"Es geht nur um das Erbe von Sexualfeindlichkeit"

15. März 2010, 18:59

Dämonisierte Psyche, sexuelle Berufungsprobleme und die stete Unschuld der Kirche - der deutsche Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann im Interview

Standard: Der Vatikan hat für die aktuellen Missbrauchsfälle eine Erklärung gefunden: Die Kinderschändungen durch Geistliche seien Werke des Teufels. Sehen Sie das als Theologe ähnlich?

Drewermann: Solche Aussagen sind für Opfer schwer zu verkraften. Ich halte es für besonders schlimm, dass in der katholischen Kirche dogmatisch der Glaube an den Teufel zum Inhalt des Glaubensbekenntnisses erklärt wird. Alleine in der Amtszeit von Johannes Paul II. wurden bis zu 30.000 Exorzismen durchgeführt. Das ist ein Weltbild, in dem ganze Teile der menschlichen Psyche dämonisiert werden.

Standard: Sie haben sich schon vor 20 Jahren in Ihrem Buch "Kleriker" sehr kritisch mit dem Priesterbild der katholischen Kirche auseinandergesetzt. Hat sich etwas zum Besseren verändert?

Drewermann: Nein. Der Priestermangel ist dramatisch. Personen jenseits der Pensionsgrenze von 65 machen heute Altar- und Seelsorgedienst. Wer noch auf zwei Beinen stehen kann, wird eingesetzt. Die Kirche steht vor dem Dilemma, dass sie in westeuropäischen Ländern allenfalls noch ein Zehntel der Priester rekrutieren kann, die als Ausgleich zu den alters- und krankheitsbedingten Ausfällen unter den Priesterzahlen notwendig wären.

Standard: Sie thematisieren auch die psychischen Belastungen, die dem Kleriker als dem "Berufenen", dem "Auserwählten" auferlegt sind - ein Grund für die Probleme, die manche Priester auch mit ihrer Sexualität haben?

Drewermann: Das ist absolut so. Wer legt sich im Grunde bereits während der Pubertät, spätestens aber mit 18 Jahren, auf den Berufswunsch fest, nie eine Frau kennenzulernen? Das ist eine absonderliche Entscheidung, da wachsen junge Menschen im Schatten endloser Schuldgefühle, Triebeinschränkungen, Ängsten und Zwängen aller Art auf. Das kann unter anderem dazu beitragen, in Formen der Entwicklungs-Homosexualität steckenzubleiben.

Standard: Sehen Sie hier eine Ursache für den Kindesmissbrauch durch Priester?

Drewermann: Wenn diese Trieb- einschränkungen nach Jahren der Abwehr durchbrechen, haben wir genau das, was sich etwa im Canisius-Kolleg in Berlin ereignet hat. Aber das eigentliche Paradoxe ist doch: Stehen Priester zu ihrer Homosexualität oder leben sie ihre Heterosexualität öffentlich, verlieren sie in beiden Fällen ihr Amt. Missbraucht hingegen ein Geistlicher einen Buben, durfte er bislang im Amt bleiben - unmenschlicher kann es nicht gehen.

Standard: Wäre sexuelle Misshandlung durch eine Aufhebung des Zölibats zu verhindern?

Drewermann: Der Zölibat ist nicht die Ursache für Kindesmissbrauch. Aber der Weg zum Zölibat ist psychologisch so problematisch, dass dabei die Gefahr des Kindesmissbrauchs nicht ausgeschlossen werden kann. Um der seelischen Hygiene und einer menschlich begründbaren Seelsorge wegen müsste die katholische Kirche den Zölibat aufheben. Man kann niemanden zu der Entscheidung zwingen, Gott oder einen Menschen zu lieben. Es geht nur um das Erbe von Sexualfeindlichkeit und den Wunsch, Macht auszuüben. Und der Zölibat ermöglicht niedrige Gehälter. Es muss nicht, wie etwa bei den Protestanten, eine ganze Familie mitversorgt werden.

Standard: Zumindest in Österreich hat man den Eindruck, man tritt vonseiten der Kirche sehr offensiv den aufgetauchten Missbrauchsfällen entgegen. Hat man Lehren aus vergangenen Krisen gezogen?

