Die Kanadierin gastierte mit ihrem Tom-Waits-Programm im Wiener Konzerthaus
Wien - Tom Waits, gesungen von Holly Cole? Das klingt, als würde jemand die Nacht zum Tag machen, als würde die Sonne mit dem Mond anbandeln. Hier der raukehlige Meister des trashigen Schrottplatz-Blues, in dem der amerikanische Traum immer ein Traum bleibt. Dort die sympathische kanadische Konsensstimme, die seit den 1990er-Jahren unbekümmert zwischen Jazz und Pop changiert, in beiden Sphären professionelle Figur macht - und für durchaus formidable Alben wie Holly Cole (Alert Music) von 2006 gut ist, auf dem sie alte Hadern von Cole Porter und Irving Berlin zu erstaunlich schnittigen Jazz-Songs trimmt.
Hätte Cole einige der dort demonstrierten Arrangementideen in ihr bereits 1995 als "Temptation" veröffentlichtes Tom-Waits-Programm einfließen lassen, der Montagabend wäre im Großen Saal des Wiener Konzerthauses ein anderer geworden.
Heikle Richtungsfragen
Dass man sich Musik, auf der übergroß der Stempel ihres Urhebers prangt, am besten aus entgegengesetzter Richtung annähert, diese Binsenweisheit beherzigte Holly Cole zu wenig.
Nach einem teilweise aus dem Off über abstrahierten Pianorepetitionen gesungenen Frank's Theme ging die 46-Jährige aus Halifax mit Tango Till They're Sore in medias res: Um erstmals - wie später unter anderem in Invitation to the Blues - ihre Stimme in Richtung jener dunklen Sphären abzusenken, in denen sich Tom Waits' herbes Charisma entfaltet, in denen Cole indessen nicht über die gewohnte Intonationssicherheit verfügt.
Bei anderen Liedern musste man Themenverfehlung attestieren: Begleitet von John Johnson (Saxofon), Aaron Davis (Klavier), Marc Rogers (Bass) und Davide DiRenzo (Schlagzeug), verwandelte die Sängerin die große Tragöden-ballade des Train Song in ein harmloses Stück Allerweltspop. Dass sie Waits' Liedern tatsächlich eigene Facetten abzuringen versteht, zeigte Holly Cole in ihrer Version von Little Boy Blue, das - begleitet nur von Bass und swingenden Jazzbesen - ein schnittiges Swing-Outfit verpasst bekam. Momente wie diese hätte der Abend öfter gebraucht. (Andreas Felber/DER STANDARD, Printausgabe, 17. 3. 2010)