Alles in Rotweinbutter

15. März 2010, 17:42
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"My dinner with toxic dreams" blickt fragend zurück auf die Theater-Sixties

Wien - Die österreichische Performancegruppe toxic dreams macht Theater, das seine eigenen Spielregeln stets mitüberprüft. Der jüngste Arbeitszyklus dieser schön abwechslungsreichen Produktionen galt dem Fetisch "Realismus" : In welcher Form ist Realität - so wie sie beispielsweise in den Stücken Tschechows grundgelegt ist - auf einer Bühne heutzutage noch behauptbar?

Bei der Beantwortung dieser Frage spielen überraschenderweise Kichererbsenpommes eine Rolle. Es ist schnell erklärt: toxic dreams schraubt als letzte Konsequenz seiner Realismus-Forschung die szenische Kunst seines Theaters herunter auf die äußeren Umstände eines Restaurantbesuchs: Bühne, Text, Choreografie, Licht, Kostüme usw., alles gehört in My dinner with toxic dreams der "Realität" eines sympathischen Ecklokals in Wien-Neubau an.

Kunstprobleme

Ein radikaler und dabei nicht ungemütlicher Schritt, den man zwar mit einem Festessen unter Fremden verwechseln kann; dem aber eine klare, vorgegebene Struktur zugrunde liegt: Die Plagerei mit dem Theater, die persönlichen Erfahrungen und Zweifel übertragen toxic dreams in das dialogische Prinzip und die Realität eines berühmten Films von Louis Malle: Mein Essen mit André (1981).

Diesem in Wahrheit mehr monologischen denn dialogischen Künstlergespräch zwischen dem Regisseur Andre Gregory und dem Schauspieler Wallace Shawn werden nun die Kunstprobleme von Regisseur Yosi Wanunu eingepflanzt: In der Mitte der reichlich gedeckten Tafel übernimmt Wanunu den quasselnden Part von Gregory, Anna Mendelssohn den des engagiert zuhörenden Wallace Shawn.

Bei gleichzeitigem Ungleichgewicht von Echtheit: Während Mendelssohn tatsächlich Shawns Text spricht, tauscht Wanunu die Gregory-Story gegen seine - nicht unähnliche - eigene. Und landet damit genau dort, wohin ihn seine Ratlosigkeit dem zeitgenössischen Theater gegenüber zwangsläufig führt: bei historischen Theaterpraktiken und Schauspielphilosophien der 1960er-Jahre samt deren Nachwehen.

Allen voran der polnische Guru Jerzy Grotowski (Für ein Armes Theater, 1968), dessen "esoterische" Laborpraktiken (Trance, "heilige Schauspieler" , Selbstenthüllung) so manchen postdramatischen Bühnenkünstlern von heute echtes Kopfzerbrechen bereiten.

Theaterexpeditionen

Wanunu erzählt im privaten Plauderton seinem Gegenüber, aber freilich auch allen an der Tafel sitzenden Gästen, von aberwitzigen Theaterexpeditionen, die er als Jugendlicher und Student zwischen israelischer Armee und Grotowski-Seminaren in Kalifornien unternommen hat. Und wie falsch das alles war.

In Wahrheit aber fragt Yosi Wanunu: Welche Spur hat Grotowski bei Peter Brook oder Ariane Mnouchkine hinterlassen? Welche der im Geist der entgrenzenden Sixties geborenen Ideen haben überlebt oder sich in Neues verwandelt?

Es stehen in dieser von Ochsenbacken und Schneckenravioli begleiteten Lecture-Performance - sie heißt My dinner with toxic dreams - am Ende zwar wieder nur Fragen im Raum, doch das hat seinerzeit auch Tschechow nicht zu vermeiden gewusst. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 16.03.2010)

16./17. 3., 23./24./25. 3., Restaurant schon schön, www.toxicdreams.at, jeweils 20 Uhr

  • Prüfen die eigenen Spielregeln stets mit: toxic dreams.
    foto: tim tom

    Prüfen die eigenen Spielregeln stets mit: toxic dreams.

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