Suche nach Recht zwischen Bagdad und Belfast

10. April 2003, 20:34
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Ilse Aichinger geht zum 68. Mal auf eine unglaubwürdige Reise

Schon an der niedrigsten Primzahl lässt sich leicht berechnen, was man gewöhnlich von einem Treffen zu dritt sagt: einer zu viel. Aber welcher? Man könnte schließen: vermutlich nicht der, der sich gleich schon für überflüssig hält.

Aber solche Regeln vereinfachen. Besser, sich gleich an die Komplikationen zu halten. Schon Montesquieu notiert vom Gerichtsalltag: "Vom Verführer verstand ich nichts; ich habe mich trotzdem darum bemüht; aber was mich am meisten anwiderte, war, dass ich bei Dummköpfen genau das Talent dafür bemerkte, das mir abging." Still und skeptisch mustert er am Montesquieu-Denkmal in Bordeaux unter einigen kahlen Ästen, was schräg links vor ihm liegt.

Aber welcher Ort und welche Landschaft liegt noch nah und fern genug von Bagdad, um es von dort aus lang und kurz genug betrachten zu können? Blair und Bush wählten Belfast für ihre Beratungen, das könnte ermutigen. Im Augenblick habe ich Besuch aus Belfast, das ich trotz der Neigung zu vielen und auch nur entfernt britischen Landschaften nicht kenne. Aber es wundert mich nicht, dass dort 1912 die "Titanic" gebaut wurde.

Wo beginnt man den Rundgang durch Belfast, um seinen Kopf nach so viel Krieg klar zu bekommen? Vielleicht beim "Ulster Folk-and Transport-Museum" fünf Kilometer nördlich von Westbelfast oder beim Denkmal zum Gedenken und Gedanken an die große Hungersnot, gewidmet Frauen, Kindern und Arbeitern? In der Umgebung der Bank of Ireland sind die verschiedenen Architekturstile zu bewundern. Besser aber landet man im "Crown Liquor Saloon", wo man, sofern der Reiseführer nicht lügt, durch die Seitengänge zu einigen Ausstellungsstücken der "Titanic" vordringen kann.

Dazu die Erinnerung an eine Meldung im Fernsehen, dass im Irak eine Hightechwaffe, eine viel zu kompliziert ferngesteuerte Bombe, mit einer Schrotflinte abgeschossen worden war. Die Ränder der Welt und ihre verheerenden Zentren treffen aufeinander. Noch ein Blick auf die Brücke am "Bagdad Highway" und die verzweifelten Berichte der GIs, die sie erreicht haben - keine stolzen Helden.

Und ein letzter Blick auf Belfast. Am Seehafen bekommt man möglicherweise bald sogar Plastiken in korinthischem Stil vom verwüsteten Bagdad. Grund genug, um sich vor Beginn der Nacht noch einmal und lange genug mit Bordeaux und Montesquieu und auf die Suche nach Recht einzulassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.4. 2003)

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