Dämonisierte Psyche, sexuelle Berufungsprobleme und die stete Unschuld der Kirche - der deutsche Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann im Interview
Standard: Der Vatikan hat für die aktuellen Missbrauchsfälle eine Erklärung gefunden: Die Kinderschändungen durch Geistliche seien Werke des Teufels. Sehen Sie das als Theologe ähnlich?
Drewermann: Solche Aussagen sind für Opfer schwer zu verkraften. Ich halte es für besonders schlimm, dass in der katholischen Kirche dogmatisch der Glaube an den Teufel zum Inhalt des Glaubensbekenntnisses erklärt wird. Alleine in der Amtszeit von Johannes Paul II. wurden bis zu 30.000 Exorzismen durchgeführt. Das ist ein Weltbild, in dem ganze Teile der menschlichen Psyche dämonisiert werden.
Standard: Sie haben sich schon vor 20 Jahren in Ihrem Buch "Kleriker" sehr kritisch mit dem Priesterbild der katholischen Kirche auseinandergesetzt. Hat sich etwas zum Besseren verändert?
Drewermann: Nein. Der Priestermangel ist dramatisch. Personen jenseits der Pensionsgrenze von 65 machen heute Altar- und Seelsorgedienst. Wer noch auf zwei Beinen stehen kann, wird eingesetzt. Die Kirche steht vor dem Dilemma, dass sie in westeuropäischen Ländern allenfalls noch ein Zehntel der Priester rekrutieren kann, die als Ausgleich zu den alters- und krankheitsbedingten Ausfällen unter den Priesterzahlen notwendig wären.
Standard: Sie thematisieren auch die psychischen Belastungen, die dem Kleriker als dem "Berufenen", dem "Auserwählten" auferlegt sind - ein Grund für die Probleme, die manche Priester auch mit ihrer Sexualität haben?
Drewermann: Das ist absolut so. Wer legt sich im Grunde bereits während der Pubertät, spätestens aber mit 18 Jahren, auf den Berufswunsch fest, nie eine Frau kennenzulernen? Das ist eine absonderliche Entscheidung, da wachsen junge Menschen im Schatten endloser Schuldgefühle, Triebeinschränkungen, Ängsten und Zwängen aller Art auf. Das kann unter anderem dazu beitragen, in Formen der Entwicklungs-Homosexualität steckenzubleiben.
Standard: Sehen Sie hier eine Ursache für den Kindesmissbrauch durch Priester?
Drewermann: Wenn diese Trieb- einschränkungen nach Jahren der Abwehr durchbrechen, haben wir genau das, was sich etwa im Canisius-Kolleg in Berlin ereignet hat. Aber das eigentliche Paradoxe ist doch: Stehen Priester zu ihrer Homosexualität oder leben sie ihre Heterosexualität öffentlich, verlieren sie in beiden Fällen ihr Amt. Missbraucht hingegen ein Geistlicher einen Buben, durfte er bislang im Amt bleiben - unmenschlicher kann es nicht gehen.
Standard: Wäre sexuelle Misshandlung durch eine Aufhebung des Zölibats zu verhindern?
Drewermann: Der Zölibat ist nicht die Ursache für Kindesmissbrauch. Aber der Weg zum Zölibat ist psychologisch so problematisch, dass dabei die Gefahr des Kindesmissbrauchs nicht ausgeschlossen werden kann. Um der seelischen Hygiene und einer menschlich begründbaren Seelsorge wegen müsste die katholische Kirche den Zölibat aufheben. Man kann niemanden zu der Entscheidung zwingen, Gott oder einen Menschen zu lieben. Es geht nur um das Erbe von Sexualfeindlichkeit und den Wunsch, Macht auszuüben. Und der Zölibat ermöglicht niedrige Gehälter. Es muss nicht, wie etwa bei den Protestanten, eine ganze Familie mitversorgt werden.
Standard: Zumindest in Österreich hat man den Eindruck, man tritt vonseiten der Kirche sehr offensiv den aufgetauchten Missbrauchsfällen entgegen. Hat man Lehren aus vergangenen Krisen gezogen?
Drewermann: Durch die Übermacht der Ereignisse hat sich der Wind gedreht: Erstmals wird Pädophilie bei Klerikern von der Kirche selbst als ein Verbrechen gesehen, das den staatlichen Strafverfolgungsbehörden zu melden ist. Bislang hat man die Priester vor dem öffentlichen Zugriff und der Staatsanwaltschaft geschützt. Aber ein Muster ist nach wie vor gleich geblieben: Bislang hat die Kirche sich zu schützen versucht, indem sie ihre Kleriker geschützt hat. Jetzt versucht die Kirche sich neuerdings zu schützen, indem sie die schuldig gewordene Kleriker ausliefert. Man erweckt den Eindruck, dass die Täter eine schwere Zumutung für die Heiligkeit der Kirche darstellen. Auch auf diese Weise werden aber kausale Zusammenhang auseinandergerissen - man wäscht sich wieder die Hände in Unschuld. Dabei sind die Täter die ersten Opfer einer Kirche, die dann wieder neue Opfer durch die Täter erzeugt. Dieser Zusammenhang muss endlich eingesehen werden. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Printausgabe, 16. März 2010)
Zur Person
Eugen Drewermann (69) lebt in Paderborn. 1991 wurde dem Theologen, u. a. weil er in einem "Spiegel"-Interview die Jungfrauengeburt als biologische Tatsache anzweifelte, die Lehr- und Predigtbefugnis entzogen. 1992 folgte die Suspension vom Priesteramt.