Kippender Jobmarkt 2015

"Der Effekt der Personalpolitik ist klein"

Marietta Türk, 17. März 2010 07:18
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    Die Situation am Jobmarkt ist laut einer aktuellen Studie unsicher - 2015 wird der Jobmarkt aufgrund des Nachwuchsmangels auch in Österreich kippen

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    Zur Person

    Renate Ortlieb ist Professorin für Personal an der Karl-Franzens-Universität Graz

Der österreichische Jobmarkt soll spätestens 2015 kippen - Es gibt Nachwuchssorgen, meint Renate Ortlieb, Professorin für Personalpolitik im Interview

derStandard.at: Laut der Allianz Demographic Pulse Studie wird es 2015 erstmals weniger Berufseinsteiger als altersbedingte Aussteiger geben. Immer mehr Menschen gehen früher in Pension, immer weniger Junge rücken nach - das sind die teilweisen Gründe für das Problem. Trifft aber auch die Personalpolitik in den Unternehmen eine Teilverantwortung dafür?

Ortlieb: Unternehmen können vereinzelt Frühpensionierungen vermeiden und durch eine familienfreundliche Personalpolitik günstig auf die Geburtenrate einwirken, aber der Effekt ist insgesamt sehr klein.

derStandard.at: Wie werden Unternehmen mit der Nachwuchslücke umgehen müssen? Reicht es auf die vielen Arbeitslosen zurückzugreifen? Oder lässt sich die Lücke mit MigrantInnen schließen?

Ortlieb: Wie in der Studie selbst erwähnt, ist eine quantitative Lücke weitaus weniger relevant als eine qualitative Lücke. So führen zum Beispiel Produktivitätssteigerungen dazu, dass weniger Arbeitskräfte benötigt werden. Und bereits heute haben Unternehmen eher ein Problem damit, die am besten geeigneten Arbeitskräfte zu finden (und zu halten) als möglichst viele.

Die Beschäftigung von MigrantInnen ist gegebenenfalls eine effektive Lösung. Unternehmen profitieren von der Beschäftigung von MigrantInnen im Übrigen nicht nur dadurch, dass diese Arbeitsmarkt-Lücken schließen. Sondern MigrantInnen können durch ihre Qualifikationen und unterschiedlichen Perspektiven besonders gut zu Produktinnovationen und -verbesserungen sowie zur Erschließung von neuen Märkten beitragen. Aus der Forschung zur personellen Vielfalt (Diversity) in Unternehmen sind diese positiven Effekte auf den Unternehmenserfolg bekannt.

derStandard.at: In Österreich ist nur jeder fünfte zwischen 60 und 64 erwerbstätig. Wie sind Ältere länger und effektiv im Arbeitsleben zu halten?

Ortlieb: Neben Konzepten der Betrieblichen Gesundheitsförderung und des Diversity Managements, die sich auf ältere Beschäftigte beziehungsweise das Zusammenarbeiten von Beschäftigten aller Altersklassen zuschneiden lassen, ist sowohl die persönliche Bereitschaft der Erwerbstätigen als auch die Bereitschaft der Unternehmen, ältere Personen neu einzustellen, notwendig.

derStandard.at: Bringt das Problem auch Gutes mit sich? Wird es in Zukunft sogar zuviele Jobs geben?

Ortlieb: Allgemein lässt sich sagen, dass die Probleme überwiegen würden. Nicht besetzte Arbeitsplätze sind für Unternehmen nachteilig und können je nach Arbeitsorganisation auch zu höheren Belastungen bei der übrigen Belegschaft führen.

derStandard.at: Wie müssen Politik und Wirtschaft zusammen arbeiten, damit der Jobmarkt nicht kippt?

Ortlieb: Eine Kombination aus intensiver Förderung von Familien und Bildung kann sowohl das "Kippen" als auch dessen mögliche negativen Konsequenzen abschwächen.

derStandard.at: Was wäre ein Negativszenario, was ein Positivszenario?

Ortlieb: Ein Negativszenario ist, dass die Politik fordert, die Wirtschaft solle handeln, und die Wirtschaft fordert, die Politik solle handeln. Ein Positivszenario ist, dass die Unternehmen eine familienfreundliche Personalpolitik verfolgen, dass sie ihre Nachwuchskräfte frühzeitig suchen - zum Beispiel in Schulen und Hochschulen - und auch für ältere Beschäftigte geeignete Arbeitsplätze und Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten. Die Politik müsste sich zusätzlich zur Familien-, Einwanderungs- und Bildungspolitik um die Sicherung der Pensionen kümmern. (derStandard.at, 16.3.2010)

Kommentar posten
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Hacklergschichten und Arbeitssachen
 
01.06.2010 20:46
Jobsuche durchs Fernsehen?

