Mohammed al-Duri: Karriere im Irak zwischen Angst und Opportunismus

10. April 2003, 20:14
2 Postings

Am Donnerstag wurde er in der Abflughalle des John-F.-Kennedy-Flughafens von New York gesichtet - Reiseziel unbekannt -, am Vortag hatte er als erster irakischer Offizieller "Das Spiel ist aus" verkündet: Mohammed al-Duri, Iraks Botschafter bei der UNO in New York. Seine Ansage, er habe keine "Beziehung zu Saddam Hussein", wurde von Journalisten zuerst als Distanzierung zum Regime aufgenommen, Duri selbst relativierte jedoch: Gemeint sei gewesen, er hätte schon länger keinen Kontakt mehr mit Bagdad gehabt.

Lohnt es sich - angesichts von Tod und Leid, das im Irak noch nicht zu Ende ist -, darüber nachzudenken, was in einem Duri vorgeht? Das Gesicht des 60-Jährigen ist vom Fernsehen gut bekannt, die komischen, über den Kopf gekämmten Haarsträhnen (Stoff für Satiren in US-Medien), die eher "unarabischen" Züge, die gepresste Stimme, der harte Akzent. Wochenlang musste er im UN-Sicherheitsrat die Sache des Irak alleine ausfechten, während für die anderen Länder die Außenminister aufmarschierten.

Sonst weiß man nichts, nach den Eckdaten seiner Biografie wird man in Medien vergebens forschen. Uns ist jedoch durch Zufall ein Ausschnitt aus seinem Leben bekannt, den es zu erzählen lohnt: als Illustration der Mischung zwischen Angst und Opportunismus, der wohl oft hinter Karrieren wie der seinen steckt.

Mitte der 90er-Jahre, bei einem Besuch in Bagdad, hatte DER STANDARD einen Termin im Außenministerium, beim "Menschenrechtsbeauftragten" Mohammed al-Duri, dessen Aufgabe es war, die grau-samen Körperstrafen (Ohrenabschneiden, Brandmale), die kurz zuvor eingeführt worden waren, vor dem Ausland zu verteidigen. Duri tat dies mit Verve und Überzeugung. Dann aber bat er die Besucherin in eine kleine Küche: um ihr einen Brief zu übergeben an eine - seine - Familie oder besser Exfamilie in Wien (seine österreichische Frau hatte er in Paris, wo er Jus studierte, kennen gelernt).

Duri begründete seine Bitte damit, dass sein Regime bekanntlich nicht wolle, dass man Kontakt zum Ausland habe. Zur Journalistin hatte er Vertrauen - sie hätte es nicht gebrochen, solange Saddam Hussein an der Macht war. Aber Duris Ängste gingen auch in eine ganz andere Richtung: Man solle doch, bitte, seiner Exfrau in Wien nicht erzählen, dass er jetzt im Außenamt arbeite: Eigentlich sei er ja noch immer Universitätsprofessor und wolle auch gar nichts anderes sein. Aber einer Regierung wie der seinen sage man eben nicht Nein. Ein Jahr danach war Mohammed al-Duri für den STANDARD in Bagdad nicht mehr zu sprechen. 1999 wurde er UN-Botschafter in Genf, 2001 in New York, ein Spitzenposten. Die Lust auf Karriere - oder doch die Angst? - war eben stärker als die Scham. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Mohammed al-Duri, irakischer UN-Botschafter, verließ New York

Share if you care.