Der Charme antiker Albtraumgesänge

15. März 2010, 17:24
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Premiere von Christoph Willibald Glucks Oper im Theater an der Wien: Regisseur Torsten Fischer setzt auf klare, bisweilen albtraumhafte Bilder

Applaus für alle.

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Wien - Es herrscht ein wildes Flehen und Wehklagen auf der Halbinsel Tauris, das selbst in der Opernliteratur eher selten ist. Durchaus nachvollziehbar allerdings: Die Vorgeschichte zur Klage und zu der Begegnung von Iphigenie und Bruder Orest (die Regisseur Torsten Fischer nicht vorenthält) ist blutrünstig genug, um die traumatisierte Iphigenie und den geplagten Orest in Christoph Willibald Glucks Iphigenie en Tauride zu albtraumgeplagten, flehenden Nervenbündeln werden zu lassen. Mitunter sehnen sie nur noch eines herbei, nämlich ihr eigenes Ende.

Während der Ouvertüre frischt Fischer das antike Wissen theatral auf: König Agamemnon wollte einst Tochter Iphigenie opfern lassen, seinerseits wird er von Gattin Klytaimnestra ermordet, und diese wiederum wird von Sohn Orest erdolcht. Das sieht man im Theater an der Wien.

Die Toten leben in Glucks Oper, wie sie Fischer hier sanft zeitlos bis modisch deutet, allerdings auch als Vorahnung oder Gruseltraum einen Opernabend lang fort.

Als Iphigenie von allerlei Schreckensgedanken geplagt wird und Orest schuldzerfressen darum fleht, anstatt seines Freundes Pylade (markant klangschön Rainer Trost) geopfert zu werden, sind Agamemnon und Klytaimnestra, die Ermordeten, öfters zur Stelle. Einmal taucht Klytaimnestra gar als an die Wand genagelte blutüberströmte Skulptur auf. An anderer Stelle reicht sie ein Messer. Und zusammen mit Agamemnon umgarnen sie ihre Kinder, während diese auf dem steinernen Opferkreis ihr Ende erwarten.

Immer wieder erstechen

Fischer gelingen einige suggestive Bilder: Er lässt Orest (mit hoher darstellerischer und vokaler Intensität punktet Stéphane Degout) seine tote Mutter immer wieder erstechen, ohne dass die Wiederholung der Tat das Wahngeschöpf vertreiben kann. Und auch abseits des Blutrünstigen gelingt es der Regie, markante Momentaufnahmen zu erschaffen, die mit Licht, bisweilen sogar nur einem aus Taschenlampen kommenden, Atmosphäre produziert.

Das Ganze spielt sich quasi in einem drehbaren, begehbaren Flakturm ab (Bühnenbild: Vasilis Triantafillopoulos), der elegante Szenenwechsel ermöglicht und viele kleine und große Schauplätze schafft, ohne dass die Geschichte in ihrer Dynamik und Klarheit behindert wird.

Auch steht man quasi vor einer deutlichen Zweiteilung des Milieus. Auf der einen Seite Iphigenie (sehr innige Darstellung durch Veronique Gens) mit den Priesterinnen, die, schwarzgewandet, wie ein Witwenkollektiv wirken.

Auf der anderen Seite Thoas, der Herrscher über Tauris (tadellos Andrew Schroeder), der paranoide Mafioso, der seine Angst mit Menschenopfern bekämpft und sich mit düsteren, uniformen Gesellen umgibt (glänzend der Arnold Schoenberg Chor).

Am Ende allerdings schwebt ein bisschen viel Versöhnungspathos über die Bühne. Da rudert man sanft einer hoffentlich besseren, weil mordlosen Welt entgegen; Auch ein Friedenstauberl unterstützt die Wirkung. Nach so viel Blut und Grusel aber immerhin ein Kontrast.

Den schafft letztlich auch Dirigent Harry Bicket. Er animiert die Wiener Symphoniker zu sanftem Schönklang, lässt mitunter aber flach und akzentfrei begleiten. Mit Fortdauer der Geschichte machen sich indes Prägnanz und Verve breit, wird aus dem Orchestergraben auch wuchtige Nervenmusik hörbar. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 16.03.2010)

 

16., 18., 20., 23. März, 19.00

  • Die Opernbilder hatten eine gewisse Magie: Iphigenie (Veronique Gens)
wird gleich ihren Bruder Orest treffen und ihn nicht erkennen.
    foto: theater an der wien

    Die Opernbilder hatten eine gewisse Magie: Iphigenie (Veronique Gens) wird gleich ihren Bruder Orest treffen und ihn nicht erkennen.

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