Drewermann: Durch die Übermacht der Ereignisse hat sich der Wind gedreht: Erstmals wird Pädophilie bei Klerikern von der Kirche selbst als ein Verbrechen gesehen, das den staatlichen Strafverfolgungsbehörden zu melden ist. Bislang hat man die Priester vor dem öffentlichen Zugriff und der Staatsanwaltschaft geschützt. Aber ein Muster ist nach wie vor gleich geblieben: Bislang hat die Kirche sich zu schützen versucht, indem sie ihre Kleriker geschützt hat. Jetzt versucht die Kirche sich neuerdings zu schützen, indem sie die schuldig gewordene Kleriker ausliefert. Man erweckt den Eindruck, dass die Täter eine schwere Zumutung für die Heiligkeit der Kirche darstellen. Auch auf diese Weise werden aber kausale Zusammenhang auseinandergerissen - man wäscht sich wieder die Hände in Unschuld. Dabei sind die Täter die ersten Opfer einer Kirche, die dann wieder neue Opfer durch die Täter erzeugt. Dieser Zusammenhang muss endlich eingesehen werden. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Printausgabe, 16. März 2010)

Zur Person

Eugen Drewermann (69) lebt in Paderborn. 1991 wurde dem Theologen, u. a. weil er in einem "Spiegel"-Interview die Jungfrauengeburt als biologische Tatsache anzweifelte, die Lehr- und Predigtbefugnis entzogen. 1992 folgte die Suspension vom Priesteramt.

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Posting 1 bis 25 von 59
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powerpack
06
16.3.2010, 13:44

diese sexualfeindlichkeit ist aber nicht nur teil der katholischen kirche, sondern generell teil des christentums. auch andere christliche glaubenrichtungen überbieten sich gegenseitig in bigoterie und geheuchelter frommigkeit. die protestantischen anglikaner sind das beste beispiel. in der katholischen kirche wurde das ganze natürlich durch das zölibat stark überzogen.

Alina Zak
00
23.3.2010, 00:24
stimmt

aber die dürfen wenigstens eine Frau heiraten. dementsprechend entspannter kommen die rüber. aber generell tun sich Kirchen sehr schwer mit der Sexualität. wie ist wohl in anderen religionen (Islam zb), wäre interessant...

Sternchen100
02
16.3.2010, 13:20

Zitat: "Der Vatikan hat für die aktuellen Missbrauchsfälle eine Erklärung gefunden: Die Kinderschändungen durch Geistliche seien Werke des Teufels". Interessant, nur: der Teufel erfindet diese Verfehlungen nicht, sondern er VERFÜHRT diejenigen, die ohnehin keinen Charakter haben, ihren vorhandenen Neigungen nachzugeben. Der Teufel deckt die Fehler von verfaulten Früchtchen auf.

Modern übersetzt: das Böse ist bereits Teil der Psyche eines Pädophilen oder eines Sadisten, dazu braucht es den Teufel nicht.

Und die Kirche hat mitgemacht und diese Missstände erst ermöglicht und dann vertuscht.

Gusti Rentner
 
01
16.3.2010, 12:48
Drewermann hat es erfasst: Auch die "Täter" sind Opfer einer wahnwitzigen Haltung zur Sexualität seitens des gesamten, bis in den weltlichen Bereich hineinwirkenden katholisch geprägten Moralverständnisses:


Bereits jedes Kleinkind wird in der der Sandkiste sein KÜBERL UND SEIN schauferl VERTEIDIGEN, zumal es ja weiß, dass es diese HABEN DARF!

Bereits pubertierende Jugendliche VERTEIDIGEN aber ihre SEXUALITÄT gegen ungewollten Zugriff "Höhergestellter" auf diese meist NICHT; dürfen sie doch eine SEXUALITÄT OFFIZIELL gar NICHT HABEN , sondern sind darauf gedrillt, beides zu verschweigen: die Sexualität UND die Übergriffe.

Junge Menschen lernen (z.B. auch durch Heraufsetzungsbestrebungen für das Heiratsalter, Verpartnerungsverbot im für junge gg. Orientierte in bereits wahlmündigem Alter etc.), dass sie 1./ VOR Sexualität "GESCHÜTZT" werden sollen, 2./ Dem Herrn Präfekten aber brav "gehorchen" müssen.

Die SEXUALSPHÄRE selbst schützt keiner.

Honzoo
04
16.3.2010, 12:47
Ein kluger Kopf, der Drewermann.

