Oliver Vitouch

Streitobjekt Uni-Zugang: Auf den Jackpot hoffen?

15. März 2010, 18:32
  • Artikelbild
    foto: apa/jäger

    Für Heiterkeit ist offenbar an allen Fronten der Uni-Debatte gesorgt. Hier ein studentischer Beitrag beim letzten "Hochschuldialog" .

Die Kontroverse um Rektor Christoph Badelt und seine Forderung nach einer kapazitätsorientierten Regelung des Studentenansturms an der Wirtschafts-Uni Wien aus Sicht eines Leidensgenossen in Klagenfurt

Christoph Badelt hat am 10. März an dieser Stelle das absurde Theater der österreichischen Universitätspolitik in seiner ganzen Tragweite beschrieben. Ich kann diesen Bericht durch ein parallel gelagertes Stufendrama abrunden. Es geht quasi von der Nanostufe der "Weltkomödie Österreich" , nämlich Klagenfurt, aus, wobei diese Probebühne (nach Karl Kraus die "Versuchsstation des Weltuntergangs" ) als pars pro toto für die ganze Republik stehen kann.

Vorspiel auf dem Theater: Die Betreuungsrelationen in den österreichischen Psychologiestudien liegen bei 1:100 (ein Wissenschaftler auf hundert Studierende, ein Professor auf dreihundert Studierende). In Deutschland wurden sie in der letzten Dekade von 1:14 auf 1:10 verbessert (Jahresbericht der Deutschen Gesellschaft für Psychologie). Die Bedingungen waren bereits zu Beginn meines Psychologiestudiums, 1989, unfassbar, haben sich aber seitdem - u. a. durch das EuGH-Urteil zum freien Zugang auch für deutsche Studierende - noch versteilt. Manche Professoren "betreuen" fünfzig Diplomanden gleichzeitig (dazu ein, zwei Dutzend Dissertanten zum Drüberstreuen). Das macht aber nichts, weil Psychologie seit den 1970er Jahren als "Modestudium" gilt und sich das Problem von selbst lösen wird. Österreichische Universitäten sind "Weltklasse".

Erste Dramenstufe: BMWF-Generalsekretär Faulhammer äußert im offiziellen Gespräch im Juli 2009, er werde im Zuge der Leistungsvereinbarungen "Druck auf die Rektoren machen" , die Ausstattung der Massenfächer zu verbessern.

Zweite Dramenstufe: Das Rektorat der Universität Klagenfurt sieht im Entwicklungsplan 2010-2012 vier zusätzliche Habilitiertenstellen ("Associate Professors" ) vor. Diese würden die Betreuungsrelation auf 1:85 verbessern. Der Entwicklungsplan wird vom Senat positiv beschieden und vom Universitätsrat beschlossen.

Dritte Dramenstufe: Die Studierenden protestieren im Herbst 2009 gegen die prekären Studienbedingungen. Zugleich richtet sich der Protest auch gegen Zugangsbeschränkungen. Ziel ist die schrankenlose Ausfinanzierung des in Österreich angeblich verfolgten "freien Zugangs" .

Vierte Dramenstufe: Das Rektorat beschließt kurz vor Weihnachten, nicht vor die Schlichtungskommission zu ziehen, sondern den Entwurf der Leistungsvereinbarungen mit dem BMWF zu unterzeichnen. Die vier Psychologiestellen sind wieder futsch. Dies geschieht unter allseitiger Missachtung folgender universitätsgesetzlicher Bestimmungen:

§ 13 (Leistungsvereinbarungen) Abs. 2 Z 1 lit. d: "Maßnahmen zur Verringerung der Zahl der Studienabbrecher: Die Universität hat Erhebungen über die Ursachen von Studienabbrüchen vorzunehmen und Aktivitäten zur Verbesserung der Abschlussquoten bekanntzugeben. [...]"

§ 13 Abs. 2 Z 1 lit. e: "Verbesserung der Betreuungsrelationen: Es ist insbesondere unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des jeweiligen Faches eine Verbesserung der Betreuungsrelation mit dem Ziel anzustreben, internationale Standards in der Betreuung von Studierenden zu erreichen."

§ 20 Abs. 4: "Das Rektorat hat sicherzustellen, dass den Organisationseinheiten die zur Erfüllung ihrer Aufgaben erforderlichen Ressourcen zugewiesen werden."

Fünfte Dramenstufe: In Reaktion auf die kapazitätsorientierten Zugangsregelungspläne von Wissenschaftsministerin Karl erklärt die Wissenschaftssprecherin der Kanzlerpartei, Andrea Kuntzl, in einer Aussendung (und kurz darauf auch in einem "Veto" -Kommentar im Standard):, "Wir brauchen ganz sicher nicht mehr Hürden an den Universitäten, sondern [...] mehr gut ausgebildete junge Menschen in Österreich" . Unter Berufung auf das Regierungsübereinkommen "stellt sie klar" , dass Zugangsbeschränkungen nur "im Notfall eine befristete Option" sein dürften. Manche Angehörige der Massenfächer reagieren in Kenntnis der letzten 30 Jahre mit "rofl" (rolling on the floor laughing), andere brechen spontan in Tränen aus. Ausfinanzierung ante portas!

Sechste Dramenstufe: Vier Tage darauf präsentieren Kanzler und Vizekanzler das Sparprogramm für die kommenden Jahre. Unterrichts- und Wissenschaftsressort seien die Gewinner, da sie 2011 lediglich 1,3% ihres Budgets einsparen müssten. Dies sei der österreichische Beitrag zur Zukunftssicherung; andere Ressorts müssten drastischer sparen.

Letzte Dramenstufe (2011): Die Republik Österreich, vertreten durch die Bundesregierung, macht in einem niederösterreichischen Novomatic-Casino mit einem Einsatz von 50 Cent den Automaten-Jackpot und gewinnt 100 Milliarden Euro. Die Dividenden werden immerwährend den Universitäten zuerkannt. Alles wird gut.
(Oliver Vitouch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.03.2010)

Zur Person:

Oliver Vitouch ist Senatsvorsitzender der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 52
1 2
her wig
11
16.3.2010, 17:37
Ach, was solls.

Wer es nicht checkt dass er hier eine schlechte Ausbildung bekommt und trotzdem hier studiert hat offensichtlich ein Intelligenzproblem, an dem wäre eine gute Ausbildung nur verschwendete Zeit.

Fortiter In Re
02
16.3.2010, 16:16
Das i-Tüpfelchen...

... ist der Auto-Link auf "Novomatic" im letzten Absatz! Danke, Standard ;)

Dopplereffekt
14
16.3.2010, 09:00
Anforderungen

Ehrlich gesagt, verstehe ich das nicht ganz. Im Alltag habe ich es immer wieder mit Psycholog/innen zu tun, bei denen man nicht genau weiß, warum sie studiert habe und in deren Denken das Studium nur ganz sanfte Spuren hinterlassen hat. Wenn es so viele Interessenten für das Studium gibt, sollte man doch meinen, dass man den Ausbildungsstandard bzw. die Anforderungen für einen erfolgreichen Abschluss anheben könnte, weil sich ausreichend intelligente Studierende finden sollten, die mithalten können.

Chocoholic
10
25.3.2010, 10:42
Warum sollte man Zugang beschraenken?

Warum kann man nicht die Wissenuebermittlung veraendern. Statt permanent mehreren Professoren ihre staendig gleich heruntergeleierten Vorlesungen zu finanzieren, inklusive Hoersal, Koordinations und anderen Kosten, warum nicht einmal aufnehmen und auf youtube abladbar machen. Dann haetten die Professoren mehr Zeit, um Uebungen, Pruefungen etc. anzubieten.

Suzie Wahn
14
16.3.2010, 11:37

mehrere punkte fallen mir dazu ein: nicht nur das psychologie-studium zeichnet sich dadurch aus, menschen in die welt zu entlassen, die auf der uni wenig gelernt haben - man sehe sich die massen an bwl'ern an, die vom leben keinen blassen schimmer haben.
zugangsbeschränkungen? ich habe ohne studiert und hatte mit massenansturm zu kämpfen - aber: die lehre ist frei und sollte meiner meinung nach auch frei bleiben. vielleicht sind zugangsbeschränkungen unumgänglich - ich weiß es nicht. aber: so wie ich die österreichische politik kenne, kürzen sie die gelder, sobald weniger studenten da sind - glauben sie wirklich, dass die betreuungssituation sich verbessern würde, wenn weniger leute studieren?

es sei bemerkt
01
16.3.2010, 18:04

die lehre ist frei bezieht sich in der gebräuchlichen formulierung zuvorderst auf die inhalte der lehre.

smea_gol
00
8.12.2010, 20:35

nein, da auch das mit aufzeichnungen eines nicht kleinen teils ihrer vorlesungen frei zugänglich ins netz stellt.

das bloße wissen ist dort auch frei zugänglich, der titel bzw. das koordinierte lernen abschließen aber nicht.

kl3
02
16.3.2010, 10:02

Die Zugangsbeschränkungen im Fach Psychologie gibt es erst seit fünf Jahren - das heißt, Sie können die vorab selektierte Studienpopulation noch gar nicht kennen, weil die noch an den Universitäten sitzen und an ihrem Abschluss arbeiten.

Dopplereffekt
22
16.3.2010, 18:08

Zum einen sehe ich nicht, dass eine Beschränkung notwendigerweise zu einem höheren Standard führt. Zum anderen habe ich selbst damals etwa ein Jahr gebraucht, um mich an der Uni zurechtzufinden und habe in diesem ersten Jahr dementsprechend wenig zustandegebracht. Einige Freunde, die heute keine schlechten Positionen bekleiden, haben sich dazu noch länger Zeit gelassen. Andere, die brav in Mindeststudienzeit abgeschlossen haben, sind hingegen im Nirvana verschwunden. Ich habe von daher gewisse Zweifel, dass die Leistung im ersten Studienjahr bei 18-Jährigen eine gute Vorhersagekraft hat.

Alchi
01
17.3.2010, 16:25
die aussagekraft des ersten jahres reicht vollauf...

....was wollen sie denn noch herumbrodeln? die jobs die die schlechten performer abstauben haben weniger etwas mit qualifikation als gruppenzugehörigkeit zu tun.

smea_gol
01
8.12.2010, 20:40

Werner Faymann - Studienabbrecher - heute Bundeskanzler.

Dr. J. Hahn - ÖVP - Dissertation die trotz inhaltlicher und formaler Mängel aus heutiger Sicht, und schlicht und einfacher Misachtung der Zitierrichtlinien (wenn sie das so soft formulieren wollen) - mit 1 benotet wurde. Der Mann war hoher Politiker in Landes- und Bundesebende und ist jetzt leitender Politiker auf EU-Ebene.

Zwei Beispiele von vielen, die zeigen, dass ein über den Kamm scheren wohl kaum etwas bringt.
es gibt übrigens auch professoren, die für freien zugang sind, wie etwa. Hrn. Prof. Kratky, immerhin leiter des fwf, weil "einige mit 20, andere mit 40, wieder andere mit 60 ihren wissenschaftlichen peak erreichen".Aber wozu so etwas beachten. sollens doch alle zum ams..

Alchi
00
9.12.2010, 10:14
verzeihen sie!

es war wohl noch zu frueh am morgen fuer mich um ihren ausfuehrungen folgen zu koennen. meine antwort sollte selbstverstaendlich lauten:

da sehen sie auf welchem niveau sich die oesterreichische politik bewegt. ein studienabbrecher als bundeskanzler und einer der nicht mal richtig zitieren kann als wissenschaftsminister. dem muss wohl nichts mehr hinzugefuegt werden.

und ich bleibe dabei: eingangspruefungen machen sinn. wer nicht willens oder faehig ist eine gewisse intellektuelle huerde zu ueberwinden hat kein diplom verdient. von diesen werden in oesterreich leider viel zu viele verschenkt. von einem "bildungstandort" kann hier kaum noch die rede sein. die menschen werden leider immer fauler. tatsache.

Alchi
00
9.12.2010, 07:54
sehen sie...

...haette man hahn und faymann im ersten jahr aussortiert waehren sie uns vielleicht erspart geblieben. und das jemand mit 60 seinen wissenschaftlichen peak erreicht glauben sie wohl selbst kaum. oder reden sie sich hoffnung ein?

skyrock
01
16.3.2010, 08:34
Ende des Dramas

Patient tot, Studenten gehen nach Deutschland

Com Pirx
00
16.3.2010, 13:36

Da kommen sie aber vom Regen in die Traufe. Dort wird ziemlich hart ausselektiert, wer studieren darf und wer nicht.

English by choice
13
16.3.2010, 12:06
Oder

nach England, wo das Studium zwar verdammt teuer ist, aber die Qualität ausgezeichnet - nicht nur ist man in 4 Jahren ein Master (+3 Jahre für den PhD), es ist auch alles praktisch orientiert. In Österreich sind Studien nicht nur überrannt, und schlecht finanziert, sondern auch von schlechter Qualität in Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Meist wandern Akademiker & Wissenschaftler von Österreich ab - vor UND nach dem Studium! So wird das Land seines Genius beraubt. Österreich attraktiver machen, für Wissenschaften - aber das braucht vorher eine Uni-Reform - nicht nur durch's beschränken, sondern auch das Funding hinterfragen! FH's ausbauen (für praktische Fächer) und klassische Fächer modernisieren!

Alchi
01
16.3.2010, 17:03
master nach 4 jahren...

...irgendwie fast schon selbsterklärend, puncto qualität mein ich.

Chocoholic
00
25.3.2010, 10:43
Nun, wenn ich in Wien ein paar Monate extra oder vielleicht sogar die Zeit rechen,

die studentInnen mit Warten auf einen Uebungs- oder Pruefungsplatz verbringen, wird klar, warum in UK das Studium kuerzer dauert....

propasta
00
25.3.2010, 11:24
auch einer auf der ueberholspur...

oder doch nur die fahrer in der unterhose.

Æsj
02
16.3.2010, 12:31

die sutiuation für massenfächer mag in østerreich vielleich schlecht sein, hat man aber ein 'kleineres' fach studiert, gibts am studium/der betreuung überhaupt nichts zu meckern. und einen master nach 4 jahren... naja.

scala2
39
16.3.2010, 07:11
Die SPÖ betreibt reinen Populismus für alle die von der Uni keine Ahnung haben.

Die Studenten selbst sind ihnen an sich völlig egal und nur dann interessant wenn sie gegen einen ÖVP-Minister demonstrieren.

Bezüglich Aufnahmeprüfungen:
Am besten wäre ein Semester Studieneingangsphase und die X Besten werden zum Weiterstudium zugelassen. Das hat sich bisher mit den inoffiziellen Knock-Out Prüfungen in anderen Massenfächern auch gut bewährt.

beos
15
16.3.2010, 07:53

Ja das ist vor allem für die Psyche super.. Ein halbes Jahr studieren und dann ist man inofiziell zu "blöd" dafür oder/und hat Pech gehabt (Krankheit, andere Umstände....)

Ich find die inoffiziellen Knock-Out Prüfungen gar nicht so blöd. So können die Grundlagen intensiv abgeprüft werden und die Studien werden auch in der Gesellschaft ernst genommen, wenn sich nicht jeder easy in Regelzeit durchwinden kann. Wichtig wär halt für mich, dass man da genauso seine 4 Prüfungsantritte hat und nicht nach einem Semester ist Schluss...

Alchi
22
16.3.2010, 17:07
Wer psychisch nicht mit dem Knock-out fertig wird...

...sollte sich sowieso fragen ob er am richtigen Ort ist und nicht vielleicht etwas einfacheres angehen sollte.

beos
12
16.3.2010, 17:16

Denk bitte mal nach! Mein Vater hatte einen Herzinfarkt plus zum Glück nur kurz- mittelfristigen Folgeerscheinungen. Das hat mich belastet, weshalb ich zum Glück nur bei einer Prüfung/Kurs auch den 2ten Versuch nicht gepackt habe... Beim 3ten gabs nen 2er...

Bin ich jetzt am falschen Ort, bzw. hab ich meinen Abschluss nicht verdient?

Bei vielen im Leben laufts mal blöd und mein Fall war wohl noch eher harmlos... Aber glaub mir, weiss nicht was du studierst oder studiert hast, die ganzen Prüfungsmodulalitäten sind nicht immer ein Zuckerschlecken... Dazu wenn dir persönliche Schicksale schon egal sind, denk zumindest über den volkswirtschaftlichen Schaden nach, wenn Potentiale und bereits investiertes Geld verschwendet wird...

Alchi
31
17.3.2010, 16:18
schatzi, ich werde fürs nachdenken bezahlt.

das problem ist systemischer natur. ich glaube, dass jemand der unter widrigen umständen nicht performt einen abschluss nicht verdient. akademiker definieren sich doch als (bildungs)elite. hab ich da was missverstanden?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 52
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.