"Die Muslime fühlen sich bedroht"

10. April 2003, 20:16
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Niemand nimmt Saddam Hussein ab, dass er für den Islam kämpfte, aber im Begriff "Djihad" mischt sich längst Religiöses mit Politischem, sagt Gudrun Krämer, Islam- wissenschafterin in Berlin.

Wien - Angesichts der Antikriegsdemonstrationen im Westen sei es schwieriger für den politischen Islam, den Irakkrieg propagandistisch zu nützen, sagt die Islamwissenschafterin Gudrun Krämer, in Wien zu Gast beim Internationalen Forschungszentrum für Kulturwissenschaft (IFK), im Gespräch mit dem STANDARD. Das halte aber Muslime nicht ab, sich als solche bedroht zu fühlen und nach dem Djihad zu rufen - wobei aber "Djihad nicht nur den Heiligen Krieg, sondern inzwischen jede Art von nationaler Befreiungs-oder Verteidigungsaktion bezeichnet. Da gehen das Politische und Religiöse ineinander über", meint Krämer.

Dass Saddam Hussein - der diesen Krieg wie auch den Golfkrieg 1991 zum Djihad erklärt hatte - von der islamistischen Bewegung als islamischer Kämpfer wahrgenommen wird, glaubt Krämer nicht: "Jeder Islamist, der die jüngere Geschichte kennt, weiß, dass Saddam als islamischer Kämpfer nicht glaubwürdig ist." Aber er werde doch als derjenige geschätzt, der den USA die Stirn geboten hat, letztlich vergeblich, aber immerhin, analysiert Krämer.

Ein Schulterschluss zwischen Al-Kaida und Irakern ist laut Krämer eher nicht zu erwarten, obwohl sie ein Anwachsen der Zahl derjenigen befürchtet, die "zum Letzten greifen", das heißt, dass es mehr Zulauf zu Selbstmordattentaten geben könnte. Aber das sei nicht dasselbe wie ein organisiertes radikales militantes Netz, und Krämer erwartet nicht, dass im Irak "eine Struktur übrig bleibt, die Al-Kaida zur Verfügung gestellt werden könnte".

Keine Anzeichen sieht Krämer dafür, dass die Regierungen in Ägypten und Jordanien von islamistischen Umstürzen bedroht sind, wie das für den Kriegsfall befürchtet wurde. Die Regime würden - trotz aller Demokratie-Rhetorik - auch nicht von den USA fallen gelassen werden. Den Marsch durch die Institutionen würden die Islamisten in diesen Ländern wohl fortsetzen, die militante Szene bleibe aber ausgedünnt.

Die Glocke ist weg

Über Zustand des Islam und des Islamismus im Irak sei heute schwer ein Urteil zu fällen, meint Krämer: "Wir wissen nichts über die religiösen Gefühle und Bedürfnisse der Iraker." Sie seien jahrzehntelang unter einem hochautoritären Regime gestanden, das den Islam benützt habe - einmal beiseite geschoben, dann wieder genutzt. Bei den Schiiten hätten religiöse Führer zumindest bis vor kurzem eine Rolle gespielt, sie hätten aber dem islamistischen Gottesstaat nicht das Wort geredet. Auch unter Kurden und Sunniten gebe es religiöse Bewegungen, "aber zu bewerten, was passiert, wenn die Glocke weg ist, unter der sie gelebt haben, ist unmöglich". Ein islamischer Staat wäre aber laut Krämer auf alle Fälle "gegen den regionalen Trend".

Eine Illusion sieht die Islamwissenschafterin in der Ansicht, dass sich der israelisch-palästinensische Konflikt leichter lösen lassen werde, wenn Saddam Hussein weg ist. Das hieße, das "Eigengewicht der Dinge" zu unterschätzen.

"Arafat ist nicht die Marionette von Saddam, er ist ein palästinensischer Führer mit Rückhalt in Palästina", ob Saddam erfolgreich sei oder für Familien von Selbstmordattentätern bezahle oder nicht, mache für den Widerstand der Palästinenser gegen die Besatzung keinen Unterschied. Eine "regionalpolitische Flurbereinigung - und dann fallen die Puzzlestücke auf den richtigen Platz", werde es nicht geben. Man komme nicht darum herum, sich um den israelisch-palästinensischen Konflikt direkt zu kümmern. (DER STANDARD, Printausgabe, 11. 04. 2003)

Von Gudrun Harrer
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