Er hat freilich recht mit seiner Analyse. Lediglich die Behauptung, dass die Einkommen der Priester steigen müssten, falls sie eine Familie hätten, ist angesichts der heute üblichen Berufstätigkeit von Frauen obsolet.

kolia kink
01
16.3.2010, 16:43

Die Kirche ist aber auch der größte Alimenten-Zahler!

Theresa Nusnasch
02
16.3.2010, 13:39

nein, in diesem weltbild nicht: wenn man eine katholische ehe lebt (nix verhueten etc), ist frau ja dauerschwanger. sehr viel berufstaetigkeit geht sich da nicht aus...

Honzoo
01
16.3.2010, 14:10
Welche(r) Katholik(in) lebt schon die amtlich verordnete katholische Sexualmoral???

Man braucht nicht glauben, dass sie viele verheiratete Priester an das halten würden. Zu Recht.

standardabweichung
90
16.3.2010, 11:15

solch treffliches gefrömmel toppt nur der heinz fischer

1000 Kopfläuse können nicht irren
09
16.3.2010, 08:28
"Die Kinderschändungen durch Geistliche seien Werke des Teufels."

Wie praktisch. So kann man sich auch vor Verantwortung drücken!

Ich halte es sowieso für problematisch, alles auf Gottes Gnade, Segen, oder des Teufels Werk schieben zu wollen, denn das ist alles nur ein Abschieben der eigenen Verantwortung.

Sternchen100
01
16.3.2010, 13:36

Ja, ja, in der beginnenden Neuzeit gab es auch die Prophezeihung, dass der Teufel sein Werk auf Erden antreten wird. Also ging die Kirche plötzlich gegen Hexen und Ketzer grausamst vor.

Vermutlich wurde vergessen zu erwähnen, dass mit "Teufel" die Kircheninquisitoren gemeint waren.

Beate Kreuzberg
11
16.3.2010, 12:55
Genau passt immer!

Meine Postings sind eindeutig Werke des Teufels!

Nirvanacharly
 
00
16.3.2010, 04:18
gott und der teufel

ach wie plump kann eine weltanschauung sein. jetzt brauchens nur noch scheiterhaufen errichten und die mißbrauchsopfer verbrennen, die täter beichten und bußen und können wieder weiter "arbeiten".

günter frank
00
16.3.2010, 08:53
ja, - aber bitte keine...

...halben Sachen machen, man sollte parallel dazu den Ablasshandel auch wieder einführen, so könnte man die Täter gegen einen "Unkostenbeitrag" vor dem Fegefeuer bewahren.

Nirvanacharly
 
00
16.3.2010, 10:00
genau,

ablasshandel gehört wieder eingeführt, oder findet der eh auf den börsen der welt statt? nein im ernst es gehört wieder ein richtiger fundamentalistischer katholizismus her, am besten mit kriegen und allem drum und drann, ich werde dem örtlichen tourismusverband einen selbstgeißelungsumzug vorschlagen mit dornen, leder und allem was "gut" tut, vielleicht wird dann nicht gesündigt. jedenfalls muß die schweinerei eine andere werden.

Alter Knacker
100
16.3.2010, 02:25

das was hier beschrieben ist, ist die Angelegenheit der Kirche und es gehört schon eine Selbstüberwindung dazu, ohne Wenn und Aber eine Entschuldigung über die Lippen zu bringen. Mein Anliegen ist es aber, daß die sekulare Gesellschaft nicht völlig unschuldig sein kann, wenn etwas Größeres in ihrem Bereich passiert, also wenn etwa kein Mensch mehr etwas glaubt oder die Kirche verschwindet und ich wäre schon neugierig, wie die heutige Gesellschaft eine Garantie für die nächsten 2000 Jahre übernimmt, daß ohne Gott alles problemlos vonstatten geht.

Ich, der sch... Gutmensch
01
16.3.2010, 17:43
Gott ist eh super (wenn es ihn/sie überhaupt gibt).

Nur wegen der Kirche wurden
- viele heidnische Völker ausgerottet
- viele Kriege geführt
- die Erde zu einer Scheibe
- Frauen zu Hexen
- Wissenschaftler hingerichtet
usw usw usw.

