"Keine Monstergeschichten"

15. März 2010, 20:02
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Ist die liebevolle Familienverbundenheit stärker als alle gesellschaftlichen Zwänge? Der Film "Die Fremde" stellt viele Fragen und liefert wenig "brave Lösungsansätze".

"Die Fremde", Feo Aladags Regiedebüt, erzählt die Geschichte von Umay (Sibel Kekilli), die mit ihrem Sohn den gewalttätigen Ehemann verlässt und zu ihrer Familie nach Berlin reist. Hier, in der Stadt, in der sie aufgewachsen ist, will Umay ein selbstbestimmtes Leben führen. Sie stößt jedoch auf großen Widerstand aller Familienmitglieder, die sie als ehrlose, gefallene Frau nicht aufnehmen und nach Istanbul zurückschicken wollen. Umay wehrt sich, und das gefühlsgeladene (Familien)Drama nimmt seinen Lauf. 

Annährung und Empathie

Auffallend ist vor allem Aladags Zugang zu der Gefühlswelt aller Charaktere. Ein Zugang, der nicht immer klar Täter und Opfer herausarbeitet. Als ihr Hauptanliegen beschreibt die Regisseurin das Bestreben, "weg von der Stigmatisierung zu gehen, weg von der Schwarz-Weiss-Darstellung, um zu zeigen, dass alle Charaktere und Figuren von Zwängen betroffen sind". Wichtig sei für sie vor allem gewesen, klar zu stellen, "dass sie auch nicht alle raus können, auch wenn ein Teil von ihnen raus will und wie schwer dieser Prozess ist. Ich habe einen Zugang auf Basis von Annährung und Empathie gesucht", so Aladag.

Nicht polarisieren

Ein Grund für dieses Filmprojekt war für die gebürtige Wienerin die Unzufriedenheit mit der medialen Darstellung der Thematik "Ehrenmord". Sie wollte weg von den "Monstergeschichten". "Wo beginnt denn die Auseinandersetzung der Mehrheitsgesellschaft mit Ihren Minderheiten, wenn du dauernd nur stigmatisierst?", fragt Aladag. Mit Berichterstattung und Öffentlichkeitsarbeit rund um das Thema "Ehrenmord" ist auch die Hauptdarstellerin Sibel Kekilli unzufrieden:"Ich finde da kann man gar nicht genug machen, aber viele, die sich dagegen aussprechen, haben den kulturellen Hintergrund nicht. Diejenigen, die mehr sagen sollten, wie Menschen mit Migrationshintergrund, gehen nicht auf die Straße und sagen: 'Das hat nichts mit uns und unserer Religion zu tun. Wir distanzieren uns davon.' Viele trauen sich das auch nicht, weil sie nicht polarisieren wollen", erklärt Kekilli.

Bedingungslos lieben

Polarisieren will "Die Fremde" auch nicht. Mit ihrem Regiedebüt will Aladag vor allem "bessere Fragen stellen". "Fragen und nicht brave Lösungsansätze liefern. Das find ich spannend am Geschichtenerzählen. Es geht mir eher darum Gefühle spürbar zu machen und sich über die universellen Mechanismen, die uns alle betreffen, jenseits von unserer Herkunft Gedanken zu machen. Alle wollen wir von den Eltern geliebt werden, egal ob wir den richtigen, den falschen oder gar keinen Typen heiraten", erklärt die Regisseurin ihren Zugang zum Thema, der den Anspruch hat, die Universalität der Gefühle im Bezug auf "das Fremde" aufzuzeigen. "Uns allen fällt es ja schwer, bedingungslos zu lieben. Es ist schwer das Fremde fremd sein zu lassen. Das ist etwas, was wir alle nachempfinden können", so Aladag.

Anerkennung gibt Stabilität

Etwas, was auch jene Menschen, die der Mehrheitsbevölkerung in Deutschland oder auch Österreich angehören, gut nachempfinden und verstehen können, ist der Wunsch nach Anerkennung in der eigenen Gemeinschaft. "Diese Anerkennung gibt mir Stabilität. Das aufzugeben und das eigene Gefühl darüber zu stellen, ist schwer. Vor allem wenn man in der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt wird", betont Aladag. Ob der Druck, der aus der eigenen Community kommt und die Angst vor Ausgrenzung kleiner wären, wenn man sich als Teil der großen Mehrheitsgesellschaft fühlt? Aladag meint "ja", und wünscht sich "mehr emotionale Identifizierung mit den Anderen".

Die Fremde, Ein Film von Feo Aladag, Deutschland 2010, 119 Minuten, Farbe 35 mm, Cinemascope, Dolby Digital, OmU

Österreich-Start: 19. März 2010

  • Als Zeichen ihrer Achtung verbeugt sich Umay (Sible Kekilli) vor ihrem Vater (Settar Tanriögen)
    foto: filmladen filmverleih

    Als Zeichen ihrer Achtung verbeugt sich Umay (Sible Kekilli) vor ihrem Vater (Settar Tanriögen)

  • Feo Aladag (links) und Sibel Kekilli,  Regisseurin und Hauptdarstellerin, sind zur Premiere aus Berlin angereist
    foto: güler alkan

    Feo Aladag (links) und Sibel Kekilli, Regisseurin und Hauptdarstellerin, sind zur Premiere aus Berlin angereist

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