Das Pfeifen im Bücherwald

15. März 2010, 17:37
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Leipzig ist mittlerweile der größte und wichtigste Präsentationsort der Hörbuchverlage - Weitere Schwerpunkte bilden die Digitalisierung und die Fantasy-Literatur

Wien - "Krise! Welche Krise?" Man muss schon Chuzpe haben, um als Organisator gleich am ersten Tag der diesjährigen Leipziger Buchmesse, des zweitgrößten Events dieser Branche im deutschsprachigen Raum, ein Symposion mit einem solchen Titel abzuhalten. Ob als Buchhändlerin, als mittelständischer Verleger, als Autor oder Übersetzerin, das Pfeifen im Bücherwald nach dem Umsatzkrisenjahr 2009 ist unüberhörbar. Auch wenn die Messeveranstalter unbeirrt darauf verweisen, dass die Zahl von 2100 Ausstellern aus 39 Staaten im Vergleich mit dem Vorjahr nahezu unverändert geblieben ist. Denn auffällig ist in diesem Frühjahr nicht nur eine reduzierte Buchtitelzahl inklusive starker Risikoscheu, sondern auch dass große Verlage aus München, Frankfurt am Main und Wien kleinere Abordnungen denn je nach Leipzig entsenden, gelten doch die vier Tage branchenintern mehr als soziales Get-together denn als ökonomisch wichtiger Treffpunkt.

Wie stets liegt Leipzigs thematischer Schwerpunkt beim binneneuropäischen Ost-West-Kulturtransfer. György Dalos, dieses Jahr mit dem Buchpreis zur europäischen Verständigung gekürt, und Alida Bremer kuratieren zum dritten Mal die Programmreihe mit Literatur aus Südosteuropa. Internetliteraturportale wie das serbische Beton oder Booksa aus Kroatien entsenden Blogger. Und unter dem Signet "Kleine Sprachen - Große Literaturen" gibt es wieder zwölf Tandemlesungen ebenso vieler mittelosteuropäischen Poeten, darunter etwa der hierzulande noch immer zu entdeckende Serbe László Vegel.

Das Hörbuch hat sich mittlerweile schon eine Viertelmessehalle erobert. Dort wird es auch eine Ausstellung akustischer Rezitationsgerätschaften geben, vom Grammofon über Kassette und MP3-Player bis zur Micro-SD-Speicherkarte. Die Leipziger Buchmesse ist inzwischen zum größten und wichtigsten Präsentationsort der Hörbuchverlage geworden. Digitalisierung wird ebenso heiß debattiert wie Twitter, Facebook, Smartphone oder das iPad, Begriffe, die für Verleger wie für den Buchhandel in Zukunft wichtig sein werden - wie auch als PR-Andockstation soziale Netzwerke.

"Wir beschäftigen uns" , sagt etwa Katja Krause, Programmleiterin des Deutschen Audio-Verlags, "gerade intensiv mit diesem Bereich und überlegen, wie wir den Kunden, die gar keinen klassischen Buchläden mehr besuchen, im Netz eine attraktive Plattform bieten können." Das wird dann allerdings etwas anderes sein als nur eine technologische Modulation klassischer Mundpropaganda, dank deren sich einst Bücher mit anfangs mattem Presseecho bis auf die Bestsellerlisten vorarbeiteten. Der Schritt zur reinen Musik ist dann kein großer mehr. Einen immer größeren Anteil nimmt auch Fantasy ein, was wohl zu außerliterarisch Besonderem verpflichtet. So wird Wolfgang Hohlbein, Deutschlands erfolgreichster Fantasyautor, eine multimediale Lesung präsentieren, zu der die amerikanische True-Metal-Band Manowar aufspielen wird. Und Markus Heitz, in Buchausstoß und Verkaufszahlen Hohlbein mittlerweile eng auf den Fersen, liest aus seinem neuen Thriller, natürlich einem Vampirroman, wobei eine Neo-Gothic-Band spielen und eine Bauchtänzerin nabelkreisen wird.

Der Kurt-Wolff-Preis, ausgezeichnet mit 26.000 Euro, geht in diesem Jahr erstmals an eine Einzelperson, an Klaus Wagenbach, den Gründer des gleichnamigen Berliner Verlags. Und der Förderpreis an Voland&Quist, einen jungen Dresdner Verlag, der sich auf Spoken Poetry spezialisiert hat.

Wie passend für eine Messe, die sich als Lesefest versteht. Auch heuer sind für vier Tage mehr als 2000 Lesungen angekündigt. Krise, welche Krise? (Alexander Kluy, DER STANDARD/Printaugsabe, 16.03.2010)

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    Das Hören von Büchern boomt. Bei der Leipziger Buchmesse wird dem Hörbuch mehr Raum gewidmet. Vermehrt wird auch das Thema Digitalisierung in den Verlagen zum drängenden Thema.

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