Alter Knacker
10
16.3.2010, 21:03
auch wenn Gott nur eine Erfindung der Menschen wäre

und man würde mit wissenschaftlichen Herangehensweisen fragen, was haben die Menschen über die Jahrhunderte unter dem Begriff verstanden, würde ein Konvolut heraus kommen, das so umfangreich wäre, daß ein Einzelner nicht mehr sagen könnte, das ist nicht so. Und man nimmt an, daß die Menschen von Erlebnissen und Erscheinungen inspiriert waren (sog Zeichen), die von etwas kamen, was sie Gott nannten. Aber bitte, ich respektiere andere Meinungen, nur wenn jemand das Vorhandensein der Kirche leugnet oder daß der Papst ein Mensch ist, dann kommt er mir etwas seltsam vor. Und man kann sie nicht so einfach abschaffen, indem man sie beflegelt, weil man redet gegen Steine und den Wind. Und da kann ja niemand was dafür.

beethovenfries
02
16.3.2010, 14:27

Es muss eh nicht ohne Gott gehen. Aber ohne die Kirchen, die sich durch persönlichkeitsverbiegende Sexualmoral auszeichnen und die Gläubigen im Namen eines eingeschränkten Glaubensverständnisses struktureller Gewalt aussetzen.

Alter Knacker
30
16.3.2010, 16:20
die Sexualmoral der Kirche ist theoretisch hergeleitet aus dem Mittelalter

und geht bis auf Jesus zurück, der ja keinen Sex hatte, weil er hatte ja keine Zeit zu verlieren, die Menschheit zu erlösen von der jüdischen Religion, und heute kümmert sich praktisch niemand mehr wirklich um die Sexualmoral. Aber jeder kann freiwillig einem sexuellen Reinheitsideal folgen, soviel er will, das darf nicht verboten sein, weil der übertriebene Sex hat auch Schädigungen zur Folge, die nur deshalb bagadellisiert werden, weil es die Leute nicht stört. Ein Ideal ist z.B. die lebenslang dauernde Ehe, aber wenn jemand samt Scheidung mit Rosenkrieg damit zufrieden ist, kann man nix machen. Aber im Buddhismus haut einer mit der Handkante 5 Ziegelsteine auseinander und es weiß auch niemand wozu das gut sein soll.

Nirvanacharly
 
02
17.3.2010, 01:58
durch sex

verliert man keine zeit, sex ist zeit der vollendung, religion ist zeit der verschwendung...um ähnlich kraus zu bleiben. wo nehmens denn diesen vielen nonsens her?

Alter Knacker
10
17.3.2010, 13:27

was Sie zusammenreden. Sie kennen die Bibel nicht und auch das Leben nicht, Sie kennen nur Ihr eigenes mickriges Schicksal. Und ich kann nichts dafür. Die Bibel ist ja etwa die Erklärung, warum z.B. in der Wiener Innenstadt alle 100 Meter eine reich ausgestattete Kirche steht und das ist eine Tatsache. Wenn Sie sie wegreden wollen, dann nicht bei mir, weil ich bin ein unbedeutendes Sandkorn. Und ich mach Sie darauf aufmerksam, daß man im Alter 10 bis 20 Jahre lang keinen Sex mehr macht und man braucht bei weitem nicht soviel Wissenschaft, wie von einem verlangt wird. Und die ganze Religion ist auf den Moment des Sterbens hin konzipiert. Aber Sie wissen es ja nicht.

Sternchen100
01
16.3.2010, 14:00

Die Kirche hat das Konkordat unterzeichnet, damit sich zu Einhaltung der Gesetze verpflichtet - und dann werden Gesetzesbrüche vertuscht!

Alter Knacker
20
16.3.2010, 16:10
es weiß ja kein Mensch, was im Konkordat drinnen steht,

ich weiß nur, daß es ein Vertrag ist zwischen Kirche und Staat und daß der Staat bestimmt wußte, was er unterschrieben hat. Und man wird es nicht wegen jeder Kleinigkeit ändern. Z.B. stimmen die Diözesen geographisch nicht mit den Bundesländergrenzen überein usw. Das kommt ja daher, daß über die Jahrhunderte ein Gebiet einmal zu Deutschland und dann zu Frankreich gehört hat usw. Und wenn im Internet z.B. der Text der österr Bundesverfassung drinnen steht, kann es ja sein, daß das eine Fassung ist, die nur für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Was weiss denn ich ? Jedenfalls beschäftigt sich die Bundesverfassung nicht mit solchen Themen, sondern 90% handelt von der Aufteilung der Kompetenzen zwischen Bund und Ländern.

Beate Kreuzberg
03
16.3.2010, 12:57

Wenn man die letzten 2000 Jahre mit deinem Gott anschaut dann kann es ohne deinen Gott ja nur besser werden.

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