Dann werden vielleicht eines Tages Unternehmerinnen und Unternehmer vor die Kamera treten und nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern suchen. Doch bis es soweit ist....

http://okto.tv/hacklergschichten/

Ausstrahlung der nächsten Folge auf OKTO am 08.06.2010 um 20.30 Uhr

klein adlerauge
 
17.03.2010 23:14

effekte "insgesamt" sehr klein...
was soll bitte insgesamt heissen?
das kaum personalpoltik pro familie und pro ältere arbeitnehmer betrieben wird?

vergleichen sie mal zb die bedingungen für eine bundeslehrerin und eine in der privatwirtschaft tätige akademikerin was zb das kinderkriegen betrifft.
oder die bedingungen für 55 jährige bundesbedienstete und solche in der "freien" wirtschaft.

da liegen welten dazwischen! nur will sich das kein unternehmen leisten (egal ob es könnte oder nicht) weil es nicht MUSS.

Management Quatscher
17.03.2010 20:34

Jahr 2001: Uns gehen die Fachkräfte aus, uns wird es bald an Arbeitskräften mangeln, spätestens im Jahr 2005 ist es soweit

Jahr 2005: 350.000 Arbeitslose

Jahr 2007: Uns gehen die Fachkräfte aus, uns wird es bald an Arbeitskräften mangeln, spätestens im Jahr 2010 ist es soweit.

Jahr 2010: 400.000 Arbeitslose

Jahr 2010: Uns gehen die Fachkräfte aus, .... spätestens im Jahr 2015 ist es soweit.

KristallpalastMittelEbeneBewohner1
 
17.03.2010 19:47
sehr "seichtes" Interview...

gibt es in Ö tatsächlich "zu wenig" gut ausgebildete Fachkräfte und Spezialisten?

gibt es tatsächlich unbelegte Stellen (-> da sich keine Fachkraft findet)?

nicht der Arbeitsmarkt kippt -> sondern die Pensionen werden bald nicht mehr finanzierbar sein

Es gibt Nachwuchssorgen, meinte Fr.Ortlieb?

was heißt das?
-zu wenig Nachwuchs oder..
-zu schlecht ausgebildeten Nachwuchs?

die Fr. glaubt auch zu sehr an den WU_neoliberalen_Bullshix ... selber denken bitte..

es gibt einen Mangel an Erwerbsarbeit -> bei ausreichendem Angebot findet sich garantiert eine qualifizierte Fachkraft -> viele warten schon auf "gute Jobs"...

Ich B. Sisyphos
 
17.03.2010 16:04

Ende der Jugendarbeitslosigkeit ab 2015?

worry1
17.03.2010 20:42
Ja, da sind dann nämlich die heutigen Jugendlichen

erwachsen und arbeitslos.

Yudhistira
17.03.2010 12:05
Das Problem ist auch, dass in unserem Wirtschaftssystem diejenigen die Regeln ("wirtschaftlichen Rahmenbedingungen") erstellen,

die von diesen nicht betroffen sind bzw. davon profitieren. Sie haben auch die Deutungshoheit, wer "Leistung" erbringt und somit hoch dotiert wird. Derjenige nämlich, der am besten mit unserem Profitsystem zurechtkommt. Anstand und soziale Kompetenz zählen in diesen Etagen nicht, da geht es nur um Profitmaximierung (für ein paar wenige). Und dann entwickelt man Mechanismen um diejenigen, die auf der Strecke bleiben, unter Druck zu setzten und das Gefühl zu geben, sie seien selbst Schuld an ihrer Misere. Ohne faire Chance, ihre Situation entscheidend zu verbessern, trifft es jene, die nicht systemkonform "funktionieren". Dieses System zerstört die Menschen. Oben: charakterlich, unten: körperlich, im Selbstwert.

Nun noch zu den Bösentaten

stefan81
18.03.2010 11:09

wir leben halt nicht im schlaraffenland wo milch und honig für alle in fließen.

jeder ist grundsätzlich seines glückes schmied. es ist nunmal eine tatsache dass man zu funktionieren hat, wenn man etwas erreichen will. es ist ja jedem seine freie entscheidung welchen weg er wählt. aber dann darf man nicht jammern wenn man nicht viel hat.

in wahrheit gibt es ja nur ganz, ganz wenige die es aus eigener kraft nicht schaffen könnten - denen muss geholfen werden - aber die große mehrheit der suderanten WILL einfach nicht systemgemäß funktionieren.

00_Schneider
17.03.2010 12:27
Schön formuliert!

Aber das traf bisher nicht auch auf jedes "zivilisierte" Wirtschaftsystem zu ?

Yudhistira
17.03.2010 13:22
Das Problem liegt in der Tat in der Ausrichtung unseres Wirtschaftssystems. Alles wird darin dem Profit untergeordnet, es geht immer weniger um das Wohl der Menschen,

die Massnahmen um das soziale Gefüge aufrechtzuerhalten werden immer hilfloser (und wirkungsloser). Diese Profitausrichtung fördert: Rationalisierungen, Privatisierungen, Auslagerungen in Billiglohnländer, Lohndumping (der unteren Einkommen) versus Spitzengehälter und Boni, Explosion der Gesundheitsausgaben (durch die nicht "artgerechte Haltung" der Menschen), Ausbeutungszwang (Mensch, Umwelt) durch rücksichtslosen Wettbewerb, Korruption, gesellschaftliche Entsolidarisierung, steigendes Wohlstandsgefälle...
Um dies in den Griff zu bekommen, müsste das betriebwirtschaftliche Denken (Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren) dem volkswirtschaftlichen untergeordnet werden.

Ursache dieser Verschiebungen (und der Krise!): Zinseszinssystem

Jojo07
17.03.2010 13:53
auch das ist schön gesagt! Aber auch hier ist die Frage:

Hats jemals ein besseres Wirtschaftssystem gegeben? Der Rheinische Kapitalismus war in der neuzeitlichen Geschichte der Menschheit wohl das humanste von allen - und auch das hat letztlich nur ca. 30 Jahre angedauert. Alle anderen Systeme haben entweder auf massivster Unterdrückung und Ausbeutung von praktisch allen funktioniert (incl. real existierender Sozialismus) - oder waren kleine lokale Tauschsysteme, deren Prinzipien aber auf Wirtschaften im globalen Maßstab nicht übertragbar sind.

Die Frage ist also eher, ob eine Rückkehr zu einer Art von reformiertem und dem globalen Wirtschaften angepaßtem Rheinischem Kapitalismus möglich bzw. überhaupt denkbar ist. Was sind die (realistischen - nicht bloß fantasierten!) Alternativen?

Yudhistira
17.03.2010 16:50
Ich denke eher, dass wir zwar von vergangenen, alternativen Modellen lernen können,

aber ein Neues entwickeln müssen. Der grundlegende Unterschied müsste darin liegen, dass nicht mehr der Mensch der Wirtschaft (und deren Profit) dient, sondern die Wirtschaft dem Wohl des Menschen, der Gesellschaft untergeordnet wird. Dazu müssen wir uns der Diktatur des Geldes (Börsen, Spekulanten, Privatbanken) entledigen und ein Anreizsystem für ein nachhaltiges, gesellschaftsdienliches, demokratisches Wirtschaften schaffen, ein Anreizsystem in dem gemeinwohldienliches Wirtschaften dem Profitwirtschaften bevorzugt wird und sich daher durchsetzt (im Gegensatz zum jetzigen System). Das jetzige "neoliberale" Anreizsystem (Zinseszins!) führt u.a. zu im obigen Posting genannten Auswüchsen.
Das Thema sprengt hier aber fast den Rahmen.

Markus Wagner
17.03.2010 19:59

Inwiefern schaffen wir ein Anreizsystem ohne massiven Zwang? Das wurde im real existierenden Sozialismus auch versucht und hat nicht funktioniert. Was ist anders, dass es diesmal funktionieren kann?!

Und nein, Menschen sind heute nicht solidarischer geworden und ich glaube auch nicht, dass durch Systemumstellungen der Politik Menschen zu solidarischen Menschen gemacht werden können.

Yudhistira
17.03.2010 20:40
Einen massiven Zwang gibt es vor allem jetzt: möglichst viel zu produzieren, auch auf Kosten der Gesundheit des Arbeiters/Angestellten,

möglichst viel mit möglichst wenig Personal zu produzieren zugunsten der Aktionäre (die Produktivitätssteigerung der letzten 10 Jahre wurde fast zur Gänze an Aktionäre in Form von Dividenten ausgeschüttet, während die Löhne stagnieren). Dieses permanente Wettbewerbsdenken, das bereits in der Schule gefördert wird, führt direkt zur Entsolidarisierung, Arbeiter sehen in ihren Kollegen immer mehr nur mehr den Konkurrenten.
Man bräuchte nur die Verzerrung zugunsten der Vermögenden, "Ausbeutenden" umzukehren und diese mit ihrem Verhalten am Markt benachteiligen (z.B. durch Kostenwahrheit) um einen Wandel herbeizuführen. Die Abschaffung des Zinssystems allein würde schon Chancengleichheit Arm/Reich bewirken und den Wachstumszwang eliminieren.

Markus Wagner
19.03.2010 18:21

1.) Kostenwahrheit? Wie wollen Sie die schaffen? Klingt ja sehr nett, aber sowas hör ich zu oft als dass mich das Schlagwort noch beeindrucken könnte.

2.) Wie schaffen Sie das Zinssystem ab? Wie verbieten Sie Zinsen? Entgegen landläufiger Meinung ist es ja nicht so, dass die Zentralbank Zinsen schafft (und man das also einfach abdrehen könnte) sondern der Zins ensteht (historisch und kausal) am Markt auch ohne die Zentralbanken.

posaunist
17.03.2010 22:02
was sind Dividenten?

Tiere?

Der Ruhestifter
17.03.2010 18:11
Das problem ist die kapitalakkumulation, nicht der zins

Nehem Sie an, zwei unternehmen machen gewinn und investieren den in ausweitung der produktionsmittel: kein problem, oder? So wächst wirtschaft.

Und jetzt lassen Sie das eine dem anderen geld gegen zins leihen, weil das zweite es besser investieren kann: auch kein problem, solange aus den investitionen der kredit bedient werden kann.

Was aber zum kollaps führt, ist, dass vermögen schneller wachsen als das real investierte kapital und dem schulden von personen gegenüber stehen, die keinen besitz an produktionsmitteln haben, sondern das geld für konsum ausgegeben haben.

Die sinnvollste lösung wäre eine entlastung von arbeitseinkommen (auch der hohen), finanziert durch besteuerung der erbschaften und vermögen (auch der kleinen)

pathological weakness of the financial memory
17.03.2010 14:32
kleine Anregung

"Der primitive Realist ist von allen Träumern derjenige, welcher am tiefsten träumt, denn er ist so rettungslos in den Traum seiner vermeintlichen Wirklichkeit verwickelt, daß er gar nicht auf den Gedanken kommt, er träume."
(Franz Werfel; Zwischen Oben und Unten)

Functio Laesa
17.03.2010 11:59
Also nicht 2012

sondern 2015 kommt der Untergang - da gehen dann der Wirtschaft die jungen billigen Leute aus. Oh mein Gott! Wieder so ein Weltuntergangsszenario von Leuten die im Elfenbeinturm sitzen!

okami
17.03.2010 10:50
"Produktinnovationen und -verbesserungen sowie zur Erschließung von neuen Märkten beitragen"

Gibt es noch andere Gründe Menschen(!) in Betrieben zu beschäftigen?

Gibt es noch andere Gründe überhaupt einen Betrieb zu führen?

RT
17.03.2010 12:11
Nein, es gibt keine anderen Gründe...

...oder dachten Sie etwa an "Nächstenliebe"?

Herzerzog Johann
17.03.2010 11:37

Ökonomisch gesehen: Nein.

Ludwig Senfl
17.03.2010 10:47
Professorin für Personalpolitik

Eigentlich erschütternd, dass in einer Qualitätszeitung für so ein Gefasel Platz ist. Für solche Binsen-Halbwahrheiten braucht man ein Interview mit einer Frau Professor?

Truhe
 
17.03.2010 10:26

Solange Personal als nichts anderes als Einsparungspotential, Konsequenzträger und lustige Zahlen in bunten Tabellen wahrgenommen werden wird sich auf dem Jobmarkt nichts tun und eine Lösung der Jobmisere eine obligatorische Vorwahlschwindelei bleiben.
Die Wahrnehmung des Menschen als Menschen und daraus folgend die entsprechende pflegliche Behandlung wird uns einer Lösung langfristig weitaus näher bringen als all die halblustigen Statistik und Zahlenbhübschungsjonglagen der letzen 20 Jahre.

Herzerzog Johann
17.03.2010 11:40

Dafür müßte ein neuer Mensch geschaffen werden. Wurde doch schon versucht und ging schrecklich daneben.

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