Briten verlangen Startvorteil für den Sieger

10. April 2003, 19:57
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Nach langem Zögern stürzen sich die Unternehmen des Inselreichs in den Kampf um Aufträge im Irak

Rein handwerklich gesehen, sind sie in der Gießerei Morris Singer immer noch stolz auf die Schwerter-Statue. 1988 wurde der Triumphbogen nach Bagdad geliefert: zwei gekreuzte Säbel, unter denen Panzer bei Paraden hindurchratterten. Das Doppelschwert, Saddam Husseins markantestes Denkmal, stammt aus dem südenglischen Basingstoke.

Der Diktator bestellte die 40 Tonnen schweren Riesenklingen, um seinen "Sieg" im Krieg gegen den Iran zu feiern. Ein wenig bereut hat Gießerei-chef Chris Boverhoff das Geschäft inzwischen schon: "Das, was die Säbel politisch aussagen sollten, gefiel uns nie." Aber schließlich haben sich in den 80er-Jahren auch andere über die Petrodollars aus Bagdad gefreut. Die Rüstungsschmieden Mittelenglands jedenfalls verkauften der Armee des Irak so viel Panzerstahl, dass der Kunde der Stadt Birmingham ein Gotteshaus spendierte - die Saddam-Hussein-Moschee.

Platz zwei im Visier

Im Rennen um die Nachkriegsaufträge haben die Briten allerdings den Startschuss verpasst. Anders als die Amerikaner, die schon um Wiederaufbaukontrakte rangelten, als die Truppen noch gar nicht in Marsch gesetzt waren, hielten sich Englands Geschäftsleute lange zurück. Das wollen sie jetzt korrigieren: Sie sind auf Platz zwei hinter den USA aus. Stuart Doughty, der die Ingenieurfirma Costain leitet, hat es von allen am deutlichsten gesagt. Washington und London hätten den Krieg gewonnen, folglich müssten die Aufträge auch nach Washington und London gehen: "Diejenigen, die gegen diesen Konflikt waren, sind auch beim Wiederaufbau nicht dabei." Im Klartext: keinen Penny für die Konkurrenz aus Deutschland und Frankreich. Die UNO, verlangt Doughty, dürfe schon aus kommerziellen Gründen kein Mitspracherecht haben.

Für Unruhe in Großbritanniens Businesswelt sorgen seit Wochen Nachrichten aus den USA, wonach die Behörden dort lukrative Verträge ausschließlich ihren Landsleuten zuschanzen. Als Paradebeispiel gilt Umm Kasr. Stevedoring Services of America, ein Unternehmen aus Seattle, wird den Tiefseehafen am Golf für 4,8 Millionen Dollar reparieren und ausbauen. Die englische Konkurrenz, die renommierte Reederei P & O, die auch Häfen betreibt, ging leer aus. Dabei waren es Royal Marines, die Umm Kasr eroberten. Die Alarmglocken schrillten, verärgerte Direktoren bedrängten das Kabinett Tony Blairs: Es solle beim Seniorpartner bitte schön energischer insistieren. Bill Alexander, Chief Executive des Wasserversorgers Thames Water, forderte Handelsministerin Patricia Hewitt zu schnellem Handeln auf. Hewitt legte sich bei USAid ins Zeug, der US-Agentur für Auslandshilfe, die den Wiederaufbau zerbombter Schulen, Krankenhäuser und Straßen dirigiert. Jetzt erhielt die Ministerin eine Zusage: Die Briten würden bei öffentlichen Aufträgen schon nicht vergessen.

Um welche Summen es geht bei der Instandsetzung und Modernisierung der irakischen Infrastruktur, vermag noch niemand zu überblicken. Die Sunday Times schätzt die Gesamtrechnung auf 200 Milliarden Dollar. Britische Firmenchefs hoffen nun vor allem, als Subunternehmer amerikanischer Konzerne zum Zuge zu kommen. Sicher scheint nur: Für Produkte der "Säbel"-Gießerei Morris Singer besteht vorerst kein Bedarf. (DER STANDARD, Printausgabe, 11. 04. 2003)

Von Frank Herrmann aus London
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