Textile Wiedergeburt mit "Returnity"

21. März 2010, 16:46
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Die Verwandlung von Polyester in einen "grün" produzierten, vollständig wieder verwertbaren Stoff

Als sich das Traditionsunternehmen Backhausen entschloss, etwas für die Umwelt zu tun, war das alles andere als einfach, denn die flammhemmenden Trevira CS-Stoffe, die in Hoheneich in Niederösterreich produziert werden, sind aus Polyester. "Das hat nicht viel mit Umweltfreundlichkeit zu tun", erzählt Reinhard Backhausen, Unternehmer in sechster Generation und Vorsitzender der Geschäftsführung, von den Anfängen.

Von der Wiege zur Wiege

Der Impuls kam von den Kindern. "Nachdem sie den Al Gore-Film (Anm.: "An Inconvenient Truth") gesehen haben, meinten sie erschüttert: 'Was kommt da auf uns zu!?'" Bald darauf lernte Reinhard Backhausen den EPEA-Gründer Michael Braungart kennen. Das internationale Forschungs- und Beratungsinstitut mit Sitz in Hamburg hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Qualität, den Nutzwert und die Ökobilanz von Produkten durch öko-effektives Design zu optimieren. Richtlinie ist das Cradle to Cradle (C2C)-Konzept, das sich der Herstellung kreislauffähiger Produkte verschrieben hat. "Von der Wiege zur Wiege" bedeutet die Gestaltung von Materialien im Hinblick darauf, dass ihr Wert auch für nachfolgende Produktgenerationen erhalten bleibt und immer wieder aktualisiert werden kann.

"Returnity"

Reinhard Backhausen setzte sich mit Technikern und Wissenschaftlern zusammen. Nach eineinhalb Jahren war die Formel zur umweltfreundlichen Produktion von Trevira CS gefunden und ein passender Name gleich dazu: "Returnity" - aus "Return" und "Eternity". Dafür gab es 2009 die C2C-Zertifizierung in Gold. Derzeit ist Backhausen mit Returnity für den Österreichischen Staatspreis für Innovation nominiert. Seit Juli 2009 werden sämtliche Stoffe im C2C-Prinzip erzeugt. Dabei spielt jedes Rädchen eine Rolle. So versorgt ein Energieanbieter, der hauptsächlich auf Wind- und Wasserkraft setzt, das Werk in Hoheneich im oberen Waldviertel.

Herzblut

Die Produktion des Trevira CS Returnity nach dem Cradle to Cradle-Prinzip betreibt Backhausen nach Eigendefinition "mit viel Herzblut. Wir machen das für die nächsten Generationen. Denn die müssen für das büßen, was heute umwelttechnisch verbrochen wird." Nach seiner Gründung 1849 wurde das Unternehmen Backhausen vor allem durch die Zusammenarbeit mit Künstlern bekannt und war einer der Hauptlieferanten an die Wiener Werkstätte. Josef Hoffmann, Dagobert Peche und Koloman Moser entwarfen Muster für die Textilien. Diese Tradition setzt Backhausen heute mit den Entwürfen zeitgenössischer Künstler wie Hans Hollein, Peter Kogler, Ernst Fuchs oder Hermann Nitsch fort - alle in Form des Trevira CS Returnity. Kontinuierlich kommen neue Designs hinzu. Die Entwürfe können im Wiener Werkstätte-Museum im Untergeschoß des Haupthauses in der Wiener Schwarzenbergstraße besichtigt werden. Zu den Exportmärkten des Unternehmens zählen Europa, Nord-Amerika, Russland, Asien und der arabische Raum. Die Stoffe zieren Top-Hotels, Opernhäuser, Konzerthallen, öffentliche Verkehrsmittel und Privathaushalte.

Wiedergeburt

Hat ein Trevira CS Returnity-Produkt seinen Zweck erfüllt, beginnt die Wiedergeburt. Ein Rückgabepass garantiert die kostenlose Rücknahme und Wiederverwertung in einem Recyclingunternehmen. Auch dieses muss den internationalen C2C-Kriterien entsprechen. Da Backhausen-Stoffe einen Exportanteil von etwa 60 Prozent aufweisen, ist die Rücknahme weltweit gewährleistet. Ein einfaches e-mail genügt und ein Netzwerk an Logistik-Partnern und Wiederverwertern nimmt die Rückführung des Stoffes in den technischen Wiederverwertungskreislauf vor. Aus dem alten Returnity entstehen unterschiedliche neue Produkte: Er wird zu einem Granulat vermahlen und wieder versponnen. Oder verpresst und zu Isolierungen für Autotüren weiter verarbeitet.

"Industrielle Revolution"

Reinhard Backhausen auf die Frage, ob sich die Umstellung des Trevira CS auf die "Returnity"-Technologie gerechnet habe: "Wir verlangen nur zwei Prozent mehr von unseren Kunden. Deshalb wird das auch gut angenommen." Und die Zukunft? Backhausen: "C2C ist eine industrielle Revolution. Eine gewaltige Bewegung mit großer Zukunft, weil es alle Industriebetriebe betreffen wird." Vorreiter sei Holland, wo eine ganze C2C-Stadt entstehen soll. "Die Industrie muss umdenken. Die Produkte müssen richtig wieder verwertet werden." (Eva Tinsobin, derStandard.at, 15. 3. 2010)

Info

Backhausen

Das Cradle to Cradle-Design-Konzept wurde von Michael Braungart und William A. McDonough entwickelt. Der Grundgedanke: "Abfall" ist gleichbedeutend mit "Nahrung". Der "Cradle to Cradle"-Gedanke soll das "Cradle to Grave"-Modell ablösen, in dem Stoffströme in die Natur zurückgegeben werden, ohne jemals wieder für eine Nutzung vorgesehen zu sein, und die darüber hinaus die Umwelt mit Schadstoffen anreichern.

EPEA ist ein internationales Forschungs- und Beratungsinstitut, das durch öko-effektives Design die Qualität, den Nutzwert und die Ökobilanz von Produkten optimieren will. Es wurde 1987 von Michael Braungart gegründet. Ein Team aus Wissenschaftlern und Industrieberatern arbeitet daran, das Cradle to Cradle-Designkonzept auf Produkte, Prozesse und Dienstleistungen anzuwenden.

  • "Wir machen das für die nächsten Generationen, denn die müssen für das 
büßen, was heute umwelttechnisch verbrochen wird." (Reinhard Backhausen, Vorsitzender
 der Geschäftsführung)
    foto: backhausen

    "Wir machen das für die nächsten Generationen, denn die müssen für das büßen, was heute umwelttechnisch verbrochen wird." (Reinhard Backhausen, Vorsitzender der Geschäftsführung)

  • Nach eineinhalb Jahren Forschungstätigkeit war die Formel zur umweltfreundlichen Produktion 
von Trevira CS gefunden: "Returnity" - aus "Return" und "Eternity".
    foto: backhausen

    Nach eineinhalb Jahren Forschungstätigkeit war die Formel zur umweltfreundlichen Produktion von Trevira CS gefunden: "Returnity" - aus "Return" und "Eternity".

  •  In der Produktionshalle in Hoheneich im oberen Waldviertel wird das langlebige Gewebe erzeugt.
    foto: backhausen

    In der Produktionshalle in Hoheneich im oberen Waldviertel wird das langlebige Gewebe erzeugt.

  • Hat der Stoff seinen Zweck erfüllt, beginnt die 
Wiedergeburt. Ein Rückgabepass garantiert die kostenlose Rücknahme und 
Wiederverwertung in einem C2C-konformen Recyclingunternehmen.
    foto: backhausen

    Hat der Stoff seinen Zweck erfüllt, beginnt die Wiedergeburt. Ein Rückgabepass garantiert die kostenlose Rücknahme und Wiederverwertung in einem C2C-konformen Recyclingunternehmen.

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