Zeit hat hier eine andere Dimension

16. März 2010, 17:00
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Der österreichische Supermarktbrüller "He, hallo! Kassa!" ist hier vollkommen unangebracht

Natal heißt warten. Warten auf den Bus, warten darauf, dass die Verkehrslawine vorüber rollt und man gefahrlos auf die andere Straßenseite kommt, warten bis man im Supermarkt an die Kasse kommt.

Pünktlichkeit braucht einen Zeitrahmen

Man braucht für alles viel Zeit in dieser Stadt und bei Terminen eine hohe Toleranzschwelle. Österreichische Überpünktlichkeit widerspricht der Mentalität und den infrastrukturellen Tatsachen in Natal. Auf den Autobus wartet man gut und gerne ein halbe Stunde, in der Sonne wohlgemerkt, denn Bushäuschen gibt es nur sporadisch.

In der prallen Sonne steht man auch, wenn man versucht, eine der Hauptstraßen zu überqueren. An und für sich ist das schon ein lebensgefährliches Unterfangen, denn gebremst wird nur, wenn das eigene Leben in Gefahr ist.

Ruhig Blut in der Schlange

Der österreichische Supermarktbrüller "He, hallo! Kassa!" ist hier vollkommen unangebracht. Die Schlange vor den Kassen ist zehn Meter lang und der Bezahlvorgang dauert eine Ewigkeit. Öffentliches Aufregen ist verpönt. Bei all der Warterei höre ich in der ganzen Zeit nicht ein einziges Wort der Beschwerde. Die Leute warten, tratschen oder wühlen in den Regalen, die angefüllt sind mit Chips und Zuckerln. Die stoische Ruhe, mit der an den Kassen gearbeitet wird, löst bei mir nervöse Zuckungen aus, es fällt mir schwer, zuzusehen. Dabei gibt es eigene Kassen für jene, die nur ein Packerl Kaugummi und einen Softdrink kaufen. Aber da geht es genauso gemächlich zu wie bei den Kassen für den normalen Einkauf. Der Zusatz "rapida" bezieht sich auf etwas, von dem ich noch nicht herausgefunden habe, was es sein könnte.

Auf der "Feria", dem Markt, geht es etwas schneller voran. Allerdings gibt es hier nur Frischwaren wie Gemüse, Fleisch, Fisch oder Früchte. Aber das Gedränge hält sich in Grenzen und es gibt keine Stehzeiten an der Kassa. Und man ist Umgeben vom gesammelten Reichtum der Düfte und Farben Brasiliens (mehr dazu in der Ansichtssache).

Abwarten und kein Wasser trinken

Wasser kommt in 20-Liter-Kanistern ins Haus - geliefert und auf den Wasserspender montiert - für 3,50 R$. Das sind ca. zwei Euro. Günstig. Allerdings kann so eine Lieferung zwischen fünf Minuten und drei Stunden dauern. Man sollte also immer ein Glas Wasser für Notfälle bereit halten, denn der Wasserlieferant hat keine Eile. Andere Dinge als Zeit bestimmen hier den Rhythmus und daran muss man sich gewöhnen - oder lässt sich als Patient in der Herzklinik eintragen.

Nichts versäumt

Wenn der einzige Bus zum Flughafen um acht Uhr fährt, dann ist 7:53 Uhr immer noch früh genug, um sich auf den Weg zum Busbahnhof zu machen. Etwaige Einwürfe, es könnte eventuell zu spät werden, um den Flieger noch zu erwischen werden mit: "Wird es nicht" vom Tisch gewischt. Dass die Fahrt dann im Höllentempo von statten geht, hat nichts mit schlechtem Zeitmanagement zu tun, sondern ist eher Gewohnheitssache. Übrigens: Wir haben bisher noch keinen Flug oder Bus versäumt. Die Langstreckenbusse fahren alle pünktlich laut vorhandenem Fahrplan ab. Ob sie auch pünktlich ankommen, hängt dann allerdings vom Verkehrsaufkommen ab.

Auf dem Amt

Die Reinkultur des Wartens allerdings erlebt man, wenn man, wie Fabio, ein Dokument beantragt. Zehn Tage vergehen vom Einbringen des Antrags bis zur Fertigstellung des Ausweises. Für jeden Vorgang am Amt muss eine Nummer gezogen werden, um Ordnung in die riesige Menschenmenge der Wartenden zu bringen. Mit dieser Nummer schlurft man dann gelangweilt nach Aufruf zum Schalter, fragt nach, ob der Ausweis schon fertig ist, bekommt nach Bestätigung eine weitere Nummer und muss dann die Abgaben am einzigen vorhandenen Kassenschalter bezahlen.

Mit der Nummer 384 in der Hand, der Nummer 295 als letztem Wartenden in der Schlange und einem Blick auf die Uhr - 16:24 Uhr - ein hoffnungsloses Unterfangen. Bezahlt werden kann ausschließlich am Kassenschalter, Vorschrift ist Vorschrift. In mir findet eine innere Revolte statt, es tobt ein Sturm der Empörung in meiner Brust. Fabio macht es sich auf einem der blauen Kunstledersessel bequem. So wie 98 andere Natalensen auch.

Dann ändert sich die Vorschrift plötzlich nach zehn Minuten warten mit einem Akt außerhalb der Regel, einem Gefallen, einem Entgegenkommen der Beamtin. Da nur Fabio und zwei weitere Personen dieses Dokument brauchen, darf doch am Schalter bezahlt werden, was die Wartezeit um geschätzte vier Stunden und einen Tag verkürzt und einen Verstoß gegen den regulären Amtsweg darstellt. Was hier an Zeitmanagement fehlt, wird in vielen Fällen durch Flexibilität wett gemacht. Ein System, das nicht funktioniert, wird gebogen bis es funktioniert.

Zum Schreien in den Keller

Aber so ist das in Brasilien. Was nicht funktioniert, wird irgendwie geregelt, manchmal klappt das und manchmal nicht. Das wichtigste ist auf jeden Fall, sich nicht aufzuregen, ruhig zu bleiben und einfach nachzufragen. Wer sich aufregt, herumschreit und Kritik übt hat auf jeden Fall verloren. Im besten Fall erntet er anfangs ein freundliches aber unbeeindrucktes Lächeln und ein "da kann man aber nichts machen", später eventuell eine gute Position in der Warteschlange und im schlimmsten Fall gibt es Ärger mit der Behörde. Öffentliches Randalieren ist verboten und herumtoben und herumschreien, wie es bei uns üblich ist, verstößt gegen das Gesetz. Polizisten, die die Einhaltung der öffentlichen Ruhe überwachen, gibt es genügend. Entweder man passt sich an und akzeptiert, oder man wird hier nicht viel Freude haben mit den Menschen und den Gepflogenheiten. Als nervenschwacher Europäer geht man zum Schreien am Besten in den Keller - Schall isoliert! Unhöflichkeit und Ungeduld werden mit eiskaltem Schweigen und Ignoranz quittiert.

Und außerdem ist es sowieso viel gesünder, ruhig zu bleiben und sich nicht aufzuregen, was ohnehin auch völlig sinnlos wäre. Zeit hat hier eine andere Dimension, ist formbarer und weniger starr. Was heute nicht geht, geht morgen oder übermorgen oder nachdem Carnaval vorüber ist. Dass Freunde zu einem Termin nicht auftauchen, Arbeiter nicht erscheinen, Geld nicht bezahlt wird, Arbeiten nicht fristgerecht fertig gemacht werden, fixierte Dinge geändert, verschoben, aufgegeben oder vergessen werden - alles das ist Brasilien. Wenn man aber eine Auskunft braucht, so wird man diese immer Bekommen. Wenn man auf der Straße stolpert und hinfällt, so greifen zwanzig Hände zu, um zu helfen. Und wenn man einmal einen Termin versemmelt, so wird niemand eine große Geschichte daraus machen. Es könnte ja der Bus, die Schlange am Supermarkt oder etwas anderes dazwischen gekommen sein. (Mirjam Harmtodt/derStandard.at/17.3.2010)

  • Bei all der Warterei kein einziges Wort der Beschwerde.
    foto: mirjam harmtodt

    Bei all der Warterei kein einziges Wort der Beschwerde.

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