals beengen.

Tullis Orte sind Illusionskunstwerke aus Sperrholz: Produkte einer Kulissenschieberkunst, in denen die Katastrophen des 20. Jahrhunderts nachträglich als willkürliche Albträume enttarnt werden. Wie schon in ihren schmalen Romanwerken Träume und Steine (1998) und In Rot (2000) sind es die Machenschaften unbekannter, unausdenkbarer Potentaten, die Tullis menschliche Labormäuse besinnungslos im Kreis herumlaufen lassen.

Die gelernte Biologin und Polarforscherin erzählt die "krummen Geschichten gefälschter Rechnungen und verstohlen angeeigneten Besitzes" . Der doppelte Boden aber birgt kein anderes Geheimnis als ebenjenes: "Männer in Overalls" bewegen Hubmaschinen und die aus Sperrholz gezimmerten Kulissen. Sie sind die unbewegten Beweger einer barocken Maschinerie, die das duckmäuserische Osteuropa der Kleinbürger und Mitläufer wiedererstehen lässt.

Die anonymen Werkmeister schlagen Silbernägel in die dunkle Futterseide, die nächtens über den Stadtplatz gespannt wird: Prompt erstrahlt das Firmament im Lichte unzähliger Sterne. Obendrein eignen sich die Heinzelmännchen auch noch die Güter der Besitzenden an. Zeichnen in ihren dunklen Machinationen für Kursverluste und Deportationskrisen verantwortlich - woraufhin ein Pulk von Flüchtlingen erst verräumt, anschließend vom Mob wohlanständiger Bürger kurzerhand "beseitigt" wird.

Tulli (55), die in der polnischen Öffentlichkeit extrem hohes Ansehen genießt, erzählt die unangenehmsten Wahrheiten, indem sie durch die blaue Blume der Poesie spricht. Ihr tastendes, wägendes, sich bereitwillig in allerlei Mutmaßungen und Erwägungen verstrickendes Berichten gehört in Esther Kinskys geschmeidiger Übersetzung zu den raren Expertisen über unsere Kultur, denen - leider Gottes - Glauben zu schenken ist.

Erstens: Die Geschichte der Totalitarismen ist nicht etwa eine der Utopien, in deren Namen bedenkenlos Menschenleben geopfert wurden. Sie ist die schmutzige Chronik all derjenigen Schlampereien, für die kein Gott, kein Verhängnis verantwortlich zeichnen, sondern die Beschränktheit, deren Code-Name die "Kultur" ist. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 17. 3. 2010)

  • Die in Warschau lebende Autorin Magdalena Tulli.
    foto: piotrowski

    Die in Warschau lebende Autorin Magdalena Tulli.

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