Kurzdokus

Abgetragene Wohnungen, obszöne Prozessionen

15. März 2010, 16:03
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    foto: sixpack

    Einst kommunis-tisches Vorzeigeprojekt, jetzt ein Wohnsilo der Unterschiede: "Behind the Iron Gate" .

Zwei sehenswerte Kurzdokus über polnische Realitäten

Der Filmtitel ist auch Name einer städtebaulichen Wohnutopie: Behind the Iron Gate besteht aus nicht weniger als 19 Wohnblocks, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Zentrum von Warschau errichtet wurden - auf dem Areal, wo sich einmal das "Kleine Ghetto" befunden hat. Die kommunistische Variante einer Le Corbusier'schen Cité radieuse hatte eine exklusive Note, obgleich Balkone nur angedeutet blieben.

Die Filmemacherin Heidrun Holzfeind schaut in ihrem knapp einstündigen Dokumentarfilm nach, wie es heute um das Projekt bestellt ist. Sie ist weniger an der Architektur per se interessiert als daran, welchen Gebrauch Menschen aus ihr machen - eine Wohnanlage dieser Größe ist auch Miniaturmodell einer Gesellschaft. Schnell wird deutlich, wie sich Altes an Neuem reibt: Vietnamesen und Juden seien hinzugezogen, raunzen Langzeitmieter. Tatsächlich schätzen Juden den historischen Ort aufgrund der Nähe zu einer Synagoge.

Ins Schwärmen geraten dennoch die wenigsten. Die Jugendlichen hängen wie überall in den Parkanlagen zwischen den Häusern ab - in den Wohnungen ist viel zu wenig Platz. Holzfeind sucht einige davon auf, und die Unterschiede sind verblüffend - sosehr die Anlage äußerlich das Gemeinsame betont, so sehr scheint sie innen in vielerlei Identitäten zu zerfallen: Von einer Tapetenoase über die neospießige Mittelschichtsidylle bis zum Waffenmuseum ist hier alles möglich.

Auch in Polen, allerdings in einem kleinen Dorf im Süden, folgen Andreas Horvath und Monika Muskala in The Passion According to the Polish Community of Pruchnik einem in seinem offen zur Schau gestellten Antisemitismus geradezu obszönem Osterritual: Eine Judasfigur wird jedes Jahr aus Kartoffelsäcken und Heu zusammengenäht und am Karfreitag durch den Ort geschleppt, geprügelt, aufgeschlitzt und verbrannt.

Die Filmemacher begleiten nüchtern alle Etappen des Geschehens. Bei aller offenen Theatralik bekommt der sich immer ungehemmter gebärdende Mob eine reale Dimension, welche die Grenzen der Repräsentation durchbricht und erstaunliche Affekte loslöst. Selten kann man so nachdrücklich erleben, wie Ewiggestriges für die Gegenwart lebendig gehalten wird. (Dominik Kamalzadeh, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 16./17.03.2010)

"Behind the Iron Gate" , 17. 3., Schubert 2, 11.00; 20. 3., 16.00; "The Passion ..." , 17. 3., Schubert 2, 18.30; 9. 3., 18